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"Kinder der Schande"

Mitte Februar verkündete die Bundesregierung eine historische Entscheidung: Die Kinder, die deutsche Wehrmachtssoldaten während des Zweiten Weltkriegs bei der Besatzung mit Französinnen zeugten und die in Frankreich aufwuchsen, sollen die deutsche Staatsangehörigkeit erwerben können. Eine Rehabilitierung für all jene, die ihr Leben lang den Eindruck hatten, "Kinder der Schande" zu sein.

Von Suzanne Krause |
    Josiane Kruger blättert im gerade erhaltenen Formular. "Einbürgerung von Kindern deutscher Wehrmachtsangehöriger in Frankreich, sogenannter französischer Kriegskinder", lautet dessen amtlicher Titel. Der Antrag wurde eigens ins Französische übersetzt. Denn wenn auch ihr Vater Deutscher war: Josiane spricht nur französisch.

    "Ich muss nun den achtseitigen Fragebogen ausfüllen. Auf deutsch, da brauche ich also einen Übersetzer. Ich hoffe, dann auch den Namen meines Vaters als Doppelnamen tragen zu dürfen. Die deutsche Staatsangehörigkeit ist für mich eher etwas Symbolisches, aber mir liegt sehr viel daran."

    Josiane Kruger kommt 1942 in einem nordfranzösischen Dorf zur Welt, als Tochter einer alleinstehenden Französin. Der Vater, deutscher Besatzer, ist da schon an die russische Front versetzt. Ihre Geschichte hat die zierliche Frau neulich auch bei einer sehr beliebten Diskussionssendung im französischen Fernsehen erzählt.

    "Da berichte ich gerade von meiner Kindheit. Wie ich in der Schule von Nachbarskindern beschimpft wurde. Die hatten zuhause ihre Eltern über meine Mutter sprechen hören, über ihr Verhältnis mit einem deutschen Besatzer. Meine Mutter hat das Haus nie verlassen, da habe ich dann den ganzen Hass der Nachbarn abbekommen."

    Bis ins Rentenalter fühlt sich die Französin als "Kind der Schande", ausgegrenzt. Bis das französische Fernsehen 2002 erstmals eine Dokumentation zu den sogenannten Kriegskindern ausstrahlt. Daraufhin melden sich zahllose Schicksalsgenossen aus dem ganzen Land. Schnell schließen sie sich in zwei Vereinen zusammen.

    Der wichtigste, der "Freundeskreis der Kriegskinder", zählt 221 Mitglieder. Mittlerweile hat die Hälfte unter ihnen mit Hilfe des Berliner Wehrmachtsarchivs den Vater, zumeist dessen Familie in Deutschland ausfindig gemacht. Den Wunsch der französischen Kriegskinder nach öffentlicher Anerkennung macht sich auch Außenminister Kouchner zu eigen: Beim Berlin-Besuch im April 2008 bittet er öffentlich um eine Geste Deutschlands.

    Mit dem Angebot, die deutsche Staatsangehörigkeit zu erwerben, hat die Bundesregierung nun reagiert. Seitdem sind beim deutschen Konsulat in Paris drei ausgefüllte Einbürgerungsanträge eingegangen. Wolfgang Klapper, Leiter der Justizabteilung in der Botschaft, schätzt, dass die beiden Vereine die Anträge ihrer Mitglieder gesammelt einreichen werden. Er erwartet 150 bis 200 konkrete Einbürgerungsanträge. Die Bearbeitungsgebühr wird den französische Kriegskindern ausnahmsweise erlassen. Doch sie müssen ihr Anliegen glaubhaft machen. Soll heißen: ein Abstammungsverhältnis mit einem Deutschen belegen. Wolfgang Klapper:

    "Das können die unterschiedlichsten Schriftstücke sein, das wird man sich dann angucken müssen. Und die entscheidende Stelle ist dann sowieso das Bundesverwaltungsamt in Köln, was darüber entscheiden wird, ob die üblichen Voraussetzungen dann gegeben sind und dem Erwerb der deutschen Staatsangehörigkeit zugestimmt werden kann."

    Zweifelsohne werden manche Anträge für Haareraufen in diplomatischen Kreisen sorgen: Mehrere Kriegskinder haben beispielsweise herausgefunden, dass ihr Erzeuger Österreicher ist - der aber während der Besatzungszeit als Deutscher galt. - delikate Fälle. Die Entscheidung der Bundesregierung sorgt indes auch in anderen Ländern für ein gewisses Echo, resümiert Jeanine Nivoix-Sevestre, Präsidentin des Freundeskreises der Kriegskinder:

    "Ich habe seither sehr viele Anrufe von Journalisten erhalten, natürlich aus Frankreich, aber auch aus Russland, aus Portugal, von der BBC, von einem Radiosender aus den Vereinigten Staaten, von Zeitungen aus Rumänien und aus Spanien. Alle haben über unser Schicksal berichtet, den meisten war es vorher unbekannt. Im Gegensatz zu Russland. Dort geht es nun in einem Internet-Forum um die Kriegskinder im eigenen Land. Mancher meint, man müsse auch etwas für deren Rehabilitierung tun. Denn auch ihr Leben ist sehr hart."

    Nivoix-Sevestre und viele einheimische Schicksalsgenossen jedenfalls fühlen sich nun endlich im Frieden mit sich und der Welt.

    "Wir im Verein wünschen uns, dass die Kriegskinder, die auf der anderen Rheinseite geboren wurden, mit deutschen Müttern und französischen Vätern, Kriegsgefangenen oder späteren Besatzern, nun auch die französische Staatsangehörigkeit erwerben dürfen. Dass Frankreich dieselbe Geste zur Wiedergutmachung leistet wie Deutschland."