Sonntag, 14. August 2022

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Kinder sind keine kleinen Erwachsenen

In weniger als fünf Prozent der Medikamentenstudien werden Menschen über 65 Jahren miteinbezogen - doch gerade sie nehmen einen Großteil der verordneten Medikamente. Ähnlich ist es bei Kindern: In der EU sind erst seit 2007 Klinische Studien an Kindern für die Neuzulassung von Arzneimitteln Pflicht.

Von Renate Rutta | 19.10.2010

    Bezüglich der Dosierung von Medikamenten sind Kinder keine kleinen Erwachsenen. Man kann die richtige Dosis nicht einfach vom Gewicht Erwachsener auf das Gewicht von Neugeborenen oder Zwölfjährigen "herunterrechnen".

    "Meistens ist all diesen Altersstufen gemein, dass Medikamente, die eingenommen werden, langsamer ausgeschieden werden, weil die Leber und auch die Nieren unreif sind und von daher auszuscheidende Medikamente weniger gut eliminieren können."
    So Professor Wilhelm Kirch, Direktor des Instituts für Klinische Pharmakologie der Medizinischen Fakultät der TU Dresden.
    Aber es gibt eine Besonderheit: bei Kindern zwischen zwei und fünf Jahren:

    "Dass die Medikamente sehr schnell ausgeschieden werden und dass bei Kindern im Alter von zwei bis fünf Jahren dann eine Dosisanpassung dergestalt passieren muss, dass nicht die Dosis reduziert wird im Vergleich zu Erwachsenen, sondern dass die Dosis erhöht wird."
    Andere Medikamente dürfen kleinen Kindern gar nicht gegeben werden, beispielsweise Antibiotika wie Tetracyclin, so Professor Kirch:

    "Diese Tetracycline dürfen bis zu einem Alter von sieben Jahren nicht verabreicht werden, weil sie als Nebenwirkungen Knochenschäden machen und auch Zahnschäden. Die machen an den Zähnen Schmelzdefekte und die Zähne sehen so gefleckt aus. Und so gibt es viele Beispiele von Medikamenten, die bei Kindern überhaupt nicht eingesetzt werden sollen."

    Im höheren Alter baut der Körper Arzneimittel meist langsamer ab, außerdem reagieren ältere Menschen häufig anders auf bestimmte Medikamente als jüngere Patienten. Das liegt unter anderen am höheren Körperfettanteil und an einer nachlassenden Funktion der Leber und der Nieren.

    "Ein 70-jähriger Mensch hat im Durchschnitt nur noch die Hälfte der Nierenfunktion eines 20-jährigen Menschen und da können Sie sich vorstellen, wenn ein Medikament in der Hauptsache über die Nieren ausgeschieden wird, dass das dann bei alten Menschen verlangsamt ausgeschieden wird. Das bedeutet höhere Plasmaspiegel, stärkere Wirkung und gegebenenfalls das Auftreten von Nebenwirkungen. Und das muss beachtet werden."

    Viele ältere Menschen nehmen mehrere Medikamente gleichzeitig ein, die sich manchmal nicht miteinander vertragen und zu Nebenwirkungen führen können. Und die wiederum lassen sich manchmal kaum von Krankheitssymptomen unterscheiden. Professor Heiner Berthold, Leitender Oberarzt in der Geriatrie der Charité-Universitätsmedizin Berlin:

    "Es gibt ein einfaches Magen-Darm-Medikament, was viele in der Selbstmedikation nehmen, das kann Symptome eines Morbus Parkinson auslösen. Dann bekommen solche Menschen Parkinson-Medikamente, um diese Nebenwirkungen zu behandeln aber sie haben nicht wirklich eine Parkinsonsche Erkrankung. Das ist das Metoclopramid, MCP, vielen Menschen bekannt."

    Häufig sind auch Einnahmefehler, wenn Menschen schlecht sehen, wenn sie zittern, die Tabletten nicht teilen können oder sie nicht aus der Verpackung herausnehmen können. Die praktische Verabreichung kann also auch ein Problem sein.

    Eine neue Hilfestellung für den Arzt gibt es seit diesem Sommer auch in Deutschland: eine Liste von Arzneimitteln, die im Alter ungeeignet sind:

    "Wir würden aus Sicht der Altersmedizin eigentlich das Gegenteil vorschlagen, nämlich Positivlisten. Dass wir Listen aufstellen mit Arzneimitteln, die im Alter wohl am besten geeignet sind bei bestimmten vorgegebenen Erkrankungen, bei bestimmten Symptomen, das heißt, dass man eine positive Handlungsanleitung hat, was denn als Arzneimittel als Erstes oder zweites zu probieren wäre."