Mittwoch, 05. Oktober 2022

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Kinder und Jugendliche in Syrien
"Unter Bombenbeschuss zur Schule gehen"

Millionen von syrischen Kindern seien über Jahre aus dem Bildungssystem rausgefallen, sagte Ninja Charbonneau von Unicef Deutschland im DLF. Dennoch wolle sie nicht von einer "Lost Generation" sprechen. Denn wenn Jugendliche über Konfliktlinien hinweg zur Schule gingen, dürften wir sie erst recht nicht aufgeben.

Ninja Charbonneau im Gespräch mit Sandra Pfister | 15.12.2016

    Ninja Charbonneau, Pressesprecherin von Unicef Deutschland sitzt an einem Tisch im Aufnahmestudio
    Ninja Charbonneau, Pressesprecherin von Unicef Deutschland, will die Kinder und Jugendlichen in Syrien nicht aufgeben. (Deutschlandradio / Nina Carbonetti)
    Sandra Pfister: Wir haben es gerade gehört: Hilfsorganisationen haben jetzt begonnen, Ost-Aleppo zu evakuieren. Das syrische Fernsehen zeigt Bilder, wie sie Kinder aus der Stadt bringen. Wie deren Leben in den vergangenen Wochen ausgesehen hat, das kann man sich kaum vorstellen. Noch weniger, dass manche es tatsächlich geschafft haben, unter widrigsten Bedingungen weiter in die Schule zu gehen. Was aber bleibt von der ziemlich guten Schulbildung in Syrien nach einem jahrelangen Krieg übrig? Ninja Charbonneau von UNICEF Deutschland ist jetzt bei uns hier im Studio. Frau Charbonneau, wie konnten, wie können Kinder unter diesen Umständen überhaupt noch lernen?
    84 Angriffe auf Schulen in Syrien in diesem Jahr
    Ninja Charbonneau: Also die Situation ist innerhalb Syriens sehr, sehr unterschiedlich. Wir sehen natürlich alle die schrecklichen Bilder jetzt aktuell aus Aleppo. Selbst da war bis vor Kurzem auch im Osten die Stadt Unterricht noch möglich, zum Teil unter sehr schwierigen Bedingungen. Man muss dazu sagen, dass die Kinder auch dabei ihr Leben riskieren, denn wir haben alleine in diesem Jahr 84 Angriffe auf Schulen in Syrien gezählt, bei denen mindestens 70 Kinder getötet worden sind, viele weitere verletzt worden sind.
    Das heißt, es ist schon eine große Gefahr, aber gleichzeitig ist es auch den Familien so wichtig und den Kindern so wichtig, dass sie das aufrechterhalten können, weil das Leben muss irgendwie weitergehen, und das ist ihre Normalität, an die sie sich klammern und die Hoffnung auf diese Zukunft, an die sie sich klammern. Es ist tatsächlich eine große Herausforderung, die Kinder, die teilweise seit Jahren nicht zur Schule gegangen sind oder vielleicht überhaupt noch gar nicht eingeschult worden sind, in das System zu integrieren. Da versuchen wir ihnen zu helfen, indem wir sogenannte Catch-up-Classes anbieten, also eine Art Crashkurs, Schnellkurs für die Kinder, dass sie verlorenen Stoff nachholen können, mit dem Ziel natürlich, irgendwann wieder in das normale System integriert zu werden.
    "Sehr engagierte Lehrer, die trotz allem den Unterricht weitermachen"
    Pfister: Wer unterrichtet das, sind das Onlinekurse, die Sie anbieten oder schicken Sie tatsächlich Lehrerinnen oder befähigen Lehrer, einfach weiter Unterricht zu machen?
    Charbonneau: Zum Großteil sind es ganz normale Lehrer, sehr engagierte Lehrer, die trotz allem den Unterricht weitermachen. Die andere Möglichkeit, die wir anbieten, das sind Selbstlernkurse. Online ist schwierig, es gibt auch eine Onlineversion, aber es gibt nicht überall natürlich eine Internetverbindung. Wir haben auch eine gedruckte Fassung deshalb aufgelegt in den vier wichtigsten Fächern, mit denen die Kinder dann unter Anleitung eines Erwachsenen zum Beispiel in einem Gemeindezentrum dann eigenständig lernen können, auch außerhalb der Schulen.
    "Zwei Millionen Kinder im Schulalter gehen fast täglich zur Schule"
    Pfister: Haben Sie noch Leute vor Ort, die Ihnen berichten können, wie es dort aussieht und wie das mit dem Unterricht überhaupt noch funktioniert?
    Charbonneau: Ja, wir haben insgesamt über 200 Mitarbeiter in Syrien, von denen auch 19 nach wie vor in Aleppo sind. Das heißt, sie geben uns ein sehr genaues Bild von dem, wie viele Kinder in den Schulen sein können, wie viele nicht. Es ist erstaunlich, wenn man die Bilder sieht, dass trotz allem zwei Millionen Kinder im Schulalter weiterhin fast täglich zur Schule gehen können, ganz normal, aber 1,7 Millionen eben auch nicht.
    Das liegt zum Beispiel auch daran, dass viele Schulen zerstört worden sind. Zum Teil liegt es auch daran, dass der Schulweg zu gefährlich ist, und ein anderer Grund ist aber auch, dass viele Familien jetzt mittlerweile so in Not sind, nach fast sechs Jahren Bürgerkrieg, dass gerade die älteren Kinder dann arbeiten müssen und nicht zur Schule gehen können.
    Schulen im Zweischichtbetrieb
    Pfister: Nun sind ja auch wahnsinnig viele auf der Flucht, die in den angrenzenden Staaten, in den Anrainerstaaten, im Libanon, in der Türkei, in Jordanien untergekommen sind. Das ist ja wahrscheinlich extrem schwierig, die in den Lagern zu beschulen. Wie sieht es da aus?
    Charbonneau: Ja, in den Flüchtlingslagern haben wir Schulen eingerichtet, zum Beispiel in Jordanien. Im Libanon zum Beispiel gibt es gar keine offiziellen Flüchtlingscamps, weil die Regierung das nicht möchte. Dann ist es natürlich auch schwieriger, das zu organisieren, aber insgesamt ist es auch so, dass drei Viertel der Flüchtlinge in den Nachbarländern – und übrigens ist ja der überwiegende Teil der syrischen Flüchtlinge in den Nachbarländern untergekommen und nicht zum Beispiel nach Europa geflüchtet –, dass der überwiegende Teil dieser Flüchtlinge in den Gastgemeinden, sprich in ganz normalen Städten und Gemeinden untergekommen ist und nicht in Flüchtlingscamps.
    Und diese Kinder zu erreichen, ist auch eine sehr große Herausforderung, weil sie sich eben nicht zentral an einem Ort befinden, sondern überall verteilt sind. In vielen Grenzorten, in denen sich besonders viele Flüchtlinge aufhalten, ist die Infrastruktur, sprich die Schulen, vollständig überlastet. Die Schulen werden jetzt – und das ist eine gute Zwischenlösung – zumindest im Zweischichtbetrieb betrieben. Das heißt, vormittags kommen die einheimischen Kinder zum Unterricht, nachmittags die syrischen Kinder, sodass man das zumindest ein Stück weit auffangen kann.
    Knapp die Hälfte der Kinder in Nachbarländern geht nicht zur Schule
    Pfister: Aber hängt das da tatsächlich vom guten Willen der Länder ab oder der Gemeinden vor Ort, ob die sagen, okay, eigentlich haben wir hier kein Geld, unsere Schulen sind überfüllt, aber wir geben euch trotzdem noch eine Chance, und das wird wahrscheinlich manchmal funktionieren und manchmal eben nicht.
    Charbonneau: Ja, wir müssen uns mal vorstellen, dass manche Gemeinden im Libanon, dort stellen die Flüchtlinge 50 Prozent der Einwohner, zum Teil sogar mehr. Wir müssen uns jetzt nur einmal kurz überlegen, wie das wohl wäre, wenn das in unserer Heimatstadt hier in Deutschland der Fall wäre, was dann vielleicht los wäre, aber auch hier es so, dass knapp die Hälfte der Kinder in den Nachbarländern nach wie vor nicht zur Schule geht, und daran wollen wir natürlich weiter arbeiten.
    Pfister: Liegt es nur an den Kapazitäten, die die Nachbarländer anbieten können oder liegt es auch an den Familien selbst mit Blick darauf, dass bei jungen Kindern ja klar ist, bei Kleinkindern, die sollen irgendwie in die Grundschule gehen, aber was ist denn mit den Teenagern? Schicken die noch Teenager in die Schule, die alt genug sind, um arbeiten zu gehen?
    Peer-to-Peer-Education
    Charbonneau: Das ist tatsächlich das größte Problem, was Sie jetzt ansprechen, denn die Teenager sind sowieso in einem schwierigen Alter logischerweise, sind aber auch oft durch die Umstände gezwungen. Wenn sie jetzt jahrelang nicht in der Schule waren, ist es wahnsinnig schwierig, den Anschluss wieder zu finden. Die Familien, die in finanzieller Not sind, sind auch oft darauf angewiesen, dass die Jugendlichen mit anpacken, mit Geld verdienen, damit die Familie überleben kann. Viele von den jüngeren Mädchen, von den Teenagermädchen werden schon sehr jung verheiratet. Eine Hochzeit mit 14, 15 Jahren ist dann auch keine Seltenheit, was wir mit großer Besorgnis sehen. Das ist einfach ein Ausdruck der großen Not der Familien. Was man aber tun kann, wir machen sehr viel sogenannte Peer-to-Peer-Education, dass Gleichaltrige hingehen und ihre Mitschüler überzeugen, dass wir die Eltern versuchen zu überzeugen, und arme Familien auch finanziell unterstützen, dass sie darauf nicht angewiesen sind, zum Beispiel ihre Kinder arbeiten zu schicken.
    Pfister: Man sieht, dass Sie ganz viel versuchen, dass Sie ganz viele Schräubchen drehen, um den Kindern und den Familien vor Ort zu helfen. Wenn Sie es unterm Strich betrachten, es ist trotzdem schon sehr lange Zeit so, dass ein Land, was einen sehr hohen Bildungsstandard hatte, dass da kein regulärer Unterricht mehr stattfinden kann, wächst da eine "Lost Generation" heran, die nicht mehr zurückfindet in Bildung?
    Kinder, die unter Bombenbeschuss in Kellern zur Schule gehen
    Charbonneau: Das ist genau unsere große Sorge, und diese Sorge ist sehr berechtigt und sehr real, denn das betrifft wirklich Millionen von Kindern, die jetzt über die Jahre aus diesem formalen Bildungssystem rausgefallen sind. Vor dem Krieg war die Einschulungsrate fast bei 100 Prozent. Jetzt haben wir diese Millionen von Kinder, die in den letzten Jahren kaum oder nur unregelmäßig durch reguläre Bildung erreicht werden.
    Das ist natürlich sehr gefährlich für die Zukunft, nicht nur der Kinder selber, aber auch des Landes und der ganzen Region. Ich weigere mich trotzdem, da von einer Lost Generation zu sprechen, weil das würde heißen, dass wir aufgeben. Das tun wir nicht. Die Kinder geben nicht auf, die Jugendlichen geben nicht auf. Wir hören immer wieder erstaunliche Geschichten von Kindern, die selbst in Syrien unter Bombenbeschuss in Kellern zur Schule weiter gehen. Wir hören Geschichten von Jugendlichen, die über Konfliktlinien hinweg eine gefährliche Reise antreten, damit sie ihre Abschlussprüfungen machen können. Die geben nicht auf und wir geben sie deshalb erst recht nicht auf.
    Pfister: Ninja Charbonneau von UNICEF Deutschland. Ganz herzlichen Dank!
    Charbonneau: Danke Ihnen!
    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.