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StartseiteAus Religion und GesellschaftDas Gefühl, in der falschen Familie zu leben23.12.2020

Kinder von SamenspendernDas Gefühl, in der falschen Familie zu leben

Seit etwa 50 Jahren ist es in Deutschland möglich, Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch eine Samenspende zu vermitteln. Lange war es üblich, den Spenderkindern ihre Herkunft zu verschweigen. Manche spürten, dass ihr sozialer Vater nicht ihr biologischer Vater ist und machten sich auf die Suche.

Von Michael Hollenbach

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Eine Familie geht am 04.01.2015 in Berlin im Regierungsviertel einen Weg entlang und wirft dabei lange Schatten. (picture alliance / dpa - Lukas Schulze)
"Je mehr man von Humangenetik versteht, desto weniger ist man von der Macht der Gene überzeugt", sagt der Humangenetiker Wolfram Henn. (picture alliance / dpa - Lukas Schulze)
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Sandra: "Bei mir war das so, dass ich schon ganz früh einfach das Gefühl hatte, dass was nicht stimmt. Ich fühlte mich schon fremd und ich habe schon öfters dann gefragt, ob ich denn adoptiert wäre oder vielleicht im Krankenhaus vertauscht worden sei."

Martina: "Gedacht, dass irgendwas nicht stimmt, habe ich eigentlich schon von klein auf. Also in meinen ersten Tagebüchern steht schon geschrieben, irgendwie, also ich hatte immer vermutet, dass ich vertauscht wurde im Krankenhaus. Irgendwann kam dazu, dass ich gedacht habe, meine Mutter ist fremdgegangen. Und dann kam ich zu anderen Fantasien, wie also die schlimmste und letzte war einfach, dass ich vermutlich entstanden bin durch eine Vergewaltigung."

Sandra und Martina sind so genannte Spenderkinder, die durch Samenspenden entstanden sind. Wie die meisten Spenderkinder wuchsen die beiden auf, ohne etwas über ihre Entstehung zu erfahren. Dabei wurde die heute 34-jährige Martina früh skeptisch. Als einzige in der Familie ist sie blond.

Martina: "Dann in der Pubertät ganz extrem durch mein Äußerliches. Ich bin sehr früh meinen Eltern über den Kopf gewachsen. Ich bin gut zehn Zentimeter größer als beide."

"Ich hatte das Gefühl, meine Mutter weiß etwas"

Auch Sandra, heute 41 Jahre alt, hat ihre Mutter immer wieder mit ihren Fremdheitsgefühlen konfrontiert. "Die hat immer gesagt: Du, das kann nicht sein, dass du im Krankenhaus vertauscht worden bist, weil man dich einfach aufgrund von ein paar Merkmalen echt gut erkennen konnte. Das wäre nicht passiert. Und auch die Adoptionsgeschichte: Sie sagte: ‚Schau mal an, ich habe hier noch ein paar Stellen an meinem Bauch; da sieht man, dass ich schwanger war‘. Und das klang für mich sehr plausibel."

  (picture-alliance / dpa / Martin Sterba) (picture-alliance / dpa / Martin Sterba) Reproduktionsmedizin: Das Kinderwunsch-Land 
In der Reproduktionsmedizin ist in Tschechien vieles erlaubt, was in Deutschland aus ethischen Gründen verboten ist – zum Beispiel die Eizellspende. Viele Paare aus Deutschland nutzen die Angebote der Kliniken in Prag, Karlsbad und Brünn. Für Ulrike und ihren Mann war das eine schwierige Entscheidung.

Martina: "Ich hatte immer irgendwie das Gefühl, meine Mutter weiß was, und ich hatte sie auch in der Vergangenheit häufiger gefragt, wenn ich ganz viel Mut hatte. Das war schon ein Schritt, das immer zu tun, weil ich meinen Papa als Papa auch nicht verleugnen wollte. Und sie hat immer das ganz klar verneint, aber irgendwie habe ich gespürt, irgendwas weiß sie trotzdem."

Eine Kinderwunschbehandlung mit einer Samenspende galt lange als moralisch verwerflich. Erst vor 50 Jahren -  Ende 1970 - beschloss der Deutsche Ärztetag, Samenspenden nicht mehr als standeswidrig zu betrachten. Schätzungen gehen davon aus, dass es hierzulande mittlerweile rund 100.000 Spenderkinder gibt. Die meisten von ihnen wissen bis heute nichts über ihre Entstehung. Lange Zeit galt die Vorgabe der Reproduktionsmediziner an die Eltern: Schweigen Sie. Sagen Sie nichts Ihren Kindern. 

"Der Arzt hat gesagt: Sagen Sie es niemals Ihrem Kind"

Sandra: "Meine Eltern, im Grunde genommen haben sie eine Lebenslüge konstruiert und die psychosozialen Herausforderungen, die konnten sie zu Beginn, glaube ich, auch gar nicht abschätzen."

Martina: "Es wusste niemand Bescheid. Also der Arzt hat ganz klar gesagt: Sagen Sie es niemals Ihrem Kind, es wird darunter leiden. Und da hatten meine Eltern großen Respekt vor diesem Mann."

Sandra: "Wäre ich im Leben nicht drauf gekommen, weil ich das einfach auch meinen Eltern gar nie zugetraut hätte. Diese Dimension, diese Lebenslüge, die hätte ich meinen Eltern nie zugetraut."

Früher war das Schweigen Common Sense, mittlerweile hat sich in Psychologie und Pädagogik die Maßgabe durchgesetzt, "Spenderkinder" so früh wie möglich über ihre Entstehung aufzuklären. 

"Kinder spüren Familiengeheimnisse"

"Das Kindeswohl abzuwägen  ist eines der schwierigsten Dinge überhaupt", gibt Julia Inthorn zu bedenken. Sie ist Direktorin des Evangelischen Zentrums für Gesundheitsethik. Viele Eltern hätten Angst vor der Wahrheit. "Ich kann die Sorge nachvollziehen, aber es darf einen nicht davon abhalten, es zu erzählen. Weil Ehrlichkeit von Kindern immer ganz hoch gewichtet wird."

Und weil Kinder Familiengeheimnisse meist unbewusst spüren.

"Das liegt an diesen merkwürdigen, nicht erzählten Geschichten. Das ist bei allen Familien, in denen so eine Lüge in der Erzählung ist, wo es Tabus gibt, über die alle drum rumreden, diese schwarzen Flecken merken Kinder ganz schnell und sensibel. Das ist ein Sensor dafür, wie in Familien gesprochen wird."

Psychische Probleme

Lange Zeit konnte Martina mit dem Verdacht umgehen, dass irgendetwas in ihrer Familie nicht stimmt. Aufgebrochen ist dieses Gefühl dann, als sie mit ihrem Partner darüber nachdachte, selbst ein Kind zu bekommen:

Martina: "Von dem Zeitpunkt an, wo es hätte klappen können, schwanger zu werden, ging es mir von Woche zu Woche schlechter und auffällig war auch, dass ich nicht mehr in den Spiegel schauen konnte. Das war irgendwie immer schon ein Problem in der Vergangenheit, so dieses nicht einordnen können, was ist das für ein Gesicht, ohne das wirklich in Worte fassen zu können, das kann ich erst jetzt im Nachhinein sagen. Und das wurde dann vor anderthalb Jahren ganz extrem und so nach fünf Monaten ging dann bei mir gar nichts mehr, ich bin richtig zusammengesackt. Ich wusste, es ist irgendwas Unbewusstes, es muss mir irgendwas in der Kindheit widerfahren sein."

Irgendwann kam für sie der Punkt, dass sie nicht mehr konnte: "Was ist mit dir falsch und dann kam sofort der Gedanke: Papa. Dein Papa ist nicht dein Papa. Und dann habe ich Mama angerufen, habe sie richtig angeschrien, habe gedroht, ich habe gesagt ich bringe mich um. Sage mir endlich die Wahrheit. Ja, und dann hat die ganz tief geschluckt und hatte auch voller Angst es dann endlich gesagt."

Das war vor gut zwei Jahren – kurz vor ihrem 32. Geburtstag.

Martina. "Ich hatte ganz starke körperliche Reaktionen, ich habe ganz stark gezittert und habe mich tausendfach bedankt, weil ich gleichzeitig das Gefühl hatte, jetzt löst sich alles. Alle Unsicherheiten in meinen Leben, alle Fragen werden sich jetzt auflösen."

Unfruchtbarkeit wird als Makel empfunden

Dass in Familien verschwiegen wird, dass die Tochter oder der Sohn durch eine damals anonyme Samenspende gezeugt wurde, liegt oft an den sozialen Vätern.

"Fruchtbarkeit wird eben – das sind uralte kulturelle Traditionen – als ein wichtiger Teil der Vitalität angesehen und Unfruchtbarsein wird von vielen als ein Makel empfunden, und dazu nach außen hin zu stehen, das man - in Anführungszeichen – ‚es nicht fertig gebracht hat, ein eigenes Kind selbst zu zeugen‘, wird als ein Makel empfunden", sagt der Humangenetiker Wolfram Henn.

Er ist Mitglied des Deutschen Ethikrates. Er ist sich nicht sicher, ob man das Familiengeheimnis einer Samenspende lüften sollte: "Man muss gucken, dass man da keine Kollateralschäden anrichtet." Seine Befürchtung: Die Ehrlichkeit kann ihren Preis haben und Familien in schwere Krisen stürzen.

"Man muss schon genau abwägen"

Henn: "Nach 30 Jahren Humangenetiker-Dasein kann ich das in einem Satz zusammenfassen: Je mehr man von Humangenetik versteht, desto weniger ist man von der Macht der Gene überzeugt. Insofern muss man sich, wenn man an so etwas rangeht, auch die Interaktion mit dem sozialen Vater überlegen, was das mit dem anfängt – auch emotional, wenn man da in die Suche nach dem biologischen Erzeuger geht. Menschlich habe ich dafür Verständnis, aber man muss schon genau abwägen, ob man da an anderer Stelle Schaden anrichtet."

Doch Martina hat es als Befreiung erlebt, als ihre Mutter ihr endlich die Wahrheit sagte: "Weil ich wusste, ich habe die ganze Zeit recht gehabt, mein Körpergefühl stimmte. Mein Selbstvertrauen - seitdem kann es bombastisch wachsen."

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Für Sandra war es durchaus ambivalent, als sie erfuhr, dass ihr sozialer nicht ihr genetischer Vater ist: "Ich hatte mein ganzes Leben lang immer eine ganz schlechte Verbindung zu meiner Intuition. Was das betraf, war ich echt erleichtert und fand das auch schön, dass ich mich doch nicht so getäuscht habe. Aber die andere Seite war - und das können ganz viele Leute nicht verstehen, die ihre Eltern immer schon kennen, wie das ist, wenn plötzlich, wenn da eine Hälfte komplett fehlt. Wenn man überhaupt gar keine biografischen Daten hat, nichts über die Identität des einen Elternteils weiß, weder Name, noch ein Bild einfach gar nichts."

Wie wichtig sind die Gene für unsere Identität?

Sandra: "Bei mir war dann nur ein ganz großes schwarzes Loch. Also meine eigene Identität, die war einfach nur zur Hälfte nichts. Ja, also ganz schwierig auch zu erklären, aber es fehlte ein Stück."

"Da hat sich Gesellschaft über die Jahre verändert: Die Fragen, wie wichtig uns Genetik ist für unsere eigene Identität, das hat sich verändert", sagt die Medizinethikerin Julia Inthorn. Viele Spenderkinder versuchen mit großem Aufwand, mehr über ihren genetischen Vater zu erfahren und diesen kennenzulernen. "Von daher kann man auch den Wandel gut nachvollziehen, und es ist in jedem Fall zu unterstützen, aber dass das früher ganz anders gehandhabt worden ist, muss man auch nachvollziehen können."

Sandra: "Ich höre ganz oft, dass Leute mir sagen, das wichtigste ist, dass man ein Wunschkind ist, dass man liebende Eltern hätte. Und dann würde die biologische Rolle, die wäre dadurch völlig untergeordnet und hätte überhaupt keine Bedeutung mehr. Aber das ist eine Illusion."

Kritik am Begriff "Spender"

2009 haben sich Menschen, die durch eine Samenspende entstanden sind, zu einem Verein zusammengeschlossen. Sie nennen sich "Spenderkinder", obwohl sie den Begriff des "Spenders" eigentlich ablehnen.

"Die Eltern erleben das als entlastend. Sie nehmen von dem genetischen Vater eine gewisse Bedrohung war, eine Bedrohung ihrer exklusiven Beziehung zum Kind, und es entlastet sie, wenn sie den außen vorhalten können mit dem Begriff ‚Spender‘", sagt Anne Meier-Credner. Sie ist im Vorstand des Vereins "Spenderkinder".

  (picture alliance/KEYSTONE) (picture alliance/KEYSTONE) Gegen die Ungleichbehandlung homosexueller Paare
Wenn lesbische Ehepaare eine Familie gründen, wird die Frau der biologischen Mutter nicht automatisch zur Mutter – sie muss das Kind adoptieren. Das Bundesjustizministerium will deshalb nun das Abstammungsrecht ändern.

Sandra: "Der Begriff ‚Spender‘ führt dazu, dass es eine totale sprachliche Distanz erzeugt. Kein Spender fühlt sich als Vater – allein durch den Begriff. Der Begriff depersonalisiert einfach den biologischen Vater."

Herausgabe der Spenderdaten

Eigentlich hatten die Spenderkinder von Anfang an ein Recht darauf, zu wissen, wo sie herkommen, wie sie entstanden sind. Doch es brauchte mehrere Gerichtsentscheidungen, um dieses Recht auch durchzusetzen. Und bis heute wehren sich Reproduktionsmediziner gegen die Herausgabe der Spenderdaten. Seit dem Samenspenderregistergesetz von 2018 müssen die Daten der Spender zentral in einem Register für 110 Jahre gespeichert werden.

Sandra: "Leider hat es rückwirkend keine Auswirkungen mehr für die heute existierenden Spenderkinder. Gesellschaftlich haben wir natürlich auch einen totalen Wandel, der weggeht von der konservativen Mutti-Vati-Familie hin zur offenen Familie. Also, es gibt immer mehr diese offenen Modelle, es gibt z. B. Single Moms by Choice oder homosexuelle Paare. Es gibt da doch Co-Parenting, wo sich zwei zusammentun, die eigentlich keine Familie miteinander haben wollen, sondern nur das Kind. Dieses ganze Bild der Familie öffnet sich ja komplett und liberalisiert sich."

Kinderwunsch vs. Wunsch des Kindes?

Doch diese Liberalisierung verliere manchmal die so sehr erwünschten Kinder aus dem Blick, meint Anne Meier-Credner: "Wenn dann dieser Kinderwunsch da ist, dann geht es um die Erfüllung des Wunsches, aber nicht um das Kind als Mensch. Das soll jetzt nicht verbittert klingen, aber so erleben wir das einfach. Und als Frau, wenn ich mir ein Kind wünsche, würde ich auch erst mal sagen: Ja, das ist mein Wunsch, um den es geht. Dann ist es aber auch wichtig, den Schritt zu machen und zu sagen: Es geht auch um das Kind."

Und Sandra ist der Ansicht, "dass es auch zutiefst kränkend ist, wenn man weiß, dass man in eine Konstruktion hineingeboren wurde, die von vornherein vorgesehen hat, dass der eigene biologische Elternteil eigentlich den Kontakt ablehnt. Und das sind Rahmenbedingungen, die einfach kränkend sind für jedes Kind."

Samenspende: "Hey, da kannst du leicht Geld verdienen"

Dietrich ist einer jener sogenannten Samenspender. Der Münchener ist heute Anfang 50. Er hat als junger Mann seinen Samen verkauft. "Ich habe mühselig Zeitung ausgetragen in der Zeit und dann hat ein Freund zu mir gesagt: Hey, da kannst du viel leichter Geld verdienen. Da kann man Samen spenden. Da kriegst du damals hundert Mark pro Spende, du kannst einmal pro Woche hin gehen, das war erstmal eine Goldgrube."

Dietrich ging oft hin – rund 80 Mal. Geht man von einer Erfolgsquote von 25 Prozent bei der In-vitro-Fertilisation aus, könnte er –so rechnet er vor – rund 20 Kinder haben. Aber: "Ich war ganz jung und konnte mir nicht wirklich vorstellen, was Kinder sind und dass man jetzt irgendwie in einen Erziehungsauftrag reinkommt, war ja vollkommen undenkbar, das wollte man ja auch nicht. Und insofern war man zunächst mal auch mit einem Arzt sehr eng und fast kumpelhaft: Ja klar, du schützt uns und du gibst die Daten nicht raus. Es war relativ unreguliert alles und es lief super anonym ab. Also, man hat das Geld in so einem Umschlag, da stand der Nachname drauf, so zugeschoben bekommen. Das hat man diskret weggesteckt und ist dann in das Spenderzimmer gegangen und das war es dann."

80 Prozent wollen genetischen Vater kennenlernen

Auch Anne Meier-Credner ist mit Hilfe einer anonymen Samenspende gezeugt worden. Doch sie sagt: "Ich finde das schon ethisch problematisch, weil ich mich auch frage, was für ein Menschenbild steckt dahinter: Kinder zu zeugen, ohne dafür verantwortlich zu sein. Ich finde die willentliche, absichtliche Trennung von genetischer, sozialer, rechtlicher Elternschaft schwierig, weil es bedeutet, dass ein Mensch mehrere Kinder in die Welt setzt, aber kein Interesse am Kind als Person hat."

Dagegen ist das Interesse vieler Kinder an ihrem genetischen Vater, außerordentlich groß.

Meier-Credner: "Wenn wir davon ausgehen, dass das Kind aufgeklärt werden sollte, dann müssen wir zur Kenntnis nehmen, dass 80 Prozent der aufgeklärten Kinder diesen Menschen dann auch kennenlernen möchten, spätestens ab diesem Punkt geht es um eine Person."

Nur ein Fünftel der Kinder weiß von Samenspende

Man geht davon aus, dass noch immer lediglich ein Fünftel der Spenderkinder wissen, dass sie durch eine Samenspende entstanden sind. Doch wenn sie es wissen, machen sich viele wie Sandra auf die Suche nach ihrem biologischen Vater. Von den Reproduktionsmedizinern in Tübingen, die damals ihre Mutter betreut haben, hat Sandra keine Auskunft bekommen. Es gäbe keine Daten mehr. Also hat sie eine Speichelprobe von sich an eine US-amerikanische DNA-Datenbank geschickt in der Hoffnung auf genetische Übereinstimmungen. Gefunden hat sie dort entfernte Cousins:

Sandra: "Die habe ich dann angeschrieben und habe dann für die einen Stammbaum erstellt. Und die sozusagen übereinander gelegt und nach Schnittstellen geschaut. Und irgendwann nach vielen Stunden hatte ich dann mein erstes Ur-Ur-Ur Großelternpaar, das hatte ich dann gefunden."

Neben ihrem Beruf und ihrer Familie blieb Sandra für nichts Anderes mehr Zeit.

Detektivarbeit: Suche nach der Familie

Sandra: "Da arbeitete ich dann so ca. zwischen 1000 und 2000 Stunden dran und habe dann Puzzleteil für Puzzleteil hinzugefügt und am Ende war ich gar nicht mehr weit entfernt. Also dann konnte ich schon meine Familie recht gut eingrenzen."

Ihre Detektivarbeit führte sie dann ans Ziel:

Sandra: "Da wusste ich dann, jetzt kann es sich nur noch um drei Männer handeln, das waren drei Brüder und da wusste ich, einer muss es sein."

Und nur einer der Brüder war vor 42 Jahren in Tübingen, dem Ort der Reproduktionsklinik.

  (dpa/Karl-Josef Hildenbrand) (dpa/Karl-Josef Hildenbrand) Fortpflanzungsmedizin: Plädoyer für neue Regeln bei der Eizellspende
Viele Paare in Deutschland können sich ihren Kinderwunsch nicht erfüllen. Ein Gutachten legt nahe, die Gesetze zur Reproduktionsmedizin zu lockern. Sein Mitautor Tewes Wischmann erklärt, was eine Legalisierung der Eizellspende brächte.

Sandra: "Rückblickend bereue ich das auch gar nicht, weil es mir einen ganz großen Frieden gebracht hat."

Sandra hat ihren genetischen Vater gefunden. Mittlerweile hat sie sich mehrmals mit ihm getroffen. Eigentlich ein fremder Mann, mit dem sie vier Jahrzehnte keinen Kontakt hatte.

Sandra: "Andererseits war es natürlich so, dass ich ganz viel von mir in ihm dann wiederfand. Das hat mich schon auch fasziniert, weil dieses alte 'Nature versus Nurture'-Thema, das habe ich am eigenen Leib dann erleben dürfen. Wir hatten ja gar keine Gelegenheit, uns gegenseitig zu beeinflussen und hatten dann trotzdem so viele Themen, die uns beschäftigen und Hobbys und Vorlieben und so. Das war schon faszinierend. Und optisch auch, ich habe mich natürlich auch optisch in ihm wiedergefunden."

Sehr wenige Spender suchen ihre Kinder

Dietrich gehört zu den ganz wenigen Samenspendern, die sich selbst auf die Suche gemacht haben nach möglichen Kindern. Er hat eine Speichelprobe von einer DNA-Datenbank analysieren und registrieren lassen, um mögliche Übereinstimmungen zu finden. Vor eineinhalb Jahren war es soweit:

Dietrich: "Ich schaue in die Datenbank rein und ich denke, mich laust der Affe, ich habe plötzlich einen neuen Match dort drin: Vater-Tochter. Und dann hat es mich wirklich hinübergehauen. Dass sich was ganz Besonderes in meinen Leben abspielt, das habe ich sofort erkannt."

Britta: "Es war der 18. Mai und es war ein sehr schöner Tag, das weiß ich noch. Als ich dann zu Hause war, habe ich eine E-Mail bekommen von einem Mann. Da stand im Betreff: ‚Schau doch mal im FTDNA nach‘. Und dann habe ich mir gedacht, was ist das denn für eine Spam-Nachricht?"

Britta wohnt – wie Dietrich – in München. Sie ist 31 Jahre alt. Seit 12 Jahren weiß sie, dass sie ein Spenderkind ist. In der DNA-Datenbank hatte sie vor allem nach Halbgeschwistern gesucht:

Britta: "Also das war ganz komisch. Und dann klickt man eben auf diese Matches und auf einmal sehe ich: ‚Relationship: Vater‘. Ja und dann kann man sich vorstellen, in dem Moment ist ein Knoten geplatzt, von dem ich nicht mal gewusst habe, dass er existierte."

Happy End?

Dietrich: "Das ist so ein besonderer Moment, dass du jetzt auf einmal überhaupt eine Tochter hast. Ich habe drei Söhne, drei wunderbare. Jetzt habe ich plötzlich eine Tochter, das war für mich wie aus dem Himmel gefallen."

Britta: "Und dann hat er auch gefragt: ‚Wenn du magst, kannst du auch sehr gerne vorbeikommen‘. Und er würde sich sehr freuen, und die Familie freut sich sehr über den neuen Zuwachs. Und dann haben wir uns eigentlich direkt, nicht mal 24 Stunden später, getroffen."

Dietrich: "Dann habe ich an der Umarmung und an der Intensität gemerkt, dass es für sie ein unglaubliches Glück war, mich kennenzulernen, und das bewegt uns bis heute."

Britta: "Als wir uns in die Augen geschaut haben, würde ich behaupten, also ich kann es nur von meiner Seite aus sagen, ich finde schon, dass man merkt, dass man genetisch miteinander verwandt ist."

Es bleibt ein lebenslanges Thema – für die Kinder und für die Spender. Nicht immer führt die Suche zu einem so glücklichen Ende wie bei Britta.

Britta: "Ich habe eine neue Stabilität, würde ich sagen. Und ich habe jetzt auch eine Familie, die mir keiner mehr nehmen kann. Ich war da auch mein ganzes Leben immer so ein bisschen auf der Suche, weil: Ich habe ja nur meine Mutter gehabt. Ich hatte ja nur sie und ich habe oft auch Angst als Kind gehabt: Was ist, wenn ihr etwas passiert? Ich bin mutterseelenallein, ich habe keinen mehr, keine nahe Verwandtschaft mehr. Es ist so, dass die Angst jetzt weggegangen ist: Ich habe meine Mutter, ich habe meine neue Familie. Ich habe eine feste Säule dazu bekommen, die mir auch keiner wegnehmen kann, weil die gehört zu mir genetisch, das bleibt, das kann keiner löschen."

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