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StartseiteLange NachtKing Kong, der Vegetarier31.10.2009

King Kong, der Vegetarier

Eine Lange Nacht des Gorilla

Als der karthagische Seefahrer Hanno die seltsamen schwarzhaarigen Wesen beschrieb, die er an der westafrikanischen Küste gesehen hatte, hielt er sie für eine besonders wilde Form des Menschen. Erst nachdem der Afrikareisende Henry Savage 1847 das gleiche Wesen wieder entdeckte, wurde klar, dass es sich um einen riesigen Affen handelte: den Gorilla. Er ist mit großem Abstand der letzte Menschenaffe, der von der westlichen Wissenschaft entdeckt wurde.

Von Richard David Precht

Gorilla (AP)
Gorilla (AP)

Zugleich ist der größte Verwandte des Menschen von Anfang an ein mythisches Tier, über das ungezählte Legenden kursieren, nicht nur im Jahr des Gorillas 2009. Da der Gorilla in dem Moment bekannt wird, in dem Darwins Evolutionstheorie entsteht, verschmilzt die Verteuflung der "Bestie" mit dem Kampf gegen den Darwinismus.

Der Gorilla wird ein Monster, von den Reisebeschreibungen Brehms bis zum Film "King Kong". Erst allmählich hat sich das Bild des großen Affen grundlegend geändert; aus dem gefürchteten Monster ist ein sanfter Vegetarier geworden.

Gorillas bei Wikipedia
Tierwissen: Gorillas
Year of the Gorilla 2009
Gefahren für Gorillas
Für Kinder zum Internationalen Jahr des Gorillas

"Am dritten Tag nach unserer Abreise, wir waren an den Feuerströmen vorbeigesegelt, erreichten wir eine Bucht, die das Südhorn genannt wird und in der sich eine Insel mit einem See befand. In diesem See war eine weitere Insel mit wilden Leuten, größtenteils Frauen, deren Körper stark behaart waren und die unsere Dolmetscher "gorillae" nannten. Obwohl wir die Männer verfolgten, konnten wir keinen von ihnen gefangen nehmen; alle entflohen uns, indem sie über die Klippen entkamen und sich mit Steinwürfen verteidigten. Wohl aber wurden drei Weiber eingefangen, die sich so wütend verteidigten, dass sie getötet werden mussten. Wir häuteten sie und brachten ihre Felle nach Karthago mit. Wir segelten nicht weiter, da unsere Vorräte zur Neige gingen."

Der karthagische Seefahrer Hanno, der Anfang des 6. Jh. v. Chr. mit einer Flotte von 60 Schiffen die westafrikanische Küste erkundet, spricht von "wilden Leuten". Und die Begegnung erscheint als authentisch. Die Häute, die seine Mannschaft den seltsamen gorillae abgezogen hatten, gab es wirklich. Zwei der drei Häute, so der römische Historiker Plinius, fanden die Römer noch 400 Jahre später bei der Einnahme Karthagos im Tempel der Juno vor. Auch von "sehr bösartigen" Tieren auf den "indischen Bergen unter dem Äquator" weiß er zu berichten, "Satyren" mit Menschengesicht, bald aufrecht, bald auf allen Vieren gehend. Sind es dieselben Wesen, deren Häute Hanno mit nach Karthago gebracht hatte?

"In den Wäldern von Calongo hausen zwei Arten von Ungeheuern, die hier gemein und sehr gefährlich sind. Das größere dieser Ungeheuer heißt "Pongo", das kleinere "Engeco". Der Pongo ist seiner ganzen Gestalt nach wie ein Mensch, nur dass er mehr einem Riesen ähnlich ist. Er ist sehr groß, hohläugig, mit langen Augenbrauenhaaren. Gesicht, Ohren und Hände sind unbehaart, der Körper aber ganz. Die Färbung des Haares ist schwarzbraun. Seine Beine unterscheiden sich von denen des Menschen durch das Fehlen der Waden. Es gehen immer viele Pongos zusammen und töten auch viele im Wald arbeitende Neger. Sie schlagen auch Elefanten mit geballten Fäusten und Holzstücken in die Flucht. Diese Pongos werden niemals lebend gefangen, denn sie sind so stark, dass auch zehn Männer nicht imstande sind, sie zu halten."

Auch die zweite Quelle erscheint als glaubwürdig, 1625 veröffentlicht unter dem Titel "Purchas Wanderungen". Ein Abenteuerbericht, eine Sammlung unterhaltsamer und spannender Geschichten unter anderem auch über das Leben und Treiben eines englischen Seeräubers und Abenteurers. Andreas Batell stammte aus Leigh in Essex, doch seinen Militärdienst leistete er beim königlich-spanischen Generalcapitän Pereira im nahezu unerforschten Angola.

Im Jahr 1847 erscheint ein erster Artikel über den neuen Menschenaffen, veröffentlicht im "Boston Journal of Natural History" der bedeutendsten naturwissenschaftlichen Zeitschrift Amerikas. Verfasst von Thomas Savage:

"Sie sind ungemein wild, und ihr Verhalten ist immer aggressiv, nie laufen sie vor dem Menschen davon, wie der Schimpanse. Wenn man das Männchen sieht, stößt es einen fürchterlichen Schrei aus, der weit durch den ganzen Wald hallt - ähnlich wie Kah-ah!, gedehnt und schrill. Beim ersten Schrei verschwinden das Weibchen und die Jungen schleunigst; dann nähert sich das Männchen dem Feind mit großem Ungestüm und stößt in rascher Folge seine Schreie aus. Der Jäger erwartet sein näher kommen mit angelegtem Gewehr; wenn er nicht sicher zielen kann, lässt er das Tier nach seinem Lauf greifen, und wenn es ihn an seinen Mund zieht, drückt er ab; sollte der Schuss nicht losgehen, wird der Lauf zwischen den Zähnen zermalmt, und die Begegnung erweist sich bald für den Jäger als tödlich."

Erst 1876 gelingt der lang ersehnte Coup. Der erste lebende Gorilla kommt nach Europa - nach Berlin. Ein friedfertiges, "melancholisches" Affenkind, anrührend und anhänglich.

Falkenstein, Arzt und Zoologe der Expedition, fand den kleinen Gorilla am 2. Oktober 1875 zu Pontanegra im Magazin des Portugiesen Laurentino Antonio dos Santos an eine Brückenwaage gefesselt und bot sofort jeden erschwinglichen Preis.

"Indem er so allmählich dahin gebracht wurde jegliche Nahrung anzunehmen und zu vertragen, wuchs die Aussicht, ihn glücklich nach Europa überzuführen, und dies ist gewiss der einzige Weg, später andere junge Gorillas für die Überfahrt fertig zu machen; Jeder Versuch, sie unmittelbar nach der Erlangung ohne vorherige Entwöhnung von der alten Lebensweise, ohne sie den veränderten Verhältnissen ganz langsam und planmäßig anzupassen, an Bord zu bringen, wird immer wieder von neuem ein mehr oder weniger schnelles Hinsiechen und den Tod zur Folge haben."

Am 30. Juni 1876 gelangt M'pungu, begleitet von den Glückwünschen des greisen Charles Darwin, nach einem Triumphzug durch halb Europa nach Berlin.

Harro Strehlow:
"Er verkaufte ihn letztendlich an das Berliner Aquarium. Das Berliner Aquarium stand Unter den Linden Ecke Schadowstraße, war eine eigene Kommanditgesellschaft auf Aktien, die 1869 das Haus "Berliner Aquarium" eröffnete. Es war aber eigentlich nicht nur ein Aquarium, sondern ein Zoo in einem Haus, das heißt im obersten Stockwerk waren eine Abteilung für Vögel und Säugetiere und Schlangen, und im unteren Stockwerk waren dann die Aquarien-Becken. Und in dem Haus wurden oben eben auch die Menschenaffen gehalten."

Harro Strehlow
Gorilla Bobby auf dem Titelblatt

Harro Strehlow, Zoohistoriker aus Berlin, hat die Geschichte des Gorillas Bobby ausführlich untersucht. Doch auch zahlreiche Zeitzeugen, haben Bobby studiert, beschrieben und berühmt gemacht. Der bekannteste unter ihnen, der Populär-Autor Paul Eipper, hat den Aufsehen erregendsten aller in Deutschland gehaltenen Zoo-Gorillas gleich zwei Mal verewigt, das erste Mal 1928 in dem Buchgemeinschafts-Bestseller "Tiere sehen dich an" und ein zweites Mal noch ausführlicher 1934 in seinem Buch "Der Tierfreund reist":

"Durch die Zoofachwelt verbreitete sich plötzlich ein interessantes Gerücht: in Marseille, so hieß es, habe ein kleiner Zwischenhändler einen männlichen Gorilla bekommen, und da der Tierhändler Hermann Ruhe in Eros de Cagnes nur wenige Stunden von Marseille entfernt war, traf er als erster ein, fand tatsächlich in einem Bretterschuppen neben Meerkatzen und anderen kleinen Affen - "Bobby", das Gorillakind. Im Allgemeinen erwerben Tierhändler Gorillas nicht gern; man hatte bislang fast immer schlechte Erfahrungen gemacht und war der Ansicht, dass diese Art von Menschenaffen bei uns nicht lebensfähig sei. Aber was Ruhe in Marseille erfuhr, war außergewöhnlich und sehr verlockend. Dieser Gorilla soll schon als Säugling aufgegriffen worden sein, habe 3 Jahre als gleichberechtigtes Familienmitglied bei einem afrikanischen Farmer zugebracht und sei dort so ernährt worden, wie auch bei uns in Deutschland möglich ist. Bobby bekam Milchreis, Apfelkompott, Bananen, Weißbrot und Zwieback, hin und wieder auch gekochtes und gebratenes Fleisch, schätzte Marmelade und süßen Tee."

Die Führer durch den Berliner Zoo vor dem Ersten Weltkrieg - von Harro Strehlow.

Die Deutsche Gesellschaft für Geschichte und Theorie der Biologie (DGGTB) hat sich zum Ziel gesetzt, wissenschaftshistorische Grundlagen für das heutige Verständnis der Biologie zu erarbeiten.

Goma (geb. 1959): Goma


1959 war ein besonderes Jahr für den Basler Zolli. Erstmals konnte in einem europäischen Zoo die Geburt eines Gorillakindes gefeiert werden. Das Gorillababy Goma wurde durch Radio, Fernsehen und Presse bald weltberühmt und entwickelte sich zur allgemeinen Freude auch prächtig. Da Goma von ihrer unerfahrenen Mutter Achilla nicht artgemäß gepflegt wurde, kam sie in ihrem ersten Lebensjahr in die Obhut des damaligen Zoodirektors Ernst Lang und seiner Frau, wo sie wie ein Menschenbaby aufwuchs. Später war es nicht einfach, Goma allmählich an den Zoobetrieb zu gewöhnen. Die Kontaktaufnahme mit dem älteren Gorillajungen Kulu scheiterte, weil sich Goma vor ihm fürchtete. Erst als der Säugling Pépé nach Basel geholt wurde und ebenfalls im Direktorenhaus einzog, konnte sie sich erstmals mit einem Artgenossen anfreunden. Der Umzug ins Affenhaus ließ sich nun zu zweit besser durchführen. Goma gebar 1971 Tamtam, welchen sie selber aufzog. 1999 feierte der Basler Zoo den 40. Geburtstag der Gorillagreisin Goma.

"Neben meinem Schreibtisch steht ein Laufgitter mit einem großen Wäschekorb. Darin schläft Goma, unser Gorillakind. Von Zeit zu Zeit tut sie einen tiefen Schnauf, der wie ein menschlicher Seufzer tönt. Soeben wird sie von meiner Frau aufgenommen und abgehalten, und schon schläft sie weiter, auf dem Rücken liegend, den rechten Arm über den Körper gelegt, den linken weit von sich streckend. Es ist 10 Uhr abends, und Goma hat schon zwei Stunden geschlafen. Nun werden wir bis morgen früh um 7 Uhr nichts mehr von ihr bemerken als ihre kleinen Seufzer, ihr ruhiges Atmen und vielleicht eine Handbewegung, ein Anziehen eines Fußes, wenn sie träumt."

So beginnt der Bericht von Ernst Lang, der in den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts Direktor des Basler Zoos war. In kürzester Zeit wird Goma in der Zoofachwelt weltberühmt, ein Medienereignis und Fernsehstar: das erste in Europa geborene Gorillakind, und das zweite in einem Zoo weltweit. Der erste Gorilla, der überhaupt außerhalb Afrikas zur Welt kam, war "Colo", geboren am 22. Dezember 1956 im Tiergarten von Columbus im Bundesstaat Ohio in den USA. Ein junger Tierarzt hatte das hilflose Bündel zufällig auf dem Boden des Affenkäfigs gefunden, von ihrer überforderten Mutter gleich nach der Geburt auf den Boden gelegt und verlassen. Nur mühselig war es dem Tierarzt gelungen, das halbtote Gorillababy durch Mund-zu-Mund Beatmung vor dem Tod zu bewahren und in einem Brutschrank am Leben zu erhalten. Mit der Flasche getränkt, wuchs es auf ohne dass es allzu viel beobachtet und darüber geschrieben wurde. Immerhin hatte man in der Fachwelt jetzt den Beweis, dass Gorillas sich auch in der Obhut des Menschen fortpflanzen konnten. Noch heute lebt Colo in Columbus, fast 50 Jahre alt und einer der ältesten Gorillas in einem Zoo weltweit. Das Affenweibchen zog drei Kinder groß und hat sechzehn Enkel.

Hans Werner Ingensiep: Geschichte der Pflanzenseele
Philosophische und biologische Entwürfe von der Antike bis zur Gegenwart.
2001 Kröner

Leben, Töten, Essen . Anthropologische Dimensionen.
Hrsg. v. Heike Baranzke, Franz-Theo Gottwald u. Hans W. Ingensiep
2000 Hirzel, Stuttgart

Hans Werner Ingensiep hat Goma im April 1996 im Baseler Zoo besucht, gemeinsam mit der Bonner Ethikerin Heike Baranzke. Dies ist ihr Erfahrungsbericht:

"Lebt Goma noch?" "Wer bitte?" "Goma, das Gorillaweibchen! Der erste in Europa geborene und aufgezogene Gorilla." "Tut mir leid, weiß ich nicht", gesteht die Kassiererin des Basler Zoos, der nicht zuletzt wegen Goma berühmt geworden ist. "Gibt es denn spezielle Literatur zu den Menschenaffen des Basler Zoos?" "Nein, nur den allgemeinen Zooführer können sie erwerben." Die Präsenz der Menschenaffen in der Broschüre ist enttäuschend. Also führen wir uns selbst über Umwege und mit der Erwartung, dass Goma wohl eingegangen, Verzeihung!, gestorben ist - denn sonst würde man sie doch kennen - ins Affenhaus. (...) Der erwartungslose Blick auf das Informationstäfelchen enthüllt: Die Gorillas haben Namen - und Goma lebt noch! Ihre Mutter Achilla ist Anfang der 80er im Alter von ca. 40 Jahren verstorben, aber die 1959 geborene Gorilladame lebt tatsächlich noch, aber ihr Ruhm ist verblasst. Niemand im Zoo erinnert sich der einstigen Berühmtheit. Wer unter den hinter den drei Glasfenstern lebenden Gorillas mag Goma sein? Ein halbwüchsiges Gorillakind, zwei erwachsene Weibchen und zwei gewaltige Silberrücken, die in größtmöglichem Abstand zueinander in stoischer Ruhe verharren, oftmals an einem der unzähligen, von der Decke herabhängenden Taue sich festhaltend. Aber zwei Silberrücken in einer kleinen Gruppe? Das kann doch nicht gut gehen! Eines der beiden massigen Tiere, über deren schwarz glänzenden Gesichtern sich hohe Wülste bäumen und den gewaltigen Köpfen eine rechteckige Form verleihen, muss Goma sein, eine hochbetagte Gorilladame, der ihr ehrwürdiges Alter maskuline Züge verliehen hat. Wir zweifeln noch - ist das kleinere dieser beiden stattlichen, sogar hinter der Scheibe noch Furcht einflößenden Tiere wirklich ein Weibchen? Das halbwüchsige Gorillakind gibt uns letzte Sicherheit, indem es sich verspielt der alten Dame nähert und seine Arme um ihren Hals legt. (...) Goma erwidert zunächst die Zärtlichkeit des Kindes, aber bald wird es ihr zuviel, und sie versucht, es zu verjagen. Mehrfach erleben wir jedoch, wie Goma vor der Göre mit unglaublicher Geschwindigkeit quer durch alle drei verglasten Gehege die Flucht ergreift, um sich deren Übermut zu entziehen, dem sie anscheinend nicht mit Aggression begegnen möchte. Wir haben das Büchlein über Gomas Kinderjahre mit, das ihr Ziehvater, der damalige Zoodirektor Lang verfasst hat. Viele Fotos zeigen Goma als Säugling, auf weißem Linnen gebettet, im Kinderbettchen, auf dem Arm ihrer menschlichen Pflege-Eltern und als Kleinkind mit einem angefressenen Körbchen im Arm stolz aufrecht über eine Wiese tappend. Kaum zu glauben, dass dieses süße Affenbaby auf den Bildern und die ehrwürdige massige Matrone, die seit Jahrzehnten ihr verglastes Gehege nicht mehr zugunsten freier Natur und frischer Luft verlassen hat, dasselbe Wesen ist. Es reizt mich einen Augenblick, die alte Dame mit ihrem Kinderalbum zu konfrontieren, aber die demonstrative Interesselosigkeit der Affen an uns lässt das Vorhaben augenblicklich aussichtslos erscheinen. Glas - völlige Transparenz bei vollständiger Kontaktunmöglichkeit. Aus der Innenperspektive der Gehege ist vermutlich sogar die visuelle Transparenz belanglos geworden; denn die Menschenmassen schieben sich in immer ähnlichen Gruppierungen zu vermutlich ähnlichen Tageszeiten Mustern ähnlich hinter der Scheibe vorbei. Selbst der Blickkontakt durch die Scheibe wird zur Fiktion. Erst Laute oder eine Berührung könnten die verglasten Blicke wieder beseelen. Gerade die beiden Alten scheinen des ewigen Gewimmels und des unkeuschen Starrens müde und schirmen sich durch Präsentation ihrer gewaltigen Rückseite ab, wie man einem ewig laufenden Fernseher, einer stummen flirrenden Mattscheibe überreizt und gelangweilt zugleich die kalte Schulter zeigt. So verharren sie viele Minuten nahezu bewegungslos, fast meditativ. Diese ohne Glasscheibe und leicht zu säuberndes Betongehege zweifellos Furcht einflößenden Gestalten lösen bei uns Gefühle des Mitleids aus. Einsam wirkt der mächtige ‚Beschützer' der Gruppe, seltsam in sich gekehrt, funktionslos, nachdenklich, resigniert. Alles Projektion? Vielleicht. Diese Art der anthropomorphen Projektion hat bereits Anfang des Jahrhunderts der Tierpsychologie das Genick gebrochen. Das Innenleben der Tiere ist der Introspektion unzugänglich. Folgerichtig lenkte die Ethologie den Blick weg vom Individuum auf arttypische Fitness maximierende beobachtbare Bewegungsstrategien. Keine Individualisierung durch Benennung, sondern anonymer nummerierter Vertreter der Art, eine evolutionäre Fortpflanzungs- und Bewegungsmaschine. Heini Hediger, Langs Nachfolger im Basler Zoo, versuchte zeitlebens, den individualisierten Blick der Tierpsychologie gegen die siegreiche scientific communitiy der Ethologen zu behaupten. Jetzt tragen die Tiere - sofern sie überhaupt als Individuen benannt sind - meist den Namen ihrer Spenderfirma. Das benannte Tier - Werbeträger nicht in eigener Sache, sondern im Interesse der Firmen, die Tierversuche vielleicht sogar mit Artgenossen durchführen."

The Dian Fossey Gorilla Fund International is dedicated to the conservation and protection of gorillas and their habitat in Africa. We are committed to promoting continued research on their threatened ecosystems and education about their relevance to the world in which we live. In collaboration with government agencies and other international partners, we also provide assistance to local communities through education, training and economic development initiatives.

Dian Fossey and the Gorillas of the Virunga Volcanoes

Dian Fossey
Briefe aus Afrika
Mein Leben mit den Gorillas
Mit e. Vorw. v. Jane Goodall
2005 Collection Rolf Heyne

18 Jahre lang erforschte Dian Fossey (1932-1985) das Leben der Berggorillas im Grenzgebiet zwischen Ruanda, Zaire und Uganda. Sie schloss Freundschaft mit den Gorillas, gab ihnen Namen und widmete sich ganz deren Schutz vor der Ausrottung durch Wilderer. Durch ihr Buch"Gorillas im Nebel", das 1983 erschien und 1988 verfilmt wurde, machte sie international auf die Notlage der Menschenaffen aufmerksam. Vor 20 Jahren, am 27. Dezember 1985, wurde Dian Fossey in ihrer Hütte in den Bergen Ruandas, wo sie unter einfachsten Bedingungen lebte, ermordet. Bis heute ist der Täter nicht gefunden. Dieses Buch erzählt Dians Geschichte anhand ihrer persönlichen Briefe und anderer handschriftlicher Zeugnisse, die in ihrem Nachlass gefunden wurden.
Camilla de la Bedoyere
No One Loved Gorillas More.
Dian Fossey - Letters from the Mist.
2005 GB Palazzo Editions

Dian Fossey

DVD: Gorillas im Nebel - Die Leidenschaft der Dian Fossey wurde verfilmt mit Sigourney Weaver

Bis in die 50er-Jahre des 20. Jahrhunderts ist der frei lebende Gorilla in der Wildnis allen Schauergeschichten und Jagdabenteuern zum Trotz ein noch immer nahezu unbekanntes Tier. Der Durchbruch kommt in den 60e-Jahren. Erst George Schaller und später Dian Fossey beobachten die Berggorillas der Virunga-Berge, Schaller etwa drei Jahre und Dian Fossey achtzehn Jahre von 1967 bis zu ihrem Tod im Jahr 1985. Das Bild vom Gorilla hat sich gewandelt. Aus einer Bestie, einem Monster, ist ein sanfter Vegetarier geworden. Professor Hans Werner Ingensiep, Philosoph und Wissenschaftshistoriker an der Universität Duisburg-Essen:

" Das ist ja letztlich ein Phänomen der letzten 20-30 Jahre erst und auch der Medialisierung und auch einer bestimmten Art von Präsentation von Gorillas in den Medien und einer bestimmten Art von Feldforschung, Diane Fossey "Gorillas im Nebel" 1983 war sicherlich ein Wendepunkt im Gorillabild generell, in unserer Kultur jedenfalls."

Das JGI wurde 1977 als gemeinnützige Einrichtung von Jane Goodall mit Hilfe durch Prinzessin Genevieve di San Faustino in den USA gegründet.

Als Ende des 16., Anfang des 17. Jahrhunderts die ersten großen Forschungsreisen in die dichten, riesigen, damals von uns Weißen noch völlig unberührten Wälder Afrikas und Asiens stattfanden, dauerte es nicht lange und man stieß auf seltsame, behaarte Wesen, die in ihrer Körperstruktur uns Menschen sehr ähnlich sahen. Schemenhaft blieben sie auf Distanz und die wildesten Spekulationen machten sich breit. Man sprach von Menschen aus dem Wald, von primitiven, aggressiven, gefährlichen Bestien, die alles töten, was ihnen in den Weg kam. Als sich dann der riesige Gorilla den Eindringlingen entgegen stellte, um seine Familie zu schützen, als er auf seine mächtige Brust trommelnd, aufrecht stehend ohrenbetäubende Schreie ausstieß und rasend auf die Forschungsreisenden zulief, die Eindringlinge in alle Richtungen davon liefen und es erste Opfer gab, war das Feindbild perfekt.

Auch die Haltung von Gorillas im Zoo bleibt davon nicht unberührt. Seit Schaller und Fossey weiß man zuviel über Gorillas, um sie nach wie vor aus ihrer afrikanischen Heimat zu importieren und dadurch die Bestände in der Natur zu gefährden. Professor Gunter Nogge, Direktor des Zoologischen Gartens in Köln:

"Heute haben wir eine sich durch Zucht selbst erhaltende Population von Gorillas, denn Einfangen kann die auch heute keiner mehr, tut auch keiner mehr, es ist nicht erlaubt und es ist auch nicht zu rechtfertigen. Wenn wir nicht in der Lage wären, Gorillas so zu halten - das gilt für andere bedrohte Tiere ja ganz genauso - dass sie sich fortpflanzen, dass sie durch Zucht eine sich selbst erhaltende Population aufbauen, dann würden sie auch aus den Zoos langsam verschwinden, denn Nachschub gibt es nicht mehr. Das Washingtoner Artenschutzübereinkommen ist ja in Deutschland 1976 in Kraft getreten, es ist 1973 bekanntermaßen geschlossen worden und es hat dann ein paar Jahre gedauert, bis genügend Staaten es ratifiziert hatten. Die Zoos haben sich immer selber dafür eingesetzt, für die Restriktion des Handels und das Einfangen von bedrohten Tierarten, sie hatten ja schon längst selbst verpflichtet, Tiere, die vom Aussterben bedroht sind, nicht mehr einzufangen, bevor das Washingtoner Artenschutzabkommen überhaupt beschlossen worden ist."
Kölner Zoo

Gorillas aus Afrika zu importieren ist heute streng verboten. Doch wie soll man mit den Gorillas umgehen, die heute in den Zoologischen Gärten der Welt leben? Soll man sie weiterhin in den Zoos halten und den Besuchern zeigen? Werner Kaumanns, Kurator für Primaten im Kölner Zoo, hat darauf eine ganz pragmatische Antwort:

"Diese Frage lässt sich so nicht vernünftig beantworten. Es sind von vor 50 Jahren schon Gorillas in den Zoos gewesen, man hat früher Tiere, junge Gorillas, importiert, die mehr oder weniger mit der Flasche aufgezogen ins Erwachsenstadium gebracht, die haben sich fortgepflanzt, mehr oder weniger erfolgreich. Und aus diesem Stamm von Tieren sind die 400 Gorillas geworden, die hier sind. Und diese 400 Gorillas müssen so gut wie möglich gehalten werden, die kann man nicht einfach wieder raussetzen, selbst wenn man das wollte. Und das ist die eigentliche Erklärung dafür, dass man die hält. Die sind da."

Zoo Infos

Ute Eilenberger
Die Dschungelfrau.
2004 Wunderlich im Rowohlt

Die Tierärztin Dr. Ute Eilenberger aus Jülich bei Aachen schwärmte schon als kleines Mädchen von der amerikanischen Zoologin Dian Fossey, die mit den Silberrücken in Ruanda lebte. Nach dem Studium der Veterinärmedizin verdiente sie sich zunächst als Ärztin für Rinder und Haustiere Geld, um sich ihren ersten langen Aufenthalt im afrikanischen Kongobecken leisten zu können und dort Gorillas zu erforschen. Seitdem hat die Forscherin großen und kleinen Affen, aber auch Klein- und Nutztieren ihr Leben gewidmet und verbringt einen Großteil ihrer Zeit in Ländern wie dem Kongo, in Ruanda, dem Sudan und Afghanistan.

Die Frage nach der Haltung von Gorillas im Zoo steht und fällt mit der Frage, wie artgerecht sie sich im Zoo verhalten können. Die Voraussetzung für die Antwort ist die genaue Kenntnis der Tiere, ihrer Sozialstruktur und ihres sozialen Verhaltens. Harro Strehlow:

"Es hat eigentlich mit dem Film "Congorilla" damals angefangen, dieses Bild des Gorillas aufzubrechen, wo man dann eben erstmals Gorillas im Freileben gefilmt hat, dann mit den Forschungen vor allem von Dian Fossey, die ja sehr lange Gorillas beobachtet hat und zwischen den Gorillas gelebt hat und eben jetzt die Kenntnis der vielen erwachsenen Gorillas und der Gorillagruppen in den Zoos. (Ich weiß nicht, ob sie sich erinnern), in Jersey, da gibt es ja auch einen Zoo, da gab es einen ganz berühmten Vorfall, der hat sich inzwischen auch woanders mal wiederholt: da ist nämlich ein Junge in den Gorillakäfig gefallen, und alle Leute haben natürlich gleich gedacht, jetzt nehmen sie den auseinander den Jungen. Das war aber überhaupt nicht der Fall, sondern der männliche Gorilla hat sich zwischen den Menschen und seine anderen Gorillas gestellt und quasi den Kontakt verhindert zwischen denen. Er hat natürlich erstmal seine Leute beschützt, aber der greift ja nicht so einfach an. Man sieht eben: dieses Aufstellen und Brusttrommeln ist eben Imponiergehabe, aber es ist kein tätlicher Angriff in der Regel."

Michael Tomasello

Leipzig. Im hochmodernen Gebäude des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie findet sich das größte Ensemble wissenschaftlicher Mitarbeiter, das weltweit an einem Ort versammelt ist, um Primaten zu erforschen. Etwa 130 Wissenschaftler, Doktoranden und Gastwissenschaftler arbeiten hier in den Bereichen "Primatologie", "Linguistik", "Evolutionäre Genetik", "Kulturelle Ontogenese" sowie "Entwicklungspsychologie und komparative Psychologie". Einer von ihnen ist David Buttelmann, Mitglied der Gruppe um Michael Tomasello, die Denk- und Kulturleistungen bei Menschenaffen untersucht.

Das Max-Planck-Institut in Leipzig kooperiert mit dem Leipziger Zoo, der in dem größten und modernsten Menschenaffenhaus, das bislang gebaut wurde, alle vier Menschenaffen-Arten unter einem Dach versammelt. Der Vergleich zwischen Gorillas, Schimpansen, Bonobos und Orang-Utans ist aufschlussreich. Dazu Buttelmann:

"Da kommt der Gorilla ziemlich gut weg, muss ich ehrlich sagen. Also Orang-Utans und Schimpansen sind Weltmeister im Spucken. Und so ein Gorilla-Test geht immer relativ locker und easy going ab. Gorillas sind relativ ruhige, gelassene Tiere und selten irgendwie aggressiv. Also man hört zwar verbale Aggression, in dem sie schon Mal so grummeln, was sie so machen um zu zeigen, dass sie eigentlich der Chef sind, oder schon mal das berühmte auf die Brust klopfen wird demonstriert, weil sie schon mal der Meinung sind, sie müssten uns mal so ein bisschen einschüchtern, aber im großen und ganzen ist alles relativ leicht und relaxed, man braucht manchmal eher ziemlich viel Zeit, vor allem wenn man so einen Silberrücken testet, wir haben einen, den Gogo, der lässt sich manchmal lange bitten, da muss man schon kiloweise Weintrauben auf den Tisch packen, um ihn mal nach vorne ans Fenster zu bewegen. Im Großen und Ganzen sind sie die ruhigsten im ganzen Affenhaus."

CNN-Beitrag zu den neu entdeckten Flachland-Gorillas

International Primatological Society (IPS)


Der Autor Richard David Precht hat sich unter anderem mit den Sachbüchern
Wer bin ich - und wenn ja wie viele?: Eine philosophische Reise

Liebe: Ein unordentliches Gefühl

Lenin kam nur bis Lüdenscheid: Meine kleine deutsche Revolution


einen Namen gemacht.

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