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King Kong und digitale Fluten

Informationstechnik. - Ohne großen Wirbel, fast unauffällig, hat sich innerhalb von elf Jahren eine kleine Veranstaltung zur europäischen Leitkonferenz für Spezialeffekte in Film und Fernsehen gemausert – die fmx. Inzwischen besuchen zahlreiche internationale Größen die Messe in Stuttgart.

Von Maximilian Schönherr | 08.05.2006

Für das vorwiegend studentische Publikum ist die fmx/06 in Stuttgart immer eine gute Gelegenheit, mit digitalen Effekten voll gepackte Filmszenen anzusehen, ohne sich die oft elend langweiligen Filme in Gänze antun zu müssen. Etwa die beiden teuersten deutschen Fernsehproduktionen der letzten Zeit: "Die Sturmflut" und "Dresden". Beide Filme hat die Münchner Produktionsfirma Scanline mit Effekten angereichert, ja ohne ihr digitales Wasser beziehungsweise Feuer hätten beide Filme gar nicht funktioniert.

Zwar sind die enormen Feuersbrünste in dem Schmachtschinken über die Bombardierung Dresdens noch nicht preisverdächtig, doch das digitale Wasser, das die Programmierer durch Hamburgs digitale Straßen geschickt haben, lässt sich nicht nur sehen: In Stuttgart waren die Amerikaner, die traditionell alles auf diesem Gebiet besser können, ganz scharf auf die mit Hilfe der Physik der Strömungsdynamik und Optik konstruierten 3D-Tropfen und -Wassermassen aus München.

Auch nicht gerade zu den tiefgründigsten Produktionen gehört Peter Jacksons neuer King Kong-Film. Aber der Hauptdarsteller, der Gorilla, überzeugt. Er ist komplett im Computer konstruiert. Auf der fmx zeigten mehrere Experten aus Neuseeland, wie sie es gemacht haben. Schon bei ersten Tests fanden sie heraus, dass der 3D-Gorilla ein anderes Kaliber war als die sprechenden und lächelnden Hunde und Schweine aus anderen Filmen.

"King Kong ist etwas Besonderes. Er ist einerseits ein Tier, andererseits hat er anthropomorphe, also menschenähnliche Züge. Er muss diese Züge aufweisen, damit das Publikum seine Mimik lesen und ihn damit verstehen kann."

Mark Sagar, zuständig für King Kongs Gesichtsbewegungen. Ist King Kongs Minik denn reichhaltiger ist als die von echten Gorillas?

"Echte Gorillas zeigen nicht sehr viel Ausdruck in ihrem Gesicht. Aber genau genommen wissen wir nicht viel über die Mimik von Primaten. Es fehlt an detaillierter Forschungsarbeit. Sicher ist, dass viele anatomische und neurologische Bahnen zwischen Gorilla und Mensch völlig übereinstimmen."

King Kong lacht ein paar Mal. Können Gorillas überhaupt lachen?

"Ich habe in meinem Vortrag einen Filmausschnitt präsentiert, wo ein Gorilla gekitzelt wird. Er lacht dabei wie ein Mensch, zeigt die Zähne und so weiter. Auch der fürs Lachen zuständige Jochbeinmuskel ist bei Menschen und Gorillas gleich."

Normalerweise animiert man digitale Gesichter direkt in einem 3D-Programm, indem man einzelne Flächenbereiche mit der Maus gegeneinander verschiebt und dadurch zum Beispiel von einer entspannten in eine aggressive Pose überblendet. Bei King Kong führten Tests mit dieser Methode zu sehr platten Mimiken – alles andere als überzeugend. Die Produktionsfirma Weta Digital lud also einen Schauspieler ein, Andy Serkis, der die Mimik von King Kong spielen sollte.

Serkis besuchte zunächst wochenlang den Londoner Zoo, um Gorillas zu studieren. Mark Sagar klebte ihm anschließend im Studio in Neuseeland einige Dutzend Referenzpunkte ins Gesicht. Wenn Andy Serkis nun die Gefühlsregungen von King Kong spielte, bewegten sich die Referenzpunkte, übertrugen die Bewegungen auf die entsprechenden Gesichtsbereiche des 3D-Gesichts im Computer eins zu eins. Das Ergebnis beeindruckte sofort. Selbst in der Sterbeszene überzeugt King Kong mit einem subtilen Mimikspiel.

Rege besucht waren auf der fmx diesmal die "Recruiting Events", zu Deutsch: Einstellungsgesprächs-Veranstaltungen. Da stellten sich große und kleine Firmen vor, Studenten zeigten ihre Arbeiten, Kontakte wurden angebahnt. Die Effekt-Industrie in den USA, Kanada, Neuseeland und Europa sucht wieder Talente. Und es gibt Talente. Vor allem die amerikanischen Redner zeigten sich beeindruckt vom Niveau der Fragen aus dem Publikum im Anschluss an ihre hochkarätigen Vorträgen der fmx.