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Kino-Milieustudie
Erdogan als Leinwand-Held

Die Auftritte von Erdogans Ministern in Deutschland sind höchst umstritten. Dabei findet das Werben um Zustimmung im Referendum ums Präsidialsystem längst in deutschen Kinos statt: Der Film "Reis" zeigt Erdogan als strahlenden Helden. Aber überzeugt das auch die deutsch-türkischen Kinogänger?

Von Peter Backof | 06.03.2017

Der türkische Schaupsieler Reha Beyoglu, der in dem Film "Reis" (Der Chef) den heutigen türkischen Staatspräsidenten Erdogan verkörpert, posiert am 02.03.2017 in Istanbul, Türkei.
Der türkische Schaupsieler Reha Beyoglu verkörpert in dem Film "Reis" (Der Chef) den heutigen türkischen Staatspräsidenten Erdogan. (dpa / Linda Say)
Im Kinosaal tragen am Samstagabend viele Frauen Kopftuch, Geflüster auf Türkisch zwischen den Sitzreihen. Werbung für Filme aus der Türkei. Dann wird es dunkel – und es öffnet sich der Blick auf eine andere Welt.
Eine heile Welt, in der der elfjährige "Tayyip" aufwächst, 1965: fußballspielend und auf ein Fahrrad sparend. "Tayyip", das sei doch ein arabischer Name, "gab es denn für dich keinen türkischen"? - wird er - allenfalls - gehänselt, während er seine Sesamkringel verkauft. Alle kennen sich, alle helfen sich. Mit der Ausnahme eines Säufer-Typen, der als Sünder vorgeführt wird. In diese gottgefällig lebende Community des Istanbuler Arbeiterviertels Beyoğlu bricht nun immer wieder das Böse ein.
"Tayyip, heute wurde ein Mann umgebracht. Für seine Heimat hätte er sein Leben geopfert."
Reis sein kann jeder
Ganoven in dicken Straßenkreuzern knallen willkürlich um sich, klärt der "Kapitän", die allseits respektierte Instanz im Viertel, seinen Sohn Tayyip auf. Es zeigt sich, was das Filmformat "Biopic" derzeit so attraktiv macht: Ähnlich wie in der gerade auch in deutschen Kinos laufenden Auszugs-Biografie "Der junge Karl Marx" sieht man in "Reis" eben nicht die ganze Figur Recep Tayyip Erdogans mit ihrer politischen Tragweite, sondern eine Spurensuche: Wie und durch welche Schlüsselmomente wurde er zum "Boss".
"Reis heißt Führer."
Übersetzt ein kölnisch-türkischer Kinobesucher. Und weil man beim deutschen Wort "Führer" auch schnell mal Hitler assoziiert - ergänzt eine andere Kinobesucherin:
"Das ist so allgemein, im Alltag auch sagt man Reis. Der Herr des Hauses. Es kann auch eine Frau sein. Zum Beispiel: Ich bin der Reis im Haus."
Im Film strahlt Tayyip bereits als Elfjähriger weise schweigende und mildtätige Autorität aus. Regisseur Hüdaverdi Yavuz hat ihn als guten Jungen vom Bosporus in Szene gesetzt. Gut bis an die Grenze zur Selbstverleugnung, eine Figur wie Siddharta von Hermann Hesse: ein Auserwählter, der irgendwann einmal große Taten vollbringen wird. Reichlich schmalzig also. Geschmackssache. Beim Kinopublikum des Abends kommt es sehr gut an, das möchte man aus dem frenetischen Applaus am Ende der Vorstellung folgern. Erdogan wird von den Gästen an diesem Abend glühend verehrt.
"Natürlich! Für immer! Jetzt haben wir keinen Krebs mehr in der Türkei. Jetzt sind wir ein gesundes Land. Oder? Das stimmt."
In der Vorstellung fast nur Deutschtürken
In dieser Vorstellung - Original mit Untertiteln - sitzen – das ist auch naheliegend - fast nur Deutschtürken. Die Mehrheit der Frauen trägt Kopftuch, vom Teenager bis zur älteren Dame.
"Wir stehen hinter Erdogan. Weil wir haben viel erlebt. Die Jugendlichen, die hier aufgewachsen sind, die unter 30 sind, die wissen gar nicht, was in der Türkei abgelaufen ist."
Und eben damit, mit Chaos, Gewalt und Misswirtschaft habe Erdogan aufgeräumt. Chronologisch als Einsprengsel kommt im Film immer wieder der Schwenk in die Zeit, als Erdogan Bürgermeister in Istanbul war und als Reformer auf den Plan trat.
"Jeder verspricht etwas, doch nur Ehrenhafte halten ihr Versprechen ein."
So hält er in einer Szene sein Versprechen: Er, der Mann aus dem Volk, gab einem Knirps seine Visitenkarte. "Ruf mich persönlich an, wenn etwas ist!" - Nachher muss der Hund des Jungen tatsächlich mithilfe Erdogans gerettet werden. Aus einem Brunnen. Tränenkino. Die Frage ist, wie glaubhaft diese Aneinanderreihung messianischer Taten ist, die man zu sehen bekommt.
Türken als Bürger zweiter Klasse
Hauptdarsteller Reha Beyoğlu sagte bei der Erstpräsentation: Ein Propagandafilm sei das keineswegs; er wurde dem Präsidenten gleichwohl zum Geburtstag gewidmet. Und der steht am Ende des Biopics wie ein Märtyrer da, als Opfer antiislamischer Politik, inhaftiert wegen Zitierens dieser Verse:
"Minarette sind unsere Waffen, Kuppeln unsere Helme, Moscheen sind unsere Kasernen."
Aber "die Bewegung" war nicht aufzuhalten, schließt der Film. Und "die Bewegung" wirkt bis nach Deutschland. Warum genießt Erdogan bei Deutschtürken überwiegend unkritische Bewunderung? Kino-Besucher erklären es damit, dass sie sich in Deutschland als Bürger zweiter Klasse hingestellt fühlen.
"Sind wir schwer beleidigt darüber, muss ich ehrlich sagen. Sind wir schwer beschädigt darüber."
Aus einer deutschen Perspektive, ohne so ein Ideal der gottgefälligen Nachbarschaft, wirkt "Reis" wie Verkündigungskino, Pro-Präsidialsystem-Kino, bei dem der Unterschied verwischt zwischen einem Gewählten und einem Auserwählten. Der Film passt also bestens zu dem Mythos, den Erdogan selbst um seine Person strickt. Wer sich das im Kino ansieht, ist offenbar ohnehin schon Erdogan-Anhänger. Bundesweit wollten den Film seit Donnerstag aber bisher nur rund 14.000 Menschen ansehen. Das ist selbst für einen türkischen Film ein schwacher Start.