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Kinofilm "Soy Nero"Mit der Waffe zur Greencard

Er will ins "gelobte Land" und riskiert dafür sein Leben: Der iranische Regisseur Rafi Pitts erzählt in seinem Film "Soy Nero" von einem jungen Mexikaner, der eine Greencard bekommen soll, wenn er für die USA in den Krieg zieht. In der Realität werden sogenannten Greencard-Soldaten aber immer wieder abgeschoben, erzählte Pitts im DLF.

Rafi Pitts im Gespräch mit Sigrid Fischer | 08.11.2016

Regisseur Rafi Pitts bei einer Pressekonferenz
Regisseur Rafi Pitts bei einer Pressekonferenz (AFP / Tobias Schwarz)
Sigrid Fischer: Rafi Pitts, Sie leben in Frankreich, haben Sie Kontakt in ihre Heimat?
Rafi Pitts: Ja, ich lebe in Frankreich, aber der Iran. Immer wenn ich Leute treffe, mit denen ich gearbeitet habe, wie auf der Berlinale zum Beispiel, dann ist das immer ein sehr emotionaler Moment für mich. Wenn ich sie sehe, wird mir klar, dass ich schon sieben Jahre nicht dort war.
Fischer: Das heißt, Sie stehen weiter mit Ihren iranischen Kollegen in Kontakt.
Pitts: Ich bin ja mit ihnen groß geworden, natürlich stehe ich mit ihnen in Verbindung. Das lässt man ja nicht einfach hinter sich. Allerdings schaue ich nicht gerne zurück, ich bin kein Freund von Nostalgie. Außer, wenn sie mich wie ein Schlag ins Gesicht trifft, wie wenn ich am Flughafen drei meiner alten Freunde treffe, die ich sieben Jahre nicht gesehen habe, dann werde ich nostalgisch.
"Wenn man die einfache Lösung sucht, schafft man noch mehr Grenzen"
Fischer: Also Sie leben in Frankreich und sehen, wie hier in Europa die Grenzen dicht gemacht werden. Und um Grenzen geht es in Ihrem Film "Soy Nero", die Grenze der USA zu Mexiko. Sie sagen: Wir brauchen diese Grenze nicht. Was denken Sie also, wenn Sie das hier sehen?
Pitts: Ich denke, dass die Welt sehr primitiv geworden ist, wenn es darum geht, Lösungen zu finden. Wegen der Schnelllebigkeit und der kurzen Sätze, die Politiker nur noch ablassen, und wegen der kurzsichtigen Lösungen, die sie finden. Die gehen den einfachen Weg, indem sie Mauern bauen oder Grenzend dicht machen, wie Sie ja gerade sagten. Aber das löst ja keine Probleme. Grenzen sind schon immer überwunden worden, man kann drüber springen. Das kann man nicht verhindern. Aber wenn man erstmal die einfache Lösung sucht, dann schafft man noch mehr Grenzen. In den Köpfen. Man produziert falsche Bilder, um Wählerstimmen zu gewinnen. Diese Art der Vereinfachung ist kriminell, sie schafft Extreme. Mit meinem Film "Soy Nero" versuche ich, das zu thematisieren. Und ich habe nicht Amerika als Beispiel ausgesucht, um es zu kritisieren, sondern weil es das einzige Land ist, das ich kenne, das Einwanderern gehört. Sie sind doch alle Einwanderer, Amerika gehört nicht den Ureinwohnern, sondern den Migranten gehört Amerika. Und diese Migranten sagen jetzt den anderen Migranten: Wir bauen Mauern, damit Ihr nicht rein kommt. Deshalb gibt es die Green Card Soldaten, die kommen aus allen Ländern der Erde, aus dem Iran, aus Nigeria, Jamaica, von überall. Deshalb wollte ich die Geschichte von einem Niemandsland erzählen, einem Land, das niemandem gehört, und das allen gehört.
Fischer: Waren Sie auch mal in Calais, dem französischen Flüchtlingslager, das jetzt geräumt wurde?
Pitts: Jaja, der "Dschungel". Ich bin ja selbst mit diesem Wahnsinn aufgewachsen. Als ich 12 war, und im Iran-Irak-Krieg die Bomben fielen, und ich in London ankam, wurde ich in der Schule als Terrorist behandelt. Primitivität ist sehr gefährlich. Aber wir alle müssen ja dauernd Grenzen überwinden. Nicht nur die Flüchtlinge, auch innerhalb unserer Gesellschaften gibt es viele Grenzen. Schon, wie wir uns gegenseitig betrachten. Wenn man gegen Homosexuelle ist, hat man schon eine Grenze errichtet. Oder in Deutschland. Jemand sagt: "Ich komme aus Hamburg", und ein anderer sagt, "Ich bin aus Berlin". Das sind schon Grenzen, die man empfindet, die sind immer da. Durch die Flüchtlinge werden sie nur viel sichtbarer und dann glauben wir, etwas zu verstehen, wir sind bewegt, oder haben Angst. Aber diese Vereinfachungen sind immer gefährlich. Sie bringen keine Lösungen, denn Lösungen brauchen Zeit. In Afrika gibt es ein schönes Sprichwort: "Die Weißen haben alle Uhren, aber Zeit haben sie nicht." Genau so leben wir heute, die Leute wollen immer schnelle Lösungen, aber so funktioniert die Welt nicht. Das Schöne am Menschen ist doch, dass er komplex ist. Wir sollten aufhören, ihn zu simplifizieren.
"Ich liebe die Menschen, Nationalitäten interessieren mich nicht"
Fischer: Wie haben Sie herausgefunden, dass viele der Greencard-Soldaten, die für die USA in Afghanistan oder im Irak kämpfen, am Ende keine Aufenthaltsgenehmigung bekommen?
Pitts: Wir haben ein Drehbuch über einen Ausländer geschrieben, der Amerikaner werden möchte. Und dann bin ich in die USA gefahren und habe festgestellt, dass da was nicht stimmt. Und ich habe herausgefunden, dass es die abgeschobenen Greencard-Soldaten gibt. Die werden wieder zurückgeschickt in ihre Heimat. Als Filmemacher stelle ich Fragen und versuche, zu verstehen. Ich bin besessen von dem Irrgarten, in dem wir alle gefangen sind. Das einzige, was sicher ist, ist ja: Der Mensch wird geboren und er wird sterben. Und dazwischen gibt es eine Reise, und wohin geht die? Und wieviel Gewalt wird er dabei erleben? Und kann er den Wirrwarr auflösen?
Fischer: Das hat also mit Amerika und Mexiko erstmal gar nichts zu tun
Pitts: Ich liebe die Menschen, Nationalitäten interessieren mich nicht. Einen Mexikaner habe ich für meinen Film nur wegen der Unanständigkeit dieser Vorgänge gewählt. Kalifornien hat vor nicht allzu langer Zeit zu Mexiko gehört. Und auf einmal müssen Mexikaner dafür kämpfen, dass sie in das Land ihrer Vorfahren dürfen. Und die kalifornische Wirtschaft ist auch noch von Einwanderern abhängig, trotzdem bauen sie Mauern. Je näher man dem Menschen mit der Kamera kommt, desto verrückter und absurder stellt sich dar, was er tut. Wenn in meinem Film jemand die Waffe zückt und sagt: Damit halte ich die Grenzen aufrecht. Solche Leute gibt es. Jeb Bush twittert Fotos von seiner Waffe und sagt: "Das ist meine Waffe. Das ist was Gutes." Leute sagen, Migranten fallen in ihr Land ein. Und sie glauben das. Invasion? Woher haben die das? Und dann sehen wir ein totes Kind am Strand, alle halten große Reden, alle sind bewegt, Tränchen hier, Tränchen da. Und seitdem sind Hunderte von Kindern gestorben. Aber die werden nicht erwähnt. In solch obszönen Zeiten leben wir. Wenn ich die abgeschobenen Greencard-Soldaten sehe, denke ich, in der Genfer Konvention sollte festgelegt werden, dass jeder junge Mann, jede junge Frau, die für ein Land kämpft, die Staatsbürgerschaft des Landes verdient. Und nicht zurückgewiesen werden darf, wenn man sie nicht mehr braucht.
"Warum behandeln Amerikaner jeden, der in ihr Land will, so unfreundlich?"
Fischer: Was denken Sie, haben diese Greencard-Soldaten tatsächlich patriotische Gefühle für die USA oder geht es ihnen eher pragmatisch um die Staatsbürgerschaft?
Pitts: Nero im Film fühlt sich als Amerikaner. Wie alle anderen Greencard-Soldaten auch. Sie haben sich für das Land entschieden, an das sie glauben. Wie gesagt: Wem gehört denn Amerika? Wer darf sich als Amerikaner bezeichnen? Sie sind Europäer, oder von sonst woher, dieser Mix der Kulturen ist ja so faszinierend an dem Land. Jean-Luc Godard hat gesagt: Es ist das einzige Land ohne eigene Nation. Die Einzigen, denen das Land gehört, sind die indianischen Ureinwohner, und wo sind die heute? Und warum behandeln Amerikaner jeden, der in ihr Land will, so unfreundlich?
Fischer: Sie haben an anderer Stelle erzählt, dass niemand über die Greencard-Soldaten spricht, dass sie unter Umständen in den USA beerdigt werden und die Familie drüben hinter der Grenze steht und zuschauen muss. Glauben Sie, dass sich mit Ihrem Film irgendetwas daran ändern könnte?
Pitts: Ich kann daran nichts ändern, aber ich hoffe, dass ich den Greencard-Soldaten bald niemandem mehr erklären muss. Das ist mir wirklich ernst. Wenn das gelingt, wenn man mir demnächst sagt: "Ah, Du hast einen Film über Greencard-Soldaten gedreht", und ich nicht mehr erklären muss, was das ist, ist alles gut. Wissen Sie, Filme zu drehen ist ein Luxus. Wir tun zwar immer alle so, als müssten wir unheimlich kämpfen und als wäre das unheimlich schwierig. Aber hey, wir drehen nur Filme. Jeder hat es schwer und muss kämpfen im Leben, und wir drehen nur Filme.
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