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Kirchengeschichte
Das Geheimnis der Tempelritter

Götzendienst, Ketzerei, Sodomie - so lautete die Anklage gegen fast 900 Tempelritter, die vor 700 Jahren in Frankreich verhaftet, gefoltert und vor Gericht gestellt wurden. Heute weiß man: Es ging nicht um Glaubensfragen, sondern um politischen Einfluss und Geld.

Von Christian Feldmann | 14.03.2014

Was man ihnen vorwarf, muss in den Ohren des 14. Jahrhunderts grauenvoll geklungen haben: gotteslästerliche Handlungen, Götzenanbetung, Kontakte zu Geheimbünden und muslimischen Bruderschaften und - besonders pikant - homosexuelle Praktiken. Ausgerechnet der Eliteorden des Mittelalters sollte sich so vergangen haben - die Tempelritter, dessen Mitglieder im Heiligen Land zu Hunderten für ihren Glauben gestorben waren?
Um das Jahr 1120 hatten französische Ritter eine bewaffnete Truppe gegründet, um die Pilger auf ihrem Weg zu den heiligen Stätten zu schützen. Weil sie ihre erste Niederlassung auf dem Jerusalemer Tempelberg errichteten, nannten sie sich "Ritter vom Tempel Salomons". Bald waren sie nicht nur in Palästina präsent, sondern in allen Teilen Europas. Der Buchautor und Globetrotter Franjo Terhart hat die Geschichte des Templerordens erforscht:
"Kämpfende Mönche, das ist schon sehr ungewöhnlich. Also das ist die eine Geschichte des Templerordens. Die andere ist, dass sie das Christentum doch sehr anders gesehen haben. Wenn man Texte liest, dass sie, ja auch bestimmte Stellen des Neuen Testamentes, Stellen aus dem Alten Testament völlig anders ausgelegt haben, eben nicht-christlich, ketzerisch. Das finde ich sehr spannend, dass sie sich das getraut haben! Denn im Mittelalter traute sich niemand, freiheitlich zu denken."
Geheime Symbole
Diese unorthodoxe Frömmigkeit sollte dem Templerorden zum Verhängnis werden. Die Mönchskrieger führten ein sehr asketisches Gemeinschaftsleben, aber sie waren so frei, auf ihren Friedhöfen Selbstmörder, Ketzer, Verbrecher zu beerdigen, und sie hatten geheime Rituale und Symbole. Zum Beispiel das Ordenssiegel: Es zeigt zwei Ritter, die hintereinander auf einem Pferd sitzen. Im Prozess machten ihre Ankläger daraus einen Beweis für homosexuelle Verirrungen.
Das Leben der einzelnen Ordensritter in Armut stand in auffallendem Kontrast zum wirtschaftlichen Erfolg und zur wachsenden politischen Macht der Gemeinschaft. Das rief Neider auf den Plan. Der Orden sammelte Grundbesitz und Privilegien, rüstete eine eigene Flotte aus und betrieb Geldgeschäfte im großen Stil.
"Sie haben sich über ganz Europa ausgebreitet, haben eine Struktur geschaffen, auch eine logistische Struktur, die es ihnen ermöglichte, Nachrichten damals in sehr kurzer Zeit über mehrere Länder hinweg zu transportieren. Sie haben den Scheck erfunden, wenn man so will: Wenn ein Kaufmann in England sagte, ich reise ins Heilige Land, aber ich will mein Geld nicht mitnehmen, da haben die Templer gesagt, hier hast du einen Brief von uns, einen Scheck, darauf zahlst du dein Geld ein und wenn du dort in Jerusalem bist, dann zahlen wir dir das Geld wieder aus."
Die frommen Mönche waren Kaufherren und Bankiers geworden. Ihr Orden agierte längst international, träumte von einer Art christlichem Völkerbund, entzog sich mehr und mehr der Kontrolle durch die Nationalstaaten und ihre Könige.
"Templer waren so was wie ein Staat im Staate"
Philipp dem Schönen von Frankreich war das ein Dorn im Auge. Er residierte in unmittelbarer Nachbarschaft der Pariser Templerburg. Er hatte sich für seine vielen Kriege hoch verschuldet und brauchte dringend Geld. Jetzt bot sich die Gelegenheit, den sagenhaften Templerschatz in die Finger zu bekommen. Allerdings sei es dem König nicht nur um Geld gegangen, sagt der Hamburger Historiker Jürgen Sarnowsky, Spezialist für die geistlichen Ritterorden im mittelalterlichen Europa:
"Er war natürlich ein kluger Politiker, der Schritt für Schritt die Macht des französischen Königtums ausgebaut hatte, und die Templer waren, trotz aller Nähe zum König, so was wie ein Staat im Staate. Und da hatte der König kein Interesse, das zu lange bestehen zu lassen."
Philipps engster Berater Guillaume de Nogaret hatte seit Monaten belastende Aussagen gesammelt: Von Tempelrittern, die aus dem Orden verstoßen waren und von käuflichen Denunzianten. Die Macht der Kirche hatten Nogaret und sein König nicht zu fürchten: Papst Clemens V. war ein verzagter Charakter und abhängig von Philipp, der ihm vermutlich das Papstamt verschafft hatte.
Am 13. Oktober 1307 war es soweit: Im Morgengrauen schwärmten überall in Frankreich Verhaftungstrupps aus und warfen die Ordensritter in den Kerker. In den folgenden Monaten wurden fast neunhundert Templer verhört und solange gefoltert, bis sie ihre angeblichen Ketzereien und unmoralischen Lüste gestanden. Ein Sündenkatalog, der aus Prozessen gegen die südfranzösischen Katharer und andere Ketzer bekannt ist.
"Das ist stereotyp, das sind ganz ähnliche Dinge, die auch mit Sodomie oder irgendwelchen sexuellen Dingen zu tun haben, irgendwelchen geheimnisvollen Ritualen, solche Sachen gehören in das Repertoire der Häretiker-Vorwürfe."
Doch warum wurden die Templer nicht gewarnt? Warum sprang ihnen keiner zur Seite?
"Als die Nachricht kam über die Verhaftung, haben sich die europäischen Könige mindestens freundlich verhalten oder sogar interveniert. Der spanische König hatte zuvor schon eine Nachricht bekommen über diese angeblichen Vergehen der Templer, das war Jakob II. von Aragon, der hatte diese Sachen gar nicht ernst genommen. Ich glaube, das Problem ist eher in der Situation 1307, dass man als weltliche Person bei diesen schweren geistlichen Vorwürfen sich erst einmal zurückhält."
König Philipp ließ das Foltern verschärfen und zog alle Güter der Templer ein. Papst Clemens brauchte Wochen, um gegen die offensichtlichen Verstöße gegen kirchliches und weltliches Recht zu protestieren. Zwar hatten die Professoren der Pariser Sorbonne dem König das Recht bestritten, über die nur dem Papst unterstellten Ordensritter zu urteilen. Auch endeten ähnliche Gerichtsverfahren in Mainz, in Zypern, in Ravenna mit der Rehabilitierung der Templer. Doch in Frankreich verurteilte eine Synode von willfährigen, dem König gehorsamen Bischöfen 54 Tempelritter zum Tod.
1312 erklärte Clemens den Orden für aufgehoben. Am 18. März 1314 starb der letzte Großmeister der Tempelritter, Jacques de Molay, in Paris den Feuertod.
2007: Hochbrisantes Aktenmaterial im Vatikan gefunden
Heute weiß man: Die Liquidierung des Templerordens war ein Justizskandal, mit dem Ziel, dessen Macht zu brechen und an seine Schätze zu kommen. Der Konstanzer Mediziner und Geschichtsforscher Andreas Beck fordert deshalb vom Vatikan, die Tempelritter zu rehabilitieren:
"Das Urteil stand von vornherein fest: Ich will euer Geld. Der Papst war zu schwach, sich dagegen zu wehren, die Templer selbst waren innerlich ausgehöhlt und konnten sich auch nicht wehren. Aber man sollte diesen Templerprozess wieder aufrollen, weil er Unrecht war. Papst Johannes Paul II. hat sich bei allen möglichen Menschen entschuldigt, bei den Zwangsbekehrungen, bei den Inquisitionen, aber nicht bei den Templern."
2007 entdeckte die Historikerin Barbara Frale im vatikanischen Geheimarchiv hochbrisantes Aktenmaterial: Notizen von Kardinälen über den Prozess und eine im Namen des Papstes getroffene Entscheidung, die Templer wieder in die Gemeinschaft der Kirche aufzunehmen; sie seien ihr treu geblieben und hätten um Vergebung für etwaige Vergehen gebeten. Warum Papst Clemens dieses entlastende Dokument damals nicht veröffentlichte, bleibt ungeklärt. Vermutlich hat König Philipp ihn wirkungsvoll eingeschüchtert.