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StartseiteTag für TagRosenkranz gegen Drogensucht26.03.2018

Kirchlicher SuchtheilerRosenkranz gegen Drogensucht

Das Internetformat „Valerie und der Priester“ war ein PR-Erfolg für die katholische Kirche in Deutschland. Kein Wunder, dass Fortsetzungen nicht lange auf sich warten ließen. Nun folgt eine Staffel über einen Suchtheiler, der Abhängige zu Gebet und Enthaltsamkeit anleitet.

Von Tobias Krone

Hände in den Himmel gestreckt (picture alliance / dpa / Altaf Zargar)
Die katholische Kirche in Deutschland ist erfolgreich mit neuen Internetformaten (picture alliance / dpa / Altaf Zargar)
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Die Arbeit am Glauben ist voller Soulmusik, die man so ähnlich auch im Autoradio hören würde. Die Arbeitenden, junge Männer, tragen lässige Kapuzenpullis, Hoffnung im Herzen – und darüber hinaus einige Zweifel mit sich herum. Wie der 21 Jahre alte Ivo, der in Wahrheit anders heißt und gerade versucht, von seiner Spielsucht wegzukommen – im Gespräch mit Besucherin Christina Hertel.

Christina Hertel: "Also heute morgen war das ja auch wieder mit dem Rosenkranzbeten. Und mir persönlich kam das sehr sehr lang vor."

Ivo: "Ja, bei mir sieht man’s auch, manchmal fange ich auch an zu zappeln und durch die Gegend zu gucken. Es ist schon, also es kommt einem schon lang vor. Aber wenn man dann im Endeffekt auf die Uhr schaut, ist es nicht so lange. Ich sehe noch nicht den richtigen Sinn dahinter, so. Was das wirklich bewirken soll."

Eine Szene aus einem Youtube-Video des Projekts "Gott im Abseits", mit dem die katholische Kirche im Internet Menschen fischen möchte. Christina Hertel, evangelisch getauft, eher kirchenfern, besucht und befragt darin die Bewohner einer Fazenda de Esperanza, zu Deutsch Bauernhof der Hoffnung. Die katholische geistliche Gemeinschaft mit Ursprung in Brasilien nimmt junge Menschen für mindestens ein Jahr auf, um sie von ihren Suchtkrankheiten zu heilen. Die Methode: Beten, Arbeiten, Fußballspielen – und sexuelle Enthaltsamkeit.

Evangelium als Kern der Therapie

"Man muss auf vieles verzichten erstmal. Also keine Zigaretten, kein Fernsehen, kein Handy, kein Internet. Die ersten drei Monate kriegen die keinen Besuch, weil es ist auch eine Zeit für sich selbst. Dass sie sich wieder aufbauen. Die ersten drei Monate sind die schwierigsten, aber du wirst getragen von der Gemeinschaft."

Der gebürtige Brasilianer Luiz Fernando Braz leitet die Fazenda bei Kaufbeuren im Allgäu – und führt durch die sauberen Ställe für Schafe, Gänse und Schweine. Seine Jungs, wie er die Mitbewohner nennt, sorgen hier für Ordnung. Der gelernte Grafiker hat keine Ausbildung als Suchttherapeut und sieht sich auch nicht als solcher. Im Kern der Therapie stehe hier schließlich das Evangelium. Eine Freundin brachte ihn in seiner brasilianischen Heimatstadt zur Fazenda-Urgemeinde, die ein deutscher Pater in den siebziger Jahren gründete.

Ein Mann mit schwarzem Bart steht lächelnd vor einem Regal (Deutschlandradio / Tobias Krone)Luiz Fernando Braz, Leiter der Fazenda bei Kaufbeuren im Allgäu (Deutschlandradio / Tobias Krone)

Braz baute die Fazenda im Allgäu mit auf – und blieb. Als Gottgeweihter legt er jährlich ein Gelübde ab, das ihn zu Keuschheit verpflichtet. Der charismatische 32-Jährige mit Vollbart und Dutt ist als Ordensmensch wohl bestens geeignet, um die Generation Facebook zu erreichen. Am Handgelenk eine Smart-Watch, an den Füßen jugendliche Sneakers. Und im Gespräch mit dem Deutschlandfunk ein gewisser Pragmatismus.

"Wir geben den Jungs die Chance, Erfahrungen zu machen. Und wenn sie Erfahrungen machen, sind sie glücklich. Das Göttliche in ihnen kommt heraus. Nach einer Zeit haben sie auch kein Problem, das Gott zu nennen. Und wenn sie nicht wollen, ist auch nicht schlimm. Weil ich denke, am Ende wird Gott nicht fragen: Wie viel Rosenkranz hast du gebetet, sondern er wird fragen: Hast du geliebt?"

Braz will hier Missverständnissen vorbeugen: Von Ritualen des Exorzismus sei das Leben auf der Fazenda weit entfernt. Die elf Therapie-Bewohner haben den kalten Entzug schon hinter sich, wenn sie ihr Jahr hier beginnen, manche würden während der Zeit von externen Psychotherapeuten begleitet, sagt Luiz Fernando Braz.

"Nein, wenn man sich ein Bein bricht, reicht es nicht zu beten. Da muss man auch zum Arzt gehen um das zu behandeln."

Kein Fachpersonal für Suchtkranke

Ganz unproblematisch ist die Drogentherapie auf katholische Art nicht: Auf dem Hof arbeitet kein Fachpersonal für Suchtkranke. Zudem können Menschen von der einen Abhängigkeit in eine andere geführt werden - der Glaube kann zur Ersatzdroge werden. Eine unabhängige Statistik zum Heilungserfolg der Fazenda gibt es bisher nicht. Saman, 38, der aus dem Iran nach Deutschland kam und in einer Asylunterkunft drogenabhängig wurde, ist seit vier Jahren auf der Fazenda, inzwischen von der Sucht befreit und Teil des Leitungsteams. Er betont, dass es gerade das Ziel sei, Menschen wieder bereit für ein unabhängiges Leben zu machen.

"Man kann bleiben so lange wie man möchte, vorausgesetzt derjenige weiß warum. Also wenn man sich vor der Gesellschaft verstecken möchte, sich wegducken möchte, weil er nicht kann – auch der darf weiterhin bleiben, aber nicht für immer. Weil wir ein Ort sind, an dem man sich seine Zukunft aufbaut und sich nicht vor seiner Zukunft versteckt."

Auch einige Muslime wohnen auf der Fazenda, darunter zwei Geflüchtete mit Suchtproblemen. Ob sie sich taufen lassen, stehe ihnen frei, heißt es. Ein Mindestpensum an Rosenkranz und das christliche Tischgebet vor den Mahlzeiten sind dagegen obligatorisch.

Christina Hertel: "Also, weißt du, wenn die dann da alle zusammensitzen und dieses Gebet murmeln. Also für mich hatte das schon ein bisschen was Gruseliges auch."

Im Gespräch mit dem Deutschlandfunk macht Journalistin Christina Hertel keinen Hehl aus ihrem Befremden über die religiösen Rituale auf dem Bauernhof für Suchtkranke. Als kritische Berichterstatterin thematisiert sie auch, dass Luiz überlegt, sein Gelübde abzulegen – und fragt ihn darüber aus. Ein Leben ohne Sex – sowas interessiert die Netzgemeinde, genauso wie Details aus dem Sucht-Vorleben der Mitbewohner.

"Also Luiz, der die Fazenda leitet, dem nehme ich das absolut ab, dass er das alles glaubt und dass er katholisch ist, so leben will undso. Aber von manchen Männern, die dort leben, hatte ich schon mal ab und zu ehrlich gesagt den Eindruck, dass sie sowas sagen wie: Es klappt alles besser mit Jesus, oder Mir geht’s jetzt so viel besser im Gebet – dass sie das vielleicht schon manchmal sagen, um Luiz zu gefallen."

Skepsis erwünscht

Die von Hertel verkörperte Skepsis profaner Alltagsmenschen, sie ist "von oben" durchaus gewollt. Michael Maas, 41, Direktor des Zentrums für Berufspastoral der Deutschen Bischofskonferenz und Herausgeber des Internet-Projekts:

"Wir wollen ja hier keine Hofberichterstattung. Und wir wollen und wir wollen uns auch nicht dem Vorwurf aussetzen: Ihr in der Kirche mauschelt euch eh immer alles zusammen, so wie ihr es gern haben wollt. Das hört man ja oftmals von Außen, dass da gar nicht zugetraut wird, dass Kirche auch objektiv berichten könnte. Und ich bin aber der festen Überzeugung, dass gerade auch dann, wenn man sehr objektiv ist und ganz genau hinschaut, man auch feststellen kann, dass es in der Kirche eine ganze Menge an Gutem gibt. Und das soll auch dadurch zum Ausdruck kommen, dass wir sagen: Wir vertrauen da, dass jemand, der den Blick von Außen hat und kritisch draufschaut, das auch wahrnehmen kann."

Der Kirchenmann lässt Christina Hertel fast freie Hand in ihren Berichten. Er lese ihre Texte aber immer noch einmal gegen, um abzusichern, dass die wahren Namen der Suchtkranken darin nicht auftauchten und dass alle Begriffe korrekt wiedergegeben würden. Ansonsten hat man sich gewissermaßen dem Transparenzgelübde verschrieben. Das Argument soll hier im Vordergrund stehen. Und vor allem die Menschen.

"Dass sie zeigen wollen, dass eben auch ganz normale Menschen katholisch sein können. Dass es nicht, wie viele Leute sich das vielleicht vorstellen, Menschen mit hochgeschlossenem Kragen und Seitenscheitel sind, sondern, dass das auch ganz normale Leute sind, die abends gern mal ein Bier trinken gehen und auch mal feiern gehen, und die einfach wie du und ich ihr Leben leben."

Bis auf das mit dem Alkohol, der hier streng verboten ist, wirkt das Leben in der Fazenda tatsächlich so. Und zweifellos: Die moderne Anmutung des Internetprojekts "Gott im Abseits", die Fotos, die fast ein bisschen zu penentrant zeitgemäß mit Schärfe und Unschärfe spielen – sie erreichen die User. Jüngst, so erzählt Luiz Fernando Braz beim Abendessen, sei er sogar am Flughafen von einem Fremden auf die Videos angesprochen worden.

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