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Kita-Ausbau: "Wir stehen vor einem Riesenproblem"

Der Geschäftsführer des Verbandes katholischer Tageseinrichtungen Frank Jansen würde umgeschulte Arbeitslose in seinen Kitas einstellen. Der Mangel an Fachkräften könne nicht über die herkömmlichen Ausbildungsmodelle ausgeglichen werden. Es müssten aber bestimmte Eignungskriterien vorausgesetzt werden.

Frank Jansen im Gespräch mit Manfred Götzke | 06.06.2012
    Manfred Götzke: Heute hat das Bundeskabinett das Kita-Nichtbenutzungs-Entgelt beschlossen: 100 Euro sollen Eltern ab 2013 bekommen, wenn sie ihre Kinder nicht in einer Kita betreuen lassen. Sehr wahrscheinlich werden diese Subvention viele Eltern zwangsweise in Anspruch nehmen, weil sie keinen Kitaplatz bekommen. Vor allem im Westen der Republik fehlt es an Plätzen, und es gibt zurzeit auch nicht genügend Erzieher, um das bis Mitte 2013 zu ändern – dann haben Familien ja einen gesetzlichen Anspruch auf einen Platz. Aber auch hier verspricht die Regierung zumindest ein wenig Linderung. Arbeitsministerin Ursula von der Leyen will verstärkt Arbeitslose motivieren, sich zum Erzieher umschulen zu lassen. Ein sinnvoller Vorschlag? Darüber möchte ich mit Frank Jansen sprechen, er ist Geschäftsführer des Verbandes katholischer Tageseinrichtungen. Hallo Herr Jansen!

    Frank Jansen: Hallo Herr Götzke!

    Götzke: Herr Jansen, würden Sie in den Kitas, für die Sie verantwortlich sind, umgeschulte Arbeitslose einstellen?

    Jansen: Ja.

    Götzke: Warum?

    Jansen: Die Situation ist ja im Moment die, wir stehen vor einem Riesenproblem: Bis 2013, also August 2013 fehlen uns über 20.000 Fachkräfte, und ich glaube sowieso, dass wir mit den herkömmlichen Ausbildungsmodellen, also Fachschule oder Studium, Kleinkindpädagogik da alleine dieses Problem nicht lösen werden, und wir brauchen dringend alternative Ideen, und diese Idee ist grundsätzlich mal nicht von der Hand zu weisen, setzt natürlich voraus, dass es kein politischer Schnellschuss ist, sondern dass wir das auch an ganz bestimmte Voraussetzungen binden.

    Götzke: Ja, und das ist ja die große Frage: Reichen die Voraussetzungen, die angelegt werden, eine eineinhalbjährige Umschulung?

    Jansen: Nein, das reicht nicht. Zunächst mal ist es für uns wichtig, darauf hinzuweisen, das Arbeitslose ja generell nicht abgesprochen werden kann, für den Beruf nicht geeignet zu sein, aber es gibt schon bestimmte Eignungskriterien, die wir voraussetzen würden. Dazu gehören so Fähigkeiten wie Empathie, Teamfähigkeit, Kommunikationskompetenzen, respektvolle Haltung Eltern und Kindern gegenüber, Vorbildfunktion und vieles, vieles mehr. Das wäre das Erste, also da müssten wir Wert drauf legen, dass diese Eignungskriterien erfüllt sind, und das Zweite wäre dann, dass wir eine ganz normale Fachschulausbildung zugrunde legen, die berufsbegleitend orientiert ist, das macht das Ganze auch attraktiver, und dann kann man auch über eine entsprechende Verkürzung nachdenken – aber mit anderthalb Jahren ist das nicht zu schaffen. Also ich denke, mindestens drei Jahre sind hier für diese berufsbegleitende Ausbildung anzusetzen.

    Götzke: Aber diese Leute, die Sie da gerade genannt haben mit den Kriterien, Empathie und auch die intrinsische Motivation, Kinder zu erziehen, die werden doch sowieso in die Fachschulen gehen. Die werden doch von den Arbeitsagenturen sowieso schon darauf angesprochen. Wie soll denn jetzt dadurch, durch diese Maßnahmen, nur weil von der Leyen es fordert, mehr Erzieherinnen dann in diesen Beruf finden?

    Jansen: Na, es kann schon sein, dass durch diese Idee von von der Leyen jetzt einige noch mal auf diese Möglichkeit auch gestoßen werden, und wenn sie wie gesagt also diese Eignungskriterien erfüllen und dann entsprechend qualifiziert werden, sehen wir darin kein Problem, sondern zum Teil auch eine große Chance, weil wir auch in vielen Kindertageseinrichtungen in den letzten Jahren darüber diskutiert haben, multiprofessionelle Teams zu bilden, und das kann schon sein, dass der eine oder andere dabei ist oder die eine oder andere, die aufgrund von ihrer Berufsausbildung, die sie im ersten Schritt gemacht hat, da auch bereichernd für eine Kindertageseinrichtung sein könnte.

    Götzke: Können Sie kurz erläutern, was ein multiprofessionelles Team ist?

    Jansen: Na, ein multiprofessionelles Team ist ein Team, das sich jetzt nicht nur eben aus Erzieherinnen zusammensetzt, sondern in das beispielsweise auch andere Berufssparten arbeiten oder tätig werden, wie beispielsweise ein Schreiner, ein Maler oder was weiß ich, aber Voraussetzung wie gesagt, es muss eine qualifizierte Ausbildung zugrunde liegen.

    Götzke: Jetzt gibt es seit Jahren die Forderung, Kita stärker zu Bildungseinrichtungen zu entwickeln. Aktuell, und das haben wir ja auch gerade gesagt, hoffen alle Beteiligten, dass die Qualität nicht sinkt in den Kitas. Lassen sich diese beiden Ziele – Kita-Ausbau und frühkindliche Bildung – überhaupt vereinbaren?

    Jansen: Erst mal haben Sie ja in Ihrem Vorspann darauf hingewiesen, dass es möglicherweise infrage zu stellen ist, dass durch den Einsatz von Arbeitslosen Kindertageseinrichtungen zu Bildungseinrichtungen werden. Also ich würde schon Wert darauf legen, dass wir das bereits sind und dass wir alles dransetzen müssen, dass das auch so bleibt. Und wenn jetzt die entsprechende Qualifizierung zugrunde gelegt wird, sehe ich da nicht irgendwo ein Hindernis oder eine Barriere, die das irgendwie blockieren könnte.

    Götzke: Heute wurde das Betreuungsgeld im Bundeskabinett beschlossen. Wie sinnvoll ist es, fast eine Milliarde Euro dafür auszugeben, statt zum Beispiel die Bezahlung der Erzieherinnen so zu verbessern und damit die Attraktivität zu steigern?

    Jansen: Ja, wir würden dieses Geld, diese 1,2 Milliarden, die da errechnet worden sind, natürlich schon lieber in die Qualität der Einrichtungen auch investiert sehen. Das ist nicht nur die Bezahlung, sondern das ist sicherlich ein wesentlicher Schritt, über den man nachdenken muss, weil die Bezahlung von Erzieherinnen bei Weitem nicht dem gesellschaftlichen Stellenwert, den Kindertageseinrichtungen heute haben, entspricht. Aber wir müssen an der Stelle, wenn es um qualitative Voraussetzungen geht, auch darüber nachdenken, wie wir die Gruppen verkleinern können, die Personalschlüssel entsprechend angleichen, wir müssen drüber nachdenken, wie es möglich ist, Leiterinnen quasi eben auch von ihrem Gruppendienst zu befreien, damit die diese ganzen Koordinationsaufgaben auch in Ruhe machen können und so weiter.

    Götzke: Ja, demnächst werden die Gruppen aber eher vergrößert als verkleinert, oder?

    Jansen: Also das Problem ist in der Tat, wie wollen wir das bis August 2013 schaffen. Und ich sehe im Moment also die große Gefahr, dass das an die Wand – ja, das werden wir auch so kurzfristig nicht durch den Einsatz von Arbeitslosen, auch wenn wir sie in eine Qualifizierungsmaßnahme schicken, schaffen. Wir müssen da schon aktuell im Moment über andere Dinge noch nachdenken, beispielsweise verstärkt bei Schülerinnen für diesen Beruf werben. Wir haben ein Riesen-Teilzeitpotenzial, also über 40 Prozent der Erzieherinnen, die in Kindertageseinrichtungen arbeiten, arbeiten Teilzeit, damit kann man einen großen Bedarf abdecken. Wir haben ein großes Potenzial an Erzieherinnen, die ausgestiegen sind aus dem Beruf, für die es Wiedereinsteigerprogramme geben muss – ja.

    Götzke: Arbeitslose in die Kitas – wenn es richtig gemacht wird, kann es funktionieren, sagt Frank Jansen vom Verband katholischer Tageseinrichtungen. Danke schön!

    Jansen: Ja, gerne!


    Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.