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StartseiteBüchermarktTristesse auf Norwegisch20.02.2020

Kjell Askildsen: Das GesamtwerkTristesse auf Norwegisch

Kjell Askildsen, Jahrgang 1929, hat sich neben einigen schmalen Romanen vor allem als Meister der kurzen Erzählform hervorgetan. Das Gesamtwerk des Norwegers ist nun im Luchterhand Verlag erschienen. Zu entdecken ist ein Autor, der die Abgründe des Zusammenlebens im zwischenmenschlichen Alltag auslotet.

Von Dorothea Dieckmann

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Buchcover: Kjell Askildsen: „Das Gesamtwerk“ (Buchcover: Luchterhand Literaturverlag)
Kjell Askildsen: mal politisch engagiert, mal formal wagemutig (Buchcover: Luchterhand Literaturverlag)
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Mit seinem ersten Erzählungsband fand Kjell Askildsen in den 1950er Jahren bei der Kritik wohlwollende Beachtung. In seiner norwegischen Heimatstadt sah es anders aus. Die Biblio­thek verweigerte die Ausleihe, der Pfarrer verurteilte das Buch, und der Vater des Vierundzwanzigjährigen, ein frommer Freikirchler und Abgeordneter der Christlichen Volkspartei, verbrannte es nach der Lektüre. Mit der Kombination aus heimischem Bannfluch und öffentlicher Anerkennung erhielt der junge Askildsen so viel Bestätigung, wie sich ein Debütant nur wünschen kann. Aber was hatte das Provinzpatriarchat dermaßen erregt?

"Sie schmiegte sich an meinen Rücken (...), aber plötzlich drang Gelächter durch das offene Fenster, und als ich nachschaute, standen auf dem Gehweg gegenüber zwei Jungs und stießen sich gegenseitig grinsend an. (...) Ich (...) dachte, es wäre schlimm, wenn ich nicht alles tun würde, um sie zu halten (...), und ich sagte, ich werde es schon schaffen. Was wirst du schaffen?, fragte sie. Dir mehr zu geben als nur Liebe und Zärtlichkeiten. (...) Geld und schöne Kleider, sagte ich. Ich ging zu ihr, (...) sie drückte ihren Körper an meinen, und wir wollten es beide, und niemand lachte mehr vor dem Fenster."

"Der Einbruch" heißt die Erzählung. Noch am selben Abend wird der Ich-Erzähler in eine Villa einbrechen und viel Geld für seine Angebetete erbeuten, um sie dann jedoch mit einem anderen Mann anzutreffen. Als er diesen brutal zusammenschlägt, wird er von der Polizei abgeführt. Kurz, es ist ein dramatischer, für heutige Leser aber eher harmloser Plot. In guter Short-Story-Manier bleibt der Ausgang ebenso offen wie die Frage, ob die Geliebte des Ich-Erzählers eine Prostituierte ist; nur das sinistre Gelächter tönt wie aus dem Off in den dunklen Innenraum des Geschehens, halb als Rätsel, halb als Lösung. In den Geschichten des Askildschen Erstlings herrscht, bis auf eine idyllische jugendliche Liebesbegegnung, ein zwischen Erotik und Tod flackerndes Dunkel, mal schwer und blutig, mal existentialistisch kühl.

"Beckett" als irreführendes Etikett

Es ist der Beginn eines schmalen Opus, das dem Autor auch international Anerkennung eingebracht hat. Fünf Kurzromane und acht kleine Erzählungsbände bilden das Gesamtwerk, das der Luchterhand-Verlag in zwei dicken Bänden herausgegeben hat. Beworben wird der Autor als "Beckett Norwegens" – ein irreführendes Etikett, das sich nur auf einen äußeren Eindruck berufen kann: den seiner Physiognomie. Das langgezogene Adlergesicht mit dem stechenden Blick aus hellen Augen erinnert deutlich an die markanten Züge des Iren. Askildsen hat Beckett übersetzt und ihn neben anderen Autoren als Impulsgeber bezeichnet. Aber nichts könnte Beckett ferner sein als etwa dieses Credo:

"Man muss ja vor allem eine Spannung schaffen. Natürlich. Eine Spannung, die den Leser nie loslässt. Darauf hat er ein Anrecht."

Die Auseinandersetzung mit der christlichen Erziehung war ein Leitmotiv seines Schreibens. Den religiösen Zwängen und Schuldzuwei­sungen setzte er erotische Schilderungen, den tröstlichen Sinngebungen kata­strophische Alltagsszenarien entgegen, gepaart mit einer düsteren Innerlichkeit. Zugleich experimentierte er wild mit Erzählformen. Die ersten beiden Romane, die noch in den fünfziger Jahren erschienen, könnten kaum unterschiedlicher sein. Der erste mit dem schrägen Titel "Herr Leonard Leonard" ist die gerichtliche Aussage eines Mannes, der ohne jedes Motiv seine Geliebte umgebracht hat. Die Geschichte von vergebli­cher Selbstsuche und sinnlosem Mord imitiert unüberhörbar Kafkas Ton:

"Drinnen stand ein Mann und rasierte sich über einer Waschschüssel. (...) Ich schloss die Tür und sah ihn an. Danach schaute ich mich im Zimmer um und wunderte mich, dass es keine anderen Türen (...) gab als diejenige, durch die ich hereingekommen war. ‚Waren Sie eingesperrt?’, fragte ich. Der Mann blickte mich verwundert an. ‚Nein’, sagte er, ‚warum?’ ‚Die Tür war von außen abgeschlossen’, sagte ich. ‚Tatsächlich? Nun ja, so etwas muss man hinnehmen (...).’"

Ein kleiner Geniestreich

Der zweite Roman, "Davids Bruder", bleibt dagegen in den Grenzen eines psy­chologischen Realismus; aus der Sicht eines pubertierenden Jungen erzählt er die rührende Geschichte von der Rückkehr seines totgeglaubten älteren Bruders David. Jetzt hat David tatsächlich eine Krankheit zum Tode und nutzt die ihm verbleibende Lebenszeit, um dem Jüngeren gegen die Bigotterie des Elternhauses den Rücken zu stärken. Zehn Jahre später, 1966, erlebte Askildsen mit seinem zweiten Erzählungsband "Kulissen" den Durchbruch. In der letz­ten Geschichte verschränkt er drei Perspektiven so eng, dass sie sich zu einem klaustrophobisch dichten Klumpen ballen. In seinem nächsten Roman "Umgebungen" hat der Autor diese Technik fortge­führt. Auf einer kleinen Insel bewegen sich vier Figuren und beobachten einander unablässig, während ein unsichtbarer Regisseur in schneller Folge zwi­schen den Blickwinkeln schaltet wie an vier Monitoren. Kein Wunder, dass der kleine Geniestreich verfilmt wurde. Der Text, ein Tanz der Blickachsen und Raum­koordinaten, erinnert als einziger tatsächlich von fern an Beckett, dessen wortloses Stück "Quadrat".

"Um zehn Uhr steht der Leuchtturmwärter im Turm und sieht Marion auf einem Stuhl vor ihrem Fenster lesen. Albert Krafft kommt aus der Hütte, blickt eine Weile zum Bootshafen hinüber (...). Marion und Krafft können einander nicht sehen, zwischen ihnen liegt die rote Hütte. (...) Krafft geht hinein und holt einen Küchenstuhl und die schwarze Mappe (...). Er sieht Maria zum Toilettenhäuschen gehen, dasselbe sieht der Leuchtturmwärter. Durch den Spalt kann [Maria] Kraffts sämtliche Bewegungen verfolgen (...)."

Minutiöse Wahrnehmung

In den Siebzigern meldete sich Askildsen wiederum mit zwei irritierend "braven" Romanen, in die seine Sympathien für Kommunismus und Frauenemanzipation eingingen. "Oluf, lieber Oluf" und "Alltag" lassen sich ohne weiteres als engagierte Literatur lesen. Doch trotz der konventionellen Inhalte zeichnet Askildsens Literatur eine scharfe Wahrnehmung aus, ein Augenmerk auf das Abweichende und eine Sprache, die präzise den Verästelungen menschlichen Fühlens und Verhaltens folgt. Von nun an entwickelt er diese Stärke ausschließlich in der kürzeren Form weiter. So etwa in der Erzählung "Ingrid Langebakke" aus dem Band "Nichts umsonst" von 1982:

"An den folgenden Tagen geht sie ihm aus dem Weg und sagt nur das Nötigste. Torbjørn bleibt abends zu Hause, darüber freut Ingrid sich; mehr als alles andere fürchtet sie, dass er wieder betrunken nach Hause kommen könnte. Sie sieht, wie eingesperrt er ist, und sie weiß, dass der Alkohol gefährliche Sprünge in den Panzer schlagen kann, in den er sich verkriecht (...): Sie hat Angst, kann aber nicht die entgegenkommende Art an den Tag legen, die ihn vielleicht milder stimmen würde. Denn sie fühlt nicht Gutes mehr für ihn. Sie fragt sich, ob sie ihn hasst, und sie antwortet mit Ja und Nein. Das Ja erschreckt sie. Bisweilen schaut sie ihn an, unbemerkt, und wird von etwas überrumpelt, das Mitleid ähnelt, aber es geht rasch vorbei."

Ein großer Teil der Erzählungen und Kurzgeschichten behandelt solche "Szenen einer Ehe", die tatsächlich an den berühmten Bergman-Film dieses Titels erinnern – Dramolette mit eindringlicher Wirkung, auch wenn diese unter der zunehmenden Gleichförmigkeit der Texte leidet. Scheinbar schlichte Dialoge geben wie ein minutiöses Drehbuch die feinsten Regungen wieder:

"Sie sah auf die Uhr. ‚Ich glaube, ich gehe bald ins Bett’, sagte sie. ‚Ja, mach das’, sagte er. ‚Du nicht?’, fragte sie. ‚Noch nicht gleich. Es ist so schön, hier zu sitzen und auf den Fjord rauszuschauen.’ ‚Ja, nicht wahr?’, sagte sie. ‚Nicht wahr, das ist ein schöner Ort?’ ‚Ja, klar’, sagte er. Er sah sie an. ‚Ich finde, du schaust mich so komisch an’, sagte sie. ‚Findest du?’, fragte er. Sie griff nach ihrem Glas. Sie trank aus. ‚Tut mir leid, dass ich so müde bin’, sagte sie. ‚Das ist sicher die frische Luft.’ ‚Ja’, sagte er. ‚Geh ruhig ins Bett.’"

Die späten Erzählungen: trist und grau

In den staccatohaften Zwiegesprächen staut sich das Schweigen und entlädt sich bisweilen zum Schrecken der Akteure selber in irrationalen Handlungen: Der Mann zieht der Schlafenden die Decke weg, die Frau verbrennt eine Spielkarte. Oft verlegt Askildsen die Dialoge nach innen, wo sie als Selbstgespräch fortlaufen und den Eindruck erwecken, dass sich auch in einer einzelnen Person zwei einander Fremde gegenüberstehen. Im Lauf der Jahre werden die Erzählungen immer trister und grauer. In den letzten Bänden vegetieren kranke und alte Männer grummelnd dem Tod entgegen, Beziehungen erweisen sich als Gefängnis­se, Familien langweilen sich durch den Alltag und vertilgen stumm Spiegeleier, Kohl und Fleisch:

"Sie setzten sich. Er goss Rotwein ein. Sie aßen Rinderbraten. Sie redeten über Alltägliches, er beteiligte sich mit dem einen oder anderen Ja oder Nein (...). Sie stand auf und deckte den Tisch ab, und als Vera ebenfalls aufstand, sagte sie: Nein, nein, bleib ruhig sitzen. Jakob sah, dass Vera zögerte, dann nahm sie die Gemüseschüssel und die Sauciere und folgte Maria in die Küche."

Wie in den unzähligen Kurzgeschichten der Gabriele Wohmann, mit denen Generationen von Schulkindern gequält wurden, sezieren Askildsens späte Erzählungen das saturierte Elend innerlich erloschener Durchschnittsbürger ohne einen Funken Schönheit oder Utopie. Tatsächlich freut sich der Einundneunzigjährige, wie sein Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel in einem Geleitwort berichtet, dass seine Geschichten in Norwegen Schullektüre sind, weil sie keine Moral oder Nutzanwendung vorgäben. Ihm, dem Übersetzer, ist zu verdanken, dass Askildsens glasklarer Ton im Deutschen mit geradezu unheimlicher Natürlichkeit wiederkehrt. Was die Nutzanwendung angeht, so wird ein empfindsamer norwegischer Schüler wohl den Schluss ziehen, niemals erwachsen werden zu wollen. Und für die erwachsene deutschsprachige Leserschaft wäre eine engere Auswahl des Askild'schen Werks in den ursprünglichen kleineren Buchausgaben angenehmer und angemessener gewesen.

Kjell Askildsen: "Das Gesamtwerk"
aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
Luchterhand Literaturverlag, München. 1056 Seiten, 48 Euro.

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