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StartseiteUmwelt und VerbraucherDas Dilemma mit feuchtem Toilettenpapier24.01.2018

KläranlagenDas Dilemma mit feuchtem Toilettenpapier

Feuchtes Toilettenpapier landet meistens - wie normales Toilettenpapier auch - im Klo. Wo auch sonst? Doch genau dort fängt das Dilemma an: Denn die feuchten Tücher lösen sich nur schlecht auf. Und genau das macht den Kläranlagen in ganz Deutschland ziemliche Probleme.

Von Sabrina Loi

Sogenanntes Rechengut steckt am 26.08.2016 in Mannheim (Baden-Württemberg) im Klärwerk in einer Rohrleitung. Foto: Uwe Anspach/dpa (zu dpa: «Feuchttücher verstopfen Kanalisation in Baden-Württemberg» vom 25.09.2016) | Verwendung weltweit (dpa)
Feuchtes Toilettenpapier verstopft die Kanalisation in Baden-Württemberg (dpa)
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Themenreihe Mittelpunkt Mensch Toiletten für ein besseres Leben

Wenn der Abfluss verstopft

Die Großkläranlage Köln Stammheim. Das größte Klärwerk in NRW. Bei trockenem Wetter kommen hier knapp 5.000 Liter Abwasser pro Sekunde an. Darin: Jede Menge Müll. Wattestäbchen zum Beispiel. Damenbinden. Und feuchtes Toilettenpapier. Martin Grudzielanek, Leiter der Betriebssteuerung in Stammheim, erklärt die sogenannte Rechenanlage. Damit wird der gröbste Müll aus dem Abwasser herausgefischt.

"Die Rechenanlage ist so aufgebaut, dass in dem Wasserstrom senkrechte Stäbe stehen mit einem Stab-Abstand von 8 mm und alles was jetzt im Abwasser vorhanden ist über 8 mm, bleibt an diesen Rechenstäben hängen und mit dieser Umlaufharke, die sie hier vorne sehen, wird dieses Rechengut aus dem Abwasser herausgeholt. Das Ganze wird auf einen Förderer gegeben, wird gepresst und dann anschließend in Container verladen, und das geht dann zur Müllverbrennungsanlage."

Hauptbestandteil: reißfester Vlies

Aber durch die Rechenstäbe flutscht auch einiges durch. Bei normalem Toilettenpapier ist das kein Problem: Das besteht aus Zellulose und löst sich in der weiteren Abwasserreinigung so stark auf, dass es für die Pumpen, die das Wasser im Klärwerk weiterleiten, keine große Rolle spielt. Feuchtes Toilettenpapier besteht dagegen nicht aus Papier, sonders aus reißfestem Vlies, also aus Textilfasern:

"Diese Feuchttücher, die sind halt so beschaffen, dass sie sich nicht auflösen und wenn sie sich auflösen, dann bilden sie lange Zöpfe aufgrund ihrer Struktur und an diesen Zöpfen wiederum bleiben dann Haare hängen, die natürlich auch im Abwasser sind und andere Sachen, so dass das Ganze recht kompakt ist und diese kompakten Zöpfe zum Beispiel sorgen hier in Stammheim dafür, dass uns viele Pumpen dadurch schon zerstört sind."

Feuchtes Toilettenpapier in den Müll

Feuchte Toilettentücher gehören in den Müll und nicht ins Abwasser, findet Martin Grudzielanek. Deshalb müssten die Verbraucher besser aufgeklärt werden. Doch tatsächlich gibt es keine klaren Vorschriften, ob das feuchte Toilettenpapier ins Klo gehört, oder nicht. Stattdessen nur eine Art freiwillige Selbstverpflichtung der Hersteller. Dazu hat der europäische Verband der Vlieshersteller vor einigen Jahren festgelegt, ab welcher Auflösungsrate ein Feuchttuch als "spülbar" bezeichnet werden darf.

Voraussetzung für die Spülbarkeit ist, dass die Tücher im sogenannten "Slosh-Box"-Test innerhalb von drei Stunden im Wasser 25 Prozent ihrer Masse verlieren. Bei diesem Test werden die Feucht-Tücher in eine Art kleines Aquarium gelegt, das hin und her geschwenkt wird. Das Problem: Der Effekt ist mit einem normal strömenden Abfluss im Abwasserkanal kaum vergleichbar, sagt Professor Holger Schüttrumpf vom Institut für Wasserbau und Wasserwirtschaft an der RWTH Aachen. Realistischer wird die kontinuierliche Strömung des Abwassers im sogenannten Kreisgerinne des Instituts nachgestellt: Eine runde Röhrenkonstruktion, in der die Tücher im Wasser endlos im Kreis wirbeln. Holger Schüttrumpf testet hier feuchtes Toilettenpapier verschiedener Marken.

Herkömmliches Toilettenpapier löst sich auf

"Wenn man sich jetzt mal die Unterschiede ansieht, egal, welches man nimmt – das ist jetzt feuchtes Toilettenpapier: Man erkennt, das hat seine Struktur, seine Form auch nach zwei Stunden im Wasser gehalten. Wenn wir das mal vergleichen mit herkömmlichen Papier-Toilettenpapier, dann erkennt man, das zerfällt mit der Zeit, das löst sich auf und ich merke auch, da bleiben einzelne Fasern an meinen Händen kleben."

Der Test zeigt: Die Reibung in der Kanalisation allein reicht nicht, damit sich das feuchte Toilettenpapier schnell auflöst. Die Tücher werden mit jeder Menge anderem Müll wie ein Teppich im Klärwerk angeschwemmt.

Kampfansage an die feuchtes Toilettenpapier

Die Großkläranlage Stammheim hat ihnen jetzt mit sogenannten Mazeratoren den Kampf angesagt, erklärt Mitarbeiter Martin Grudzielanek:

"Mazeratoren sind wie große Pumpen nur mit einem großen Schneidwerk, so dass diese Stoffe, die sich nicht von selber auflösen oder die diese Zöpfe bilden, durch dieses Schneidwerk praktisch zerkleinert werden und so dann im weiteren Verfahrenslauf innerhalb der Rohrleitungen zu keinen weiteren nennenswerten Verstopfungen kommt. Das ist die Lösung."

Eine recht teure Lösung. Die Kosten tragen letztendlich die Verbraucher – durch höhere Abwassergebühren. Die feuchten Tücher einfach in den Eimer, statt ins Klos zu werfen, wäre da deutlich günstiger – für alle Beteiligten.

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