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StartseiteKultur heuteKlassiker mit Widerwillen17.10.2013

Klassiker mit Widerwillen

John Tiffany interpretiert "The Glass Menagerie" am Broadway

Etwas Neues in den Texten eines Klassikers zu entdecken und herauszuarbeiten, ist eine große Herausforderung. John Tiffany hat sie am New Yorker Broadway gemeistert - mit seiner Neuinszenierung von Tennessee Williams' "Glasmenagerie".

Von Andreas Robertz

Der Schriftsteller und Stückeschreiber Tennessee Williams in Manhattan, 1980 (AP Archiv)
Der Schriftsteller und Stückeschreiber Tennessee Williams in Manhattan, 1980 (AP Archiv)

Wie funktioniert Erinnerung? Wie real sind ihre Protagonisten? Was drängt sich in den Vordergrund? Warum ist jener Gegenstand noch so lebendig und prägnant, ein anderer dagegen verschwindet ins Unbedeutende? Diese oder ähnliche Fragen haben sich wohl Regisseur John Tiffany, sein Team und das Ensemble gestellt, als sie sich die "Glasmenagerie" erarbeitet haben. Denn wie Williams am Anfang des Stückes seinen Erzähler und Alter Ego Tom sagen lässt: "Dies Stück ist eine Erinnerung."

Tiffany hat sich international mit seiner Inszenierung "Black Watch" am schottischen Nationaltheater einen Namen für kraftvoll choreografiertes Theater gemacht, das sich mit schmerzlichen Erinnerungen beschäftigt. Und die Glasmenagerie ist eine solche. Fast wie ein eigener Charakter verfolgt sie Protagonist Tom alias Zachary Quinto, schubst ihn manchmal wie eine Marionette über die Bühne, unterbricht ihn mit fernen Geräuschen und lässt ihn selbstvergessen Zigaretten rauchen. Zachary Quinto, der Einigen als Mr. Spock aus den jüngsten Star-Trek-Filmen bekannt sein dürfte, spielt die Figur Tom in seinem Broadway Debüt mit seltsam distanziertem, fast aggressivem Widerwillen, als könne er sich nicht entscheiden, ob der Schmerz des Verlustes, die Unerträglichkeit der Situation oder die Süße der Erinnerung die Oberhand gewinnen soll. Dazu Zachary Quinto:

"Dies ist wirklich ein Zauberbuch aus Toms zerbrochenen Erinnerungen. Erinnerungen sind nicht ganz, sie sind nicht glasklar, oft sind sie düster, vermischen sich miteinander oder entstehen auseinander."

Cherry Jones, eine der großen amerikanischen Bühnenschauspielerinnen, die als Präsidentin Allison Taylor aus der Serie "24" international bekannt wurde, spielt Mutter Amanda mit dem vergangenen Glamour der Südstaaten, eine ewig plappernde Matriarchin zwischen der Sorge um das Überleben der Familie – ihr Mann hat sie lange schon verlassen - und der Sehnsucht nach alten Zeiten. Amanda lebt in großen, oft künstlich wirkenden Gesten, die sie zu einer fast überhöhten Figur machen, als würde Toms Erinnerung sie größer machen, als sie tatsächlich war. Das passt zwar gut zum Thema Erinnerung, lässt sie jedoch nur selten in ihrer Menschlichkeit real werden. Cherry Jones:

"Wir gleiten buchstäblich auf diesen Sechsecken über diesen schwarzen Teich, umgeben von Schwärze. Deshalb muss alles was auf dieser Bühne passiert, unglaublich lebendig sein, wie im Traum oder einer Erinnerung."

Bob Crowleys Bühne ist minimalistisch nur mit dem Notwendigsten ausgestattet, um das kleine Appartement der Winfield-Familie wieder erstehen zu lassen, die alte Coach, der Küchentisch, das Grammofon mit Papas alten Platten und Lauras Glastiere, die dem Stück den Namen geben. Ein eisernes, für Amerika so typisches Feuerwehrtreppenhaus, das sich hoch ins Bühnenhaus hin verjüngt, wirkt wie ein traumhaftes "staircase to heaven". Der Rest ist Dunkelheit. Alltägliche, für die Erzählung eher unwichtige Tätigkeiten sind choreografisch formalisiert, andere Momente wie die berührende Begegnung zwischen Laura und ihrem vermeintlichen Verehrer Jim sind in ihrer emotionalen Behutsamkeit minutiös und in großer Langsamkeit gespielt.

Und auch wenn der Abend mit Ausnahme jener Begegnung einen seltsam unberührt lässt – Toms Distanziertheit und Amandas Künstlichkeit haben ihren Preis - folgt man den Protagonisten in jedem Moment, hört man den Text wunderbar klar und frisch, folgt der inneren Notwendigkeit, mit der Tom aus dem Haus getrieben wird. Dies ist ein großer Verdienst der Inszenierung. Besonders schön ist, wenn Laura am Anfang durch das Sofa auf- und am Ende wieder abtritt. Als Tom sie dann auffordert, die Kerzen auszublasen, ist sie schon wieder in der Erinnerung verschwunden. Und dann muss er es selber tun.

Großer und für den Broadway ungewöhnlich langer Applaus für einen stimmigen Abend mit Schauspielern, die sehr genau wissen, was sie tun.

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