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Klaviertrios von Heinrich von HerzogenbergRomantische Blütenpracht

Die Kammermusik von Heinrich von Herzogenberg (1843-1900) ist heute nahezu vergessen. Ein Fehler, wie die Aufnahme des Wiener Klaviertrios zeigt.

Von Marcus Stäbler | 16.07.2017

Mit Ende zwanzig erlebte der Österreicher Heinrich von Herzogenberg eine schwere Schaffenskrise und wagte anschließend einen Neustart, der sich an der klassischen Tradition orientierte. Seine beiden Klaviertrios Nr. 1 und Nr. 2 vermitteln einen Eindruck von diesem Stilwandel und der Meisterschaft des romantischen Komponisten.
Musik: Herzogenberg, Klaviertrio Nr. 1, 3. Satz
"Wer im Stande ist, ein so gutes Trio zu schreiben wie das vorliegende, der hat Anspruch auf Anerkennung seines Talents, seines Wissens und Könnens und diese zolle ich dem Componisten mit Vergnügen". So urteilte der Kritiker der Allgemeinen Musikalischen Zeitung im Jahr 1878 über das erste Klaviertrio von Heinrich von Herzogenberg, der 1843 in Graz geboren wurde und im Jahr 1900 in Wiesbaden verstorben ist. Trotz der positiven Resonanz seiner Zeitgenossen, verschwand das erste Klaviertrio von Herzogenberg schon bald wieder aus dem Repertoire und ist heute weitgehend in Vergessenheit geraten. Zu Unrecht, meint das Wiener Klaviertrio, das beim Label Dabringhaus und Grimm eine neue Aufnahme dieses ersten und des zweiten Klaviertrios von Herzogenberg präsentiert.
Zu Unrecht vergessen
Wie in vielen seiner Werke wandelt Heinrich von Herzogenberg auch im ersten Klaviertrio auf den Spuren von Johannes Brahms. Der zehn Jahre ältere Brahms wurde für Herzogenberg zu einem wichtigen Vorbild, als er in einer Schaffenskrise steckte und nach einem neuen Weg suchte. Der junge Österreicher hatte sich zunächst als Mitstreiter von Franz Liszt und Richard Wagner der so genannten neudeutschen Schule und damit der Abkehr von den klassischen Formen der Sinfonik und der Kammermusik verschrieben – doch mit dem Umzug ins damalige Zentrum des konservativen Geschmack nach Leipzig im Jahr 1872 steckte der aufstrebende Komponist mit Ende 20 plötzlich in einer Sackgasse und wurde kaum noch wahrgenommen. Drei Jahre lang brachte Heinrich von Herzogenberg keine Note aufs Papier; dann wechselte er das Lager und die Richtung und wandte sich von den Ideen der Neudeutschen ab. Stattdessen rückte die Auseinandersetzung mit der klassischen Tradition und dem, wie Johannes Brahms sie weiter geführt hat, ins Zentrum seines Schaffens.
Rückbesinnung auf Brahms
Diese Neuausrichtung signalisiert Herzogenberg auch zu Beginn seines Klaviertrios in c-Moll – einem der ersten Werke, die nach der Schaffenspause zwischen 1872 und 1875 entstanden sind. Der dunkel raunende Klang von Cello und Klavier hat eine brahmsische Färbung, und auch die Entwicklung des Themas, das sich sofort motivisch verzweigt und dann erst nach und nach zu romantischer Pracht erblüht, zeugt unverkennbar vom Einfluss des Vorbilds - doch Heinrich von Herzogenberg kopiert Brahms nicht, sondern findet auf dessen Spuren einen eigenen Weg. Dorthin folgt ihm das Wiener Klaviertrio aufmerksam und sensibel.
Musik: Herzogenberg, Klaviertrio Nr. 1, 1. Satz
Der Beginn des c-Moll-Klaviertrios op. 24 von Heinrich von Herzogenberg mit dem Wiener Klaviertrio. In den knapp zwanzig Jahren seines Bestehens hat sich das Ensemble zu Recht als eine der führenden Trio-Formationen der internationalen Kammermusikszene etabliert. Der kalifornische Geiger David McCaroll, seit 2015 dabei, fügt sich nahtlos in diese gewachsene Ensemblekultur ein. McCaroll und der Cellist Matthias Gredler streichen mit schlankem Ton und lassen ihren Klang mit dem des Klaviers zu einer Einheit verschmelzen. Dadurch wirken die Interpretationen des Wiener Klaviertrios wie aus einem Guss; alle Phrasen sind homogen geformt, die melodischen Bögen gemeinsam gesungen und beatmet.
Interpretation wie aus einem Guss
Im organischen Fluss der Musik verbinden die Mitglieder des Wiener Klaviertrios Sorgfalt und feuriges Temperament in einer Weise, wie es wohl nur lange eingespielten Ensembles gelingt. Jedes Detail fügt sich perfekt und ganz selbstverständlich ins Gesamtbild – dank einer auch technisch exzellenten Aufnahme. Die Super-Audio-CD vereint auf selten zu hörende Weise kammermusikalische Transparenz mit einer ganz natürlichen Räumlichkeit, die einem die Nähe zur Musik anbietet, aber nicht aufdrängt.
Alles klingt rund und warm – und dadurch mitunter vielleicht eine Spur zu geglättet. Das ist einer der wenigen Wünsche, die die Einspielung des Wiener Klaviertrios offen lässt: dass sie die Charaktere der Musik noch prägnanter hätte modellieren, den Farbreichtum noch mehr ausreizen können. Wie zu Beginn des Andante im ersten Klaviertrio von Heinrich von Herzogenberg. Mit einem sanft schwingenden Rhythmus beschwört der Komponist dort die Stimmung eines Wiegenlieds – und da wäre sicher ein noch weicheres Flüstern der Instrumente, ein noch intimeres Klima denkbar.
Musik: Herzogenberg, Klaviertrio Nr. 1, 2. Satz
Dieses etwas verträumte Thema macht Heinrich von Herzogenberg im zweiten Satz seines Klaviertrios zum Ausgangspunkt einer Folge von Variationen. Dabei demonstriert der Komponist seinen Ideenreichtum und seine handwerkliche Meisterschaft – wenn er etwa gleich in der ersten Variation zwei verschiedene rhythmische und klangliche Ebenen übereinander schichtet und den Hörer mit unerwarteten chromatischen Wendungen überrascht.
Alles klingt rund und warm
Der Einfluss von Johannes Brahms schimmert in der Kammermusik von Heinrich von Herzogenberg immer wieder deutlich durch. So wie hier, im Andante des c-Moll-Trios - aber auch im zweiten Klaviertrio in der Tonart d-Moll, das Herzogenberg sechs Jahre später schrieb und das ebenfalls auf der Super-Audio-CD vom Wiener Klaviertrio eingespielt ist.
Dieses zweite Trio lag dem Komponisten selbst ganz besonders am Herzen. Dort hat er seiner Fantasie noch strengere Grenzen gesetzt und sich ganz auf das Wesentliche konzentriert; die motivische Verzahnung ist noch dichter und anspruchsvoller als im ersten. Trotzdem wirkt die Musik nicht akademisch; zumindest nicht im ersten Satz, in dessen ernstem und wehmütigem Ton mitunter eine innere Unruhe pulsiert – das ist in der Aufnahme des Wiener Klaviertrios zu spüren.
Musik: Herzogenberg, Klaviertrio Nr. 2, 1. Satz
Heinrich von Herzogenberg zerschneidet die melodischen Linien im Kopfsatz aus seinem d-Moll-Klaviertrio häufig in kürzere Themenpartikel, die er dann auf die drei Stimmen verteilt. Durch das geschmeidige Zusammenspiel des Wiener Klaviertrios bleibt der musikalische Bogen trotzdem gewahrt – einer von vielen Belegen für die fein nuancierte Ensemblekultur der erfahrenen Kammermusiker.
Den Eindruck mancher Zeitgenossen von Herzogenberg, dass er bisweilen etwas gekünstelt komponiert habe, kann allerdings auch die Wiener Einspielung nicht komplett entkräften. Die rhythmischen Irritationen im dritten Satz etwa sind zwar raffiniert ausgeheckt, wirken aber eine Spur konstruiert.
Musik: Herzogenberg, Klaviertrio Nr. 2, 3. Satz
In solchen Momenten riecht die Musik zumindest stellenweise nach einer etwas trockenen und staubigen Komponierstube, da gelingt es Heinrich von Herzogenberg nicht immer, seine im Kopf und auf dem Notenpapier sicher schlüssigen Ideen auch mit Leben zu füllen. Aber das ist die Ausnahme. Generell findet der Komponist in seinen beiden Klaviertrios eine schöne Balance aus geistigem Anspruch, romantischem Ausdruck und Sinnlichkeit. Manchmal führt er die Besetzung aus Geige, Cello und Klavier auch in eine saftige, beinahe orchestrale Klangfülle und Farbpracht, so wie im Finale des zweiten Klaviertrios.
Musik: Herzogenberg, Klaviertrio Nr. 2, 4. Satz
Das war das Allegro moderato aus dem zweiten Klaviertrio von Heinrich von Herzogenberg mit dem Wiener Klaviertrio. Das Finale einer Aufnahme, die zwei spannende kammermusikalische Entdeckungen präsentiert. Die Super-Audio-CD ist bei dem Label Dabringhaus und Grimm erschienen; Marcus Stäbler hat sie Ihnen vorgestellt.
Heinrich von Herzogenberg: Klaviertrio Nr. 1 op. 24 in c-Moll, Klaviertrio Nr. 2 op. 36 in d-Moll.
Wiener Klaviertrio
Dabringhaus und Grimm, SACD MDG 9422017-6