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Klein, niedlich und sensibel

Der wohl kleinste Halbaffe der Welt, der Koboldmaki, ist vom Aussterben bedroht. Sein Lebensraum, die tropischen Regenwälder, werden abgeholzt; der Koboldmaki als Ausstellungsobjekt für Touristen gefangen. Im Käfig begeht das Tier schnell Selbstmord.

Von Michael Frantzen | 20.11.2009
    Tropischer Regenwald, soweit das Auge reicht: Für den winzigen Koboldmaki der perfekte Lebensraum. Inmitten des immergrünen Dickichts fällt er kaum auf. Anderthalb Meter über dem Boden döst das nachtaktive Tier, wissenschaftlich Tarsier genannt, auf einem Baum vor sich hin.

    Die meisten Besucher des eingezäunten Schutzgebietes der "Tarsier Stiftung" hier in Bohol würden ohne die Adleraugen von Carlito Pizarras achtlos an ihm vorbei laufen. Zwei, drei Mal am Tag führt der Tierschützer Interessierte durch das sieben Hektar große Gelände; wenn er nicht gerade in den Urlaubsorten mit Touristen spricht.

    "Wir versuchen ihnen klar zu machen: Wenn ihr den Koboldmaki sehen wollt, in seinem natürlichen Umfeld, kommt zu uns. Schaut ihn euch nicht in irgendwelchen Käfigen an. Die Betreiber der Bootsverleihe und Andenkenbuden halten die Tiere in Gefangenschaft, weil sie so süß aussehen. Viele Touristen wollen sie unbedingt fotografieren und anfassen. Der ganze Rummel stresst den Koboldmaki ungemein."

    Früher lebten Koboldmakis nicht nur am Fuße der braunen Chocolate Hills, sondern auch in den Außenbezirken der Inselhauptstadt Tagbilaran. Doch die Zeiten sind vorbei. Wie überall auf den Philippinen wird auch auf Bohol immer mehr Wald abgeholzt. Gut für die Holzindustrie, schlecht für den Koboldmaki. Sein Lebensraum ist inzwischen so klein geworden, dass das philippinische Umweltministerium ihn zur bedrohten Spezies erklärt hat. Davon weiß auch die Biologin Aleksandra Havel zu berichten. Die Tschechin forscht seit einem halben Jahr im Reservat über das Sozialverhalten des Winzlings mit der markanten Stimme.

    "Wir wollen die Stimmen der Koboldmakis zu Forschungszwecken aufnehmen und sie vergleichen. Wir haben deshalb überall im Wald kleine Sender aufgebaut. Wir hoffen, so mehr über ihr Sozialverhalten zu erfahren. Es gibt darüber bislang keinerlei Forschungsergebnisse. Uns interessiert: Wie bewegt er sich? Wie groß ist sein Territorium? Wie kommunizieren die Tiere miteinander?"

    Anders als sein Verwandter auf Indonesien, ist der philippinische Koboldmaki Einzelgänger. Nur zur Paarung treffen sich Männchen und Weibchen, der Akt dauert ganze fünf Sekunden. Hoch sensibel sei der Koboldmaki, betont Carlito Pizarras - in Gefangenschaft würde er elendig zu Grunde gehen.

    "Die meisten Besitzer haben keinen blassen Schimmer, wovon sich der Koboldmaki überhaupt ernährt; von Insekten nämlich und Fröschen. Sie geben ihm Hühnerfleisch. Das verträgt er aber gar nicht. Sein Fell wird dadurch ganz trocken. Doch selbst bei artgerechter Ernährung geht er in Gefangenschaft früher oder später ein. Vor lauter Stress begeht er spätestens nach einem Monat Selbstmord. Der Koboldmaki hört einfach auf zu atmen oder schlägt mit seinem Kopf solange gegen das Gitter, bis er bricht. Sein Schädel ist ja extrem dünn."

    Schon seit Jahren versucht die "Tarsier Stiftung", die Besitzer der Tiere zu artgerechter Haltung zu verpflichten - bislang vergeblich. Einen Erfolg konnten Carlito Pizarras und seine Mitstreiter immerhin verbuchen: Auf ihr Betreiben hin brachten einige Parlamentarier im Landesparlament von Bohol ein Gesetz zum Schutz des Koboldmaki auf den Weg.

    "Das Gesetz ist in Planung. Es soll sicherstellen, dass es zukünftig verboten ist, den Koboldmaki in Käfigen zu halten. Aber nun ja: Die Gesetzgeber kommen nicht so richtig voran."

    Wundern muss einen das nicht. Die Philippinen zählen zu den korruptesten Ländern der Welt. Ein, zwei Schecks aus den Händen eines der mächtigen Tourismusmagnaten der Tropeninsel - heißt es hinter vorgehaltener Hand - und schon hat der eine oder andere Volksvertreter Abschied genommen vom Artenschutz. Gut für seine Geldbörse, schlecht für den Koboldmaki.