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Klein und gemein

Umwelt. - Wasser ist das am besten kontrollierte Lebensmittel, deshalb werden neue Belastungen frühzeitig entdeckt. So sind seit etwa 20 Jahren neue Mitspieler im Abwasser bekannt: winzige Spuren von Medikamenten, künstlichen Hormonen, Industriechemikalien, die in herkömmlichen Kläranlagen nicht abgebaut werden. Über den Status quo nach 20 Jahren Forschung haben Experten aus aller Welt gestern in Berlin diskutiert.

Von Marieke Degen | 11.02.2010

Eine Aspirintablette enthält 500 Milligramm Acetylsalicylsäure. In einem Liter Trinkwasser ist davon gerade einmal ein halbes Nanogramm übrig. Man müsste also fünfhundert Million Liter Wasser trinken, um den Wirkstoff einer einzigen Aspirintablette zu sich zu nehmen.

"Die Konzentration der Arzneimittelrückstände im Trinkwasser ist extrem niedrig. Und je niedriger die Konzentration, desto geringer sind die Auswirkungen auf Mensch und Umwelt. Das Risiko ist gering, nicht gleich Null, aber extrem gering. Allerdings wir können das nicht nur einfach so behaupten. Wir müssen das wissenschaftlich nachweisen."

Und das ist kompliziert, sagt Yves Levi, Professor für Public Health an der Universität im Pariser Süden. Im Trinkwasser sind nämlich nicht nur Rückstände von Medikamenten zu finden, sondern auch Spuren von Kosmetika, Pestiziden, Metallen und Industriechemikalien. Auf einen Stoff können dann noch mehrere Abbauprodukte kommen.

"Im Trinkwasser gibt es einen Mischung aus verschiedenen Spurenstoffen. Deshalb reicht es nicht aus, nur die Wirkung der einzelnen Chemikalien zu kennen. Wir müssen herausfinden, wie sich der gesamte Mix auf den Organismus auswirkt."

In seinem Labor führt Yves Levi dafür aufwändige Testreihen durch, mit Versuchstieren und mit Zellkulturen. Eine Gruppe von Chemikalien, die Experten besonders zu schaffen macht, sind die endokrinen Disruptoren. Das sind Stoffe, die den Hormonhaushalt von Tieren stören können, und wahrscheinlich auch von Menschen. Dazu gehört zum Beispiel das künstliche Hormon der Antibaby-Pille, aber auch die Industriechemikalie Bisphenol A, die unter anderem in Plastikflaschen enthalten ist. Beide Stoffe werden in der Kläranlage nicht oder nur teilweise herausgefiltert. Levi:

"Vor Jahren schon haben wir in verschmutzten Flüssen Fische gefunden, die Probleme hatten, sich fortzupflanzen. Das gleiche haben wir in Wasservögeln und Alligatoren beobachtet. Endokrine Disruptoren können das Gehirn von ungeborenen Tieren schädigen, außerdem fördern sie bestimmte Krebsarten wie Brustkrebs. Das haben wir zumindest bei Labortieren nachweisen können."

Menschen trinken zwei Liter Wasser pro Tag, ein Fisch aber filtert täglich ein Vielfaches seines Körpergewichts durch die Kiemen. Deshalb sind Wassertiere auch besonders gefährdet. Um der vielen verschiedenen Schadstoffe im Wasser Herr zu werden, müsse man sicher gehen, dass sie gar nicht erst in die Umwelt gelangten, sagt Yves Levi.

"Erstens: wir müssen die schädlichen Stoffe in unserer Umwelt zu reduzieren, keine Plastikflaschen mehr benutzen zum Beispiel, sondern Glas. Da könnten wir leicht auf Bisphenol A verzichten. Zweitens müssen wir die Kläranlagen technisch verbessern."

Die meisten konventionellen Kläranlagen sind noch nicht auf die Spurenstoffe eingestellt. Das beklagt auch Hansruedi Siegrist, Ingenieur an dem Schweizer Wasserforschungsinstitut Eawag.

"Die normale Funktion von Kläranlagen ist, sie muss Verbindungen abbauen, die wir zum Beispiel ausscheiden, mit unseren Fäkalien, mit dem Urin. Und die Anlagen sind aufgebaut, um Nährstoffe zu eliminieren, wie Stickstoffe und Phosphor, aber eigentlich nicht, um Spurenstoffe zu entfernen."

Es gibt Medikamente, Pestizide oder Industriechemikalien, die den Klärprozess unbeschadet überstehen. Der Großteil wird in der Kläranlage aber in neue chemische Verbindungen umgewandelt. Siegrist:

"Und wir wissen dann heute nicht so richtig, was haben denn diese umgewandelten Produkte für eine Bedeutung für die Wasserlebewesen."

Die Schweizer wollen jetzt ihre Klärwerke aufrüsten. Das Abwasser soll zusätzlich gereinigt werden – entweder mit Hilfe von UV-Lampen über dem Abwasser, die Ozon erzeugen. Oder mit Aktivkohle, einem ganz feinen Kohlenstoff, der Schadstoffe bindet und aus dem Wasser filtert. Die Techniken sind nicht neu. Ozon wird schon seit 20 Jahren in Schwimmbädern eingesetzt, mit Aktivkohle hat man schon vor dem Zweiten Weltkrieg Abwasser aufbereitet. 100 Kläranlagen könnten in der Schweiz nachgerüstet werden, wenn die Finanzierung stimmt. Siegrist:

"Wir rechnen je nach Standard einer Kläranlage zwischen ungefähr fünf bis 20 Eurocent pro Kubikmeter Wasser für die Ozonung. Das würde dann heißen, pro Einwohner sind das irgendwo zwischen fünf und vielleicht zwanzig Euro pro Jahr."

UV-Lampen und Aktivkohlefilter sollten eigentlich auch schon einmal in Berliner Klärwerken eingebaut werden. Das Thema wurde fallengelassen: zu teuer.