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Kleine Verlage - Große Nöte?

Einige der kleinen, deutschsprachigen Belletristikverlage haben sich erst in den letzten Jahren gegründet. Erstaunlicherweise finden sich doch immer noch einige Enthusiasten, die ein Alternativprogramm zu den großen Verlagen bieten wollen - trotz Krise.

Von Natascha Freundel | 20.07.2009

"Ich würde durchaus sagen, ich weiß nicht, ob es gewagt ist, aber bisher ist die Finanzkrise noch nicht spürbar. Und ich weiß auch nicht, wirklich, ob sie spürbar wird. Weil die Situation für kleine Verlage schon immer schwierig war und schwierig ist, und an diesen Strukturen wird sich nichts ändern."

Frank Berninger vom Münchner Verlag A1, der seit 1990 besteht und fünf Mitarbeiter zählt. Auch Leif Greinus von Voland und Quist aus Dresden - der Verlag besteht aus zwei Verlegern und einer Auszubildenden - kann nicht klagen:

"Also im Gegenteil, bei uns ist es gerade so, dass wir zwei Taschenbuchlizenzen verkauft haben, unsere ersten beiden, also bei uns geht es nach wie vor aufwärts, ohne dass wir spüren könnten, dass da ne Krise im Gange ist."

25 Prozent Umsatzzuwachs wie schon im Vorjahr verzeichnet Greinus für Voland und Quist. 2004 startete der Verlag mit Autoren, die in der Lesebühnenszene und der Spoken-Word-Lyrik wohl bekannt waren, aber oft noch nie verlegt wurden. In Dresden kamen dann quasi aufwendige, umfangreiche Booklets mit CD heraus.

"Also mittlerweile, wir sind ja jetzt im fünften Jahr, fahren wir Startauflagen von 2000 Exemplaren, teilweise 5000 - und verkauft sich schon sehr gut, also wenn man den Bereich Lyrik anschaut, ist das schon nicht vergleichbar mit herkömmlicher Lyrik, die doch relativ schlecht verkauft wird, also auch wo wir von sehr gestandenen Lyrikern hören, Verkaufsauflagen zwischen 400 und 600, da sind wir doch sehr weit drüber."

Auch der A1-Verlag hat eine Nische besetzt: mit Autoren wie Kira Nagaka aus Indien, Galsan Tschinag aus der Mongolei oder Mohammed Nahif aus Pakistan. 1998 hatte der Münchner Verlag riesigen Erfolg mit dem Afrikabericht Corinne Hofmanns, "Die weiße Massai". Den kann etwa das autobiografische Poem "Der Würfelspieler" des kürzlich verstorbenen Mahmoud Darwisch niemals erreichen, weiß Frank Berninger. Die Auflage: 1200 Stück, das deutsch-arabische Büchlein kostet 12,80.
"Es war uns einfach sehr wichtig, aber klar, verkaufen tut sich so was schwierig, das ist klar."

"Man muss eben die Erwartungen richtig einschätzen. Und ich bin eben der Meinung, auch aus der beruflichen Erfahrung heraus, dass kleine Unternehmen oftmals sehr viel flexibler auf bestimmte Herausforderungen der Umwelt reagieren können und eben zum Beispiel auch in Zeiten der Krise dem stärker begegnen können als mancher schwerfällige, große Konzern."

So Nora Pester von Matthes & Seitz, die zeitgenössische Philosophie neben anspruchsvoller Belletristik verlegen. Dem Berliner Verlag ist die deutsche Neuentdeckung des Russen Warlam Schalamow zu verdanken: Eine großartige Edition seiner Tagebücher aus dem Gulag.

"Also Schalamow würde ich viel mehr auf der Chancenseite sehen als auf der Risikoseite, weil ein großes Werk setzt sich dann auch durch."

Beim Verlagstreffen im Literarischen Colloquium Berlin sah zunächst alles bestens aus: Viele neugierige Besucher waren da, die viel kauften. Ein Highlight in einem selbstausbeuterischen Geschäft:

"Finanziell ist das bescheiden. Es ist mehr oder weniger ein Nullsummenspiel."

Bekennt Jürgen Lagger vom Wiener Kleinstverlag "Luftschacht". Und ausgerechnet der Schweizer Urs Engeler, seit 1997 die Institution in Sachen Gegenwartslyrik, kann, will dieses Spiel nicht mehr mitspielen.

"Ich schätze viele der Kollegen sehr, aber was ich nicht so schätze an diesem ganzen Buchding ist, dass man zu wenig - offen, glaube ich - spricht über das, was man so erlebt. Und da gehören immer auch die Zahlen dazu. Aber das hat eben was mit dieser Kultur zu tun, die einfach nur Stärke kennen will. Und jemand, der vielleicht nur 200 Bücher verkaufen will, der gilt halt nicht als stark. Obwohl diese 200 Bücher möglicherweise von dem, was sie geistig repräsentieren, andere Sachen in den Schatten stellen, leicht und schnell."

Engeler gibt auf, weil sein Mäzen - wegen der Finanzkrise - abgesprungen ist. Ein Mann, der für Bücher Zähne bohrte, soll der Verleger einmal gesagt haben. Er wolle keine Schulden machen und er brauche eine Pause, sagt Engeler. Dabei gäbe es noch so viel zu tun:

"Was die Kunst selber betrifft, die Poesie, nehme ich absolut keine Krisensymptome wahr. Im Gegenteil, das Feld scheint mir so reich und interessant, wie für mich nie zuvor, kann ich tatsächlich sagen. Da hab ich ein bisschen Anteil dran durch das, was ich selber versucht hab zu schaffen mit den Büchern, aber auch sehr viele jüngere Autoren tauchen da auf."