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StartseiteUmwelt und VerbraucherGefahr für die Artenvielfalt im Saaletal20.05.2019

KlimaerwärmungGefahr für die Artenvielfalt im Saaletal

Sachsen-Anhalt ist vom Klimawandel stärker betroffen als andere Regionen Deutschlands. Das lässt sich insbesondere im sehr trockenen Unteren Saaletal beobachten. Manche Vogelarten wie der Bienenfresser profitieren von der Erwärmung, doch das biologische Gleichgewicht insgesamt ist sie ein Bedrohung.

Von Christoph Richter

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Ein Bienenfresser (Merops apiaster) im Landeanflug auf einen Ast mit einer Hummel im Schnabel (picture alliance/blickwinkel/T. Will)
Ein Bienenfresser (Merops apiaster) im Landeanflug auf einen Ast mit einer Hummel im Schnabel (picture alliance/blickwinkel/T. Will)
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"Da ist der Rotmilan, der in Sachsen-Anhalt weltweit die größte Population hat." Pflanzenökologe Stefan Klotz vom Hallenser Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UfZ) ist mit Fernglas und Pinzette im Naturpark Unteres Saaletal unterwegs, eine hügelige Landschaft nördlich von Halle. Geprägt von rötlich schimmernden Porphyr-Felsen, durch die sich idyllisch die sanft plätschernde Saale schlängelt. Von der Schönheit haben bereits die Romantiker um Novalis, Joseph von Eichendorf oder Ludwig Tieck geschwärmt.

Neben den Restbeständen von Trauben- und Hainbuchen-Wäldern hat sich die Region wegen der ausgedehnten Trocken- und Halbtrockenrasen-Areale einen Namen gemacht. Vielfältiger Lebensraum für Pflanzen wie die Weinrose, das Federgras, Mannstreu, das Adonisröschen oder den Steppenspitzkiel. Im Saaletal sind auch seltene Vogelarten zu Hause - wie der Raubwürger, die Sperbergrasmücke oder der Bienenfresser:

"Dieser fast tropisch anmutende Vogel baut seine Nester in den Lösswänden des Saale-Tals. Ihn gab es schon immer, aber in sehr kleinen Populationen. Ist häufiger geworden. Er profitiert vom Klimawandel, von der Erwärmung", sagt Stefan Klotz.

Eine der trockensten Regionen Deutschlands

Das Untere Saaletal – eine über 8.000 Jahre alte mitteldeutsche Kulturlandschaft - ist bundesweit neben dem Mainzer Sand die trockenste Region Deutschlands. Weshalb gerade hier die Klimaerwärmung besonders anschaulich zu beobachten sei, so Klotz weiter: "Die Extreme schlagen stärker durch. Da wir schon wenig Niederschlag haben, wenn der sich noch reduziert, wird es noch dramatischer für das Pflanzenwachstum. Und es sind Räume, wo sich neue Arten ausbreiten können, die aus südlicheren oder trockeneren Gebieten kommen. Zum Beispiel die Orientalische Zackenschote."

Eine eingeschleppte Pflanze. Ursprünglich ist die dem Raps ähnliche Zackenschote im Kaukasus sowie in Ost- und Südosteuropa zu Hause. Man spricht von invasiven Neophyten, also Pflanzenarten, die unser ökologisches Gleichgewicht aus dem Lot bringen. Während ein Teil der Neuen im existierenden Ökosystem heimisch wird, verbreiten sich andere sehr schnell und sind ökologisch oder gesundheitlich bedenklich, weil sie zum Beispiel Allergien auslösen. Pflanzenökologe Stefan Klotz schaut nüchtern auf den Wandel der angestammten Biosphären, die der Klimawandel auf lange Sicht verursacht: "Das ist ein Umbau vieler Lebensräume, wo es auch sehr schwer ist, genau vorauszusagen, was aus diesen Lebensräumen wird."

Die Orientalische Zackenschote (Bunias orientalis) (Imago/blickwinkel)Die Orientalische Zackenschote (Bunias orientalis) (Imago/blickwinkel)

Klimaerwärmung "ein riesiges ungeplantes Experiment"

Stefan Klotz leitet die Biozönoseforschung am Helmholtz-Zentrum in Halle. Er untersucht, wie sich die Organismen verschiedener Arten gemeinsam in einem bestimmten Lebensraum entwickeln. Die vom Menschen verursachte Klimaerwärmung sei ein riesiges ungeplantes Experiment, sagt Klotz. Genaue Vorhersagen: schwierig. Was man aber genau beobachten könne, sei das sechste große Artensterben, wie es kürzlich Wissenschaftler in einem UN-Report formuliert haben. Nach Angaben des Weltbiodiversitätsrats IPBES droht innerhalb der nächsten Jahrzehnte durch den Einfluss der Menschen der Verlust von bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten. Im Unteren Saaletal – auf halber Strecke zwischen Leipzig und Magdeburg gelegen - könne man das genau sehen:

"Wir können mindestens 300 Jahre zurückgehen und können vergleichen, was damals hier in der Gegend existierte und was heute existiert. Da finden wir viele Arten, die feuchte Standorte brauchen, die ausgestorben sind." Die Biodiversität im Unteren Saaletal droht sich mehr als bisher zu verschieben. Für das ökologische Gleichgewicht könne das durchaus gefährlich sein, prognostiziert Klotz, der auch Generalsekretär der Europäischen Ökologischen Föderation EEF ist, in der sich die ökologischen Fachgesellschaften Europas zusammengeschlossen haben:

"Wenn alte Arten wegfallen oder neue dazukommen, ändern sich Wechselbeziehungen in den Ökosystemen. Zum Beispiel: Räuber-Beute-Verhältnisse, aber auch Bestäubungsverhältnisse. Finden bestimmte Bienen oder Schmetterlingsarten, die als Bestäuber wichtig sind, noch die richtigen Futterpflanzen?"

Landwirtschaft drängten Arten zurück

Auch die intensive großflächige Landwirtschaft bedrohe das Ökosystem des Unteren Saaletals. "Durch Pestizide, Herbizide, Überdüngung werden viele Arten zurück gedrängt. Es gibt auch Ausspülungen und Verdriftungen. Damit hat die Landwirtschaft eine Auswirkung auf die Gesamtlandschaft des Saaletals."

Um die hier vorkommenden Pflanzen- und Tierarten zu erhalten, aber auch um der Wind – und Wassererosion vorzubeugen, empfiehlt Biologe Klotz, Hecken, Blühstreifen, Gebüsch und Streuobstwiesen zu rekultivieren. 

 Felder im Unteren Saaletal (Deutschlandfunk/Christoph Richter)Großflächige Landwirtschaft im Unteren Saaletal fördert Wasser- und Winderosion (Deutschlandfunk/Christoph Richter)

Autobahnausbau als weitere Gefahr

Der Klimawandel lässt sich stoppen, unterstreicht Pflanzenökologe Stefan Klotz noch. Es gebe keinen Grund, den Kopf in den Sand zu stecken. Klotz erinnert an die Situation von vor 30 Jahren. Da war vom idyllischen Saaletal nichts zu sehen, stattdessen habe es hier wegen des Bitterfelder Industriesmogs gestunken, die Saale war tot. Heute ist von dem damaligen Umwelt-Desaster nichts mehr zu sehen. Weil es ein Umdenken gab, schiebt Klotz noch hinter her. "Da sieht man, wenn man gezielt was angeht, auch Lösungen hinbekommt. Das Problem heute ist ja nicht, das man keine Lösungsmöglichkeiten hätte, sondern das man Lösungen einfach nicht in Gang setzt."

Als akut gefährlich für das einzigartige Ökosystem Unteres Saaletal stuft Umweltexperte Klotz auch den weiteren Ausbau der A 143 ein. Der knapp 13 Kilometer lange Teil eines riesigen Autobahnringes soll Halle vom Fernverkehr entlasten und quer durch das Saaletal verlaufen. Seit Jahren streiten Gegner und Befürworter erbittert um die sogenannte Westumfahrung von Halle. Ende Mai soll in höchst-richterlicher Instanz darüber entschieden werden, vor dem Bundesverwaltungsgericht in Leipzig.

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