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Klimaerwärmung: Keime im Kuhstall

Tiermedizin. - Das Erdklima ist in den vergangenen 100 Jahren um durchschnittlich ein Grad Celsius wärmer geworden. Doch nicht nur die Meteorologen sind alarmiert. Seit rund zehn Jahren machen auch die Tierärzte sonderbare Beobachtungen: Erreger, die sonst nur in Afrika vorkommen, bedrohen nun auch die Tierbestände in den mitteleuropäischen Ländern. Diskutiert wurden diese Phänomene auf den Weltrinderkongress, der heute in Hannover zu Ende ging.

    In Afrika fallen Hunderttausende, in manchen Jahren sogar Millionen von Rindern den sogenannten Blutparasitosen zum Opfer. Dahinter verbirgt sich eine ganze Palette von Krankheiten, die durch verschiedene Erreger ausgelöst werden, meistens Bakterien. Eine dieser Krankheiten ist die Anaplasmose, deren Erreger bei den infizierten Tieren speziell die roten Blutkörperchen zerstört. Die Folgen sind dramatisch, die Rinder zeigen tollwutartige Symptome und viele sterben. Seit gut zehn Jahren beobachtet Professor Walter Baumgartner von der Klinik für Klauentiere der Veterinärmedizinischen Universität Wien die subtropischen Erreger - aber nicht in Afrika, sondern mitten in Europa, in Österreich: "Es ist offensichtlich, dass wir uns mit Erkrankungen auseinander zu setzen haben, die wir bisher bei uns in mitteleuropäischen Raum nicht kannten." Nicht nur Österreich ist von der Anaplasmose betroffen: einzelne Fälle wurden auch schon im deutschen Alpenraum bekannt. Die Erreger der Anaplasmose werden in Afrika hauptsächlich durch Zecken der Gattung "Boophilus" übertragen. Die Bakterien sind allerdings nicht sehr wählerisch. Experimentell ließ sich die Krankheit von 20 Zeckenarten übertragen - darunter auch Ixodes - hier zu Lande besser bekannt unter dem Namen "Holzbock". Das heißt: Erreger, die den Weg von Afrika nach Europa finden, haben in den einheimischen Zeckenarten bereits alles, was sie zur Verbreitung benötigen. Baumgartner: "Durch Tiertransporte schleppen wir uns solche Erreger aus tropischen Zonen ein, und die schreiten schön langsam von Süden nach Norden vor, und erreichen jetzt schon Mitteleuropa."

    Die Meinung des österreichischen Veterinärmediziners, der Klimawandel sei Schuld an der Entwicklung, wird nicht von allen Experten geteilt. Zu den Skeptikern zählt Professor Henner Scholz von der Tierärztlichen Hochschule Hannover: "Ich weiß nicht, ob die Klimaerwärmung sich schon so auswirkt, dass wir maßgebliche Veränderungen in dem Habitat von zum Beispiel Zecke oder auch Babesie haben, dass sich das förderlich auswirkt." Seiner Ansicht nach ist es für konkrete Schuldzuweisungen noch zu früh, doch unabhängig von den Umständen besteht das Problem

    [Quelle: Michael Engel]