Klimaforschung und KlimapolitikWeltklimafrust - wie die Wissenschaft an der Politik verzweifelt

Treibhausgase aus der Nutzung fossiler Energieträger heizen die Erdatmosphäre auf, und der dadurch angestoßene Klimawandel wird gefährliche Folgen haben. Doch so früh Forscherinnen und Forscher auch warnten – ihre Kassandra-Rufe verhallten. Der Frust sitzt tief - eine Chronologie der vergeblichen Klimamüh.

Von Volker Mrasek | 31.10.2021

Die Delegierten der UN-Klimakonferenz während der Eröffnungsveranstaltung im Internationalen Kongreßzentrum (ICC)
Angela Merkel - damals Umweltministerin - spricht bei der Eröffnung der Klimakonferenz 1995 in Berlin (picture-alliance / dpa | Peer Grimm)
"Die Konferenz in Berlin rückt den Klimaschutz in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Unsere Völker erwarten von uns, dass wir die notwendigen Beschlüsse fassen, um die Menschen vor drohendem Schaden zu bewahren." - Angela Merkel - nicht als Bundeskanzlerin, sondern noch als Umweltministerin. 1995 in Berlin; ein historisches Ereignis - der erste von inzwischen 25 Weltklimagipfeln. "Wir tragen Verantwortung nicht nur für die heutige Generation, sondern genauso für zukünftige Generationen. Ich bin der Überzeugung, dass die bisherigen Verpflichtungen nicht ausreichen, dass weitere Schritte folgen müssen."
Ein zeitloser Vortrag, muss man leider sagen! 26 Jahre später könnte ihn Angela Merkel genauso halten. Es gab gewaltige Fortschritte, ja sogar Meilensteine in der Klimaforschung – doch kein konsequentes politisches Handeln.
Die Bundesministerin für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Angela Merkel, steht am 8.3.1995 vor dem Logo der UN-Klimakonferenz
Wie die Zeit vergeht - die damalige Umweltministerin Merkel vor dem Klimakonferenz-Logo 1995 (picture-alliance / dpa | Martin Gerten)

Klima-Fingerabdruck des Menschen identifiziert

Im selben Jahr 1995 im Deutschen Klimarechenzentrum in Hamburg: "Das ist hier dieser Hauptrechner, auf dem die großen Klimamodelle laufen. Und der auch nötig ist, um die komplexen Modelle, die man heute hat, durchrechnen zu können."
Während die Politik um ein globales Abkommen ringt, gelingt dank neuer Superrechner ein erster großer Durchbruch. Der Klimamodellierer Klaus Hasselmann identifiziert den Fingerabdruck des Menschen am Thermostaten der Erde: "Man kann in den natürlichen Schwankungen, die wir sehen, den menschlichen Anteil mit 95 Prozent Wahrscheinlichkeit nachweisen."
Und Klaus Hasselmann, damals Direktor am Max-Planck-Institut für Meteorologie, ordnete die Entdeckung seinerzeit auch direkt ein: "Wenn wir heute 95 Prozent sagen, möchte ich sagen, dass in fünf bis zehn Jahren keiner mehr ernsthaft darüber diskutieren wird, dass wir eine anthropogene Klimaänderung sehen."
Eine bahnbrechende Arbeit! Hasselmann wird dafür in diesem Jahr den Nobelpreis für Physik erhalten. Seine Kollegen feiern ihn aber schon damals, im Jahr des ersten Weltklimagipfels in Berlin.
Der Physiker Professor Klaus Hasselmann erhält den Nobelpreis für Physik 2021
Physik-Nobelpreisträger und Klimapionier - Klaus Hasselmann: "Ich bin optimistisch, dass man das packen wird"
Schon Ende der 60er-Jahre habe man gezeigt, dass der Mensch das Klima verändere, sagte der Nobelpreisträger für Physik Klaus Hasselmann im Dlf. Er freue sich, dass sich nun ein stärkeres Bewusstsein in der Öffentlichkeit entwickele. Das Problem könne gelöst werden. "Ich hoffe, dass man das auch rechtzeitig macht."

Konsequenzen von Beginn an eindeutig

Ulrich Cubasch, heute Professor für Meteorologie an der FU Berlin: "Er hat schon mit diesen Sulfat-Aerosolen gearbeitet, die für den Sauren Regen verantwortlich sind. Gleichzeitig dämpfen die etwas den Treibhauseffekt. Und wenn man jetzt die Aerosole berücksichtigt, sieht man deutlich über Industriegebieten eine Abkühlung, über Nichtindustriegebieten eine Erwärmung. Diese unterschiedliche Erwärmung ist ein deutlicher Fingerabdruck."
Christian Schönwiese, einer der erfahrensten deutschen Klimaforscher, 1995 Professor in Frankfurt am Main: "Entscheidend ist, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit dieses Signal da ist. Und da gebe ich Herrn Hasselmann recht: Man sieht also eine gewisse menschgemachte Erwärmung, auch in den Daten. Und das reicht eigentlich aus, um jetzt Maßnahmen zu ergreifen."
Der berühmte Schweizer Physiker Hans Oeschger, zu jener Zeit einer der Pioniere der Klimaforschung: "Ich sehe nichts, was uns jetzt zwingen könnte zu glauben, dass nicht eine globale Erwärmung passiert." Und der schwedische Meteorologe Bert Bolin 1997, kurz vor dem 3. Weltklimagipfel im japanischen Kyoto: "Ich kann nur empfehlen, dass wir möglichst schnell zu Potte kommen! Wenn wir die Treibhausgas-Emissionen auf einem noch relativ niedrigen Niveau stoppen wollen, dann müssen wirklich alle innerhalb des nächsten Jahrzehnts etwas tun."
Eine Weltkugel steht im Foyer der Weltklimakonferenz (COP3) 1997 in Kyoto, Japan.
Klimakonferenz 1997 in Kyoto - die erzielten Ergebnisse hatten eher symbolischen Wert (imago / AFLO)

Das Kyoto-Protokoll - physikalischer Effekt fast null

Bolin war der erste Vorsitzende des IPCC, des Weltklimarates. Er besteht seit 1988. Und er hatte zu dieser Zeit schon zwei mahnende Sachstandsberichte veröffentlicht: 1990 und 1995. Ein echter Erfolg wurde Kyoto trotzdem nicht. Hermann Ott, damals am Wuppertal-Institut für Klima, Umwelt und Energie und Berater von Angela Merkel auf der Konferenz: "Ich war 1997 in Kyoto dabei. Und ich kann mich noch an die letzte durchwachte Nacht erinnern. Und dann gab es eben diese Einigung."
Die Industrieländer müssen nun ihre Treibhausgas-Emissionen reduzieren, und zwar um 5,2 Prozent bis spätestens 2012. Hans-Joachim Schellnhuber, lange Jahre Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, ordnete den Beschluss 2005 so ein: "Physikalisch ist der Effekt fast null. Das wird also den Erwärmungstrend fast überhaupt nicht abschwächen, um ein Zehntel oder Zwanzigstel Grad vielleicht. Das heißt, nur wenn man das als ersten Schritt auf einem langen Weg begreift, macht das überhaupt Sinn."
Und die spätere ernüchternde Bilanz von Pep Canadell, auch heute noch Direktor des Globalen Kohlenstoffprojektes: "Es ist schon bemerkenswert. In den Jahren, in denen so intensiv über Klimaschutz verhandelt wurde, nahmen die globalen CO2-Emissionen stärker zu als je zuvor. Im Zeitraum von 1990 bis 2008, den das Kyoto-Protokoll abdeckt, stiegen sie um 41 Prozent!"
Klimaforscher Hartmut Graßl
Interview mit Klimaforscher Hartmut Graßl
"Ich heiße Hartmut Graßl, war früher einer der Direktoren des Max-Planck-Instituts für Meteorologie, bin inzwischen längst im Ruhestand, komme aber noch regelmäßig an das Institut."

Hätten Sie sich damals, zu Beginn Ihrer wissenschaftlichen Karriere, vorgestellt, dass die globalen Emissionen von Treibhausgasen 30, 40 Jahre später immer noch steigen?

"Das hätte ich mir nicht vorstellen können. Ich wusste allerdings, weil ich relativ früh mit politischen Gremien in Berührung kam, dass es länger dauert, als der normale Bürger sich das so vorstellt. Ich war also schon gewappnet, dass es einige Zeit dauern würde. Aber dass es vier Jahrzehnte dauern wird, das habe ich nicht geglaubt. 1995, da hat mein Kollege Klaus Hasselmann diese entscheidende Arbeit geschrieben, mit einer neuen Methode, die rein mathematisch von ihm erdacht worden ist. Und hat sie angewendet auf die bis dahin vorhandenen Beobachtungen. Und konnte dann sagen, dass wir die eigentlichen Verursacher der beobachteten globalen Erwärmung sind. Also wäre damals die Zeit gewesen, das Ruder wirklich herumzulegen."

Wie tief sitzt bei Ihnen der Frust darüber, dass das nicht geschehen ist?

"Ich bin relativ wenig frustriert, weil ich weiß, wie der Homo sapiens tickt. Der braucht ein eindeutiges Zeichen, dass es jetzt weh tut. In der reinen Vorsorge macht er fast nichts. Bei uns im Land haben nicht nur Bewegungen wie Fridays for Future eine wesentliche Änderung gebracht, sondern auch die über 200 Toten in Belgien und im Westen unseres Landes durch eine Flut, die in der Intensität vor 40 oder 50 Jahren nicht aufgetreten wäre. Also haben wir uns durch das zögerliche Verhalten bei Klimaschutzpolitik eine extreme Last aufgebürdet."

Angela Merkel galt einmal als "Klimakanzlerin". Inzwischen wird auch Deutschland kritisiert, nicht mehr genug für den Klimaschutz zu tun. Die Erneuerbaren Energien werden nicht mit dem nötigen Tempo ausgebaut. Der Kohleausstieg soll erst in 17 Jahren perfekt sein…

"Das ist frustrierend. Warum aus der Klimakanzlerin eine etwas zögerliche Kanzlerin geworden ist – der Grund lag ganz einfach an der starken fossilen Lobby. Aber wir werden früher aussteigen aus der Kohle, weil endlich der europäische Emissionshandel greift. Und dann sind natürlich die Braunkohlekraftwerke keine rentablen Blöcke mehr. Da die Industrie gut pokern kann, werden sie in die stille Reserve genommen, und man kriegt auch noch Geld dafür, wenn man sie abschaltet."

Hätten Klimaforscher nicht viel mehr viel früher anstoßen können oder müssen? Waren Sie nicht energisch genug?

"Die Klimaforscher sind wie andere Forscher auch im allgemeinen Menschen, die in Ruhe gelassen werden wollen und vor sich hin forschen dürfen. In Wirklichkeit sind wir Wissenschaftler in dem Zusammenhang viel zu wenig politisch gewesen. Aber diese Angst, in der Öffentlichkeit vorgeführt zu werden – die haben sehr viele Wissenschaftler, und deswegen gehen außergewöhnlich wenige wirklich an die Öffentlichkeit."

Manipulationsvorwürfe und Hacking-Attacken

Zehn Jahre später, Ende der Nuller-Jahre - Klimawissenschaftler stehen auf einmal mit dem Rücken zur Wand. Eine Diskussionsrunde im Radio: "Viele fragen sich: Was ist mit der globalen Erwärmung?" - "Die Computermodelle sind das Leitbild derer, die hier die Klimakatastrophe verbreiten." - "In der obersten Spitze eine Fälscher- und Betrügerbande." - "Ich halte es für nicht akzeptabel, wenn man Andersdenkende als Betrügerbande bezeichnet..." – Wildes Durcheinander, alle fallen sich ins Wort.
Hans von Storch, ehemaliger Professor für Meteorologie an der Universität Hamburg: "Was tatsächlich passiert ist: Dass das Zutrauen, das Vertrauen der Öffentlichkeit in die Klimaforschung, massiv eingebrochen ist. Es wird auch vermutet, dass es irgendwo Mogeleien gebe. Dinge, die es vorher nie gab."
Peter Liss, in jenen Tagen kommissarischer Leiter der Klimaforschungsabteilung an der betroffenen Universität von East Anglia in Großbritannien: "Hacker sind in einen der Backup-Rechner unserer Klimaforschungseinheit eingedrungen. Sie haben jede Menge Daten gestohlen, darunter auch private Emails. Sie scheinen den Eindruck zu erwecken, Klimadaten könnten nicht korrekt verwendet worden sein. Jedenfalls wurden sie so interpretiert."
Forscher rehabilitiert
Climategate, ein Skandal, der das Renommee der Klimaforschung in der Öffentlichkeit schwer beeinträchtigte, begann mit dem Diebstahl von Emails aus dem Zentrum für Klimaforschung an der Universität von East Anglia. Zahlreiche Untersuchungen konnten freilich kein größeres Vergehen beweisen als dass die Beteiligten anderen den Zugang zu ihren Klimadaten nur sehr restriktiv gestatteten.

Climategate - ein vermeintlicher Skandal mit Folgen

Climategate taufen englische Zeitungen den vermeintlichen Skandal. Es gibt sogar ein Lied darüber. Klimaskeptiker schlachten die Sache genüsslich aus. Corinne Le Queré, Professorin für Klimawissenschaft an der Universität von East Anglia: "Alles begann vor Weihnachten, vor dem Weltklimagipfel in Kopenhagen. Inzwischen ist daraus der Versuch geworden, die ganze Klimaforschung zu diskreditieren."
Peter Lemke, auch heute noch Leiter des Fachbereichs Klimawissenschaften am Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven: "Ich denke, das war eine konzertierte Aktion für den Klimagipfel. Man hat gewartet bis vor Kopenhagen. Und jetzt mahlen natürlich die Mühlen der Untersuchungen in England zum Beispiel. Das dauert natürlich ein Weilchen. Und jetzt ist die Welle der Skeptiker wieder hochgekommen."
Eröffnung der UN-Klimakonferenz in Kopenhagen: IPCC-Chef Rajendra Kumar Pachauri, UN-Klimachef Yvo de Boer, der dänische Ministerpräsident Lars Lokke Rasmussen und Kopenhagens Bürgermeisterin Ritt Bjerregrad.
"Kopenhagen darf nicht scheitern" - die Parole vor dem Klimagipfel 2009 war vergeblich (AP)

Klimakonferenz Kopenhagen: Ein Fiasko

2009 im Deutschen Bundestag: "Ich rufe auf unseren Tagungsordnungspunkt 6, Abgabe einer Regierungserklärung durch die Bundeskanzlerin zur Klimakonferenz in Kopenhagen." - "Und deshalb brauchen wir eine für alle Staaten geltende Verpflichtung zur Einhaltung des Zwei-Grad-Ziels. Gelingt das nicht, muss ich sagen, ist die Klimakonferenz in Kopenhagen gescheitert."
Ivo de Boer, Chef-Klimadiplomat der Vereinten Nationen während des 9. Weltklimagipfels: "Es war wirklich eine Achterbahnfahrt! Am Ende haben wir keine Vereinbarung, die rechtlich bindend ist, keine neuen Reduktionsziele für Industrieländer und nichts, was die großen Schwellenländer künftig zu tun haben." Auch Hermann Ott und der US-Soziologe Riley Dunlap erleben Kopenhagen am Ende als Fiasko: "2009 ist das Ganze explodiert beziehungsweise mit einem Wimmern implodiert, kann man ja eigentlich sagen. Wir warten seit 20 Jahren darauf, dass die USA sich bewegen, unter unterschiedlichen Präsidenten. Und es hat nicht genützt."
Die Klimaforscher sind konsterniert, die Skeptiker aber obenauf. Vor allem in den USA fruchten ihre Desinformationskampagnen - finanziert von gut ausgestatteten konservativen Think Tanks. Dunlap: "Die Ansichten der Skeptiker sind stark überhöht worden, weil die Think Tanks sie ständig verbreiten. Sie haben es geschafft, den Eindruck zu erwecken, dass die Hälfte aller Klimaforscher eine abweichende Meinung hat. Obwohl es in Wahrheit vielleicht nur zwei Prozent sind.
Dieter Plehwe, Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, WZB
Interview mit Politikwissenschaftler Dieter Plehwe
"Mein Name ist Dieter Plehwe. Ich bin Politikwissenschaftler am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Ich bin auch Privatdozent an der Universität Kassel."

Seit wann beschäftigen Sie sich mit den sogenannten Klimaskeptikern und Leugnern des Klimawandels?

"Na ja, sagen wir mal seit 10 bis 20 Jahren eigentlich."

Warum tun Sie sich das an? Sie forschen über Unbelehrbare, die sich außerhalb der etablierten Wissenschaft bewegen.

"Na, das ist vielleicht der Fehlschluss. Der Fokus auf die Klimawandelleugner ist eigentlich nur ein Teil und möglicherweise inzwischen der nicht mehr ganz so wichtige Teil der Opposition gegen Klimapolitik."

Welcher ist wichtiger?

"Wir haben zunehmend Kräfte in der Klimapolitik, die den Klimawandel anerkennen, sich aber sehr massiv gegen ambitionierte Klimapolitik stellen, die keineswegs sagt: Wir können das mal dem Markt überlassen. Dagegen gibt es eben sehr starke Positionen in den Wirtschaftswissenschaften, in der Ökonomie, in den USA, in Deutschland, die aus so einem neoliberalen Verständnis den Staat sehr stark begrenzen in Bezug auf seine lenkenden Aufgaben. Und diese Personenkreise müssen nicht den Klimawandel abstreiten. Aber sie können die politischen Steuerungsansätze vehement bekämpfen."

In den USA war die Anti-Klimaschutzlobby sehr, sehr erfolgreich und hat sicher dazu beitragen, dass die wichtigste westliche Industriemacht bis zuletzt ein Bremser war und so auch Fortschritte in den internationalen Verhandlungen torpediert hat. Kocht da nicht manchmal Wut in Ihnen hoch?

"Ja! Ich meine: Insbesondere, weil ja doch die USA auch für Deutschland, Europa einfach als westliche Führungsmacht, auch mit dem ökonomischen Gewicht, so eine große Rolle spielen, ist das schon sehr frustrierend. Allerdings gleichzeitig, wo die Probleme groß sind, da haben wir oft auch gute Forschung. Wir wissen da über die USA zum Teil viel mehr als über andere Länder. Und zum Beispiel diese ganzen von Exxon finanzierten Think Tanks wurden eben in den USA sehr früh aufgedeckt. Dort konnte man auch die Geldflüsse ganz gut recherchieren, während das in Europa zum Teil sehr schwer ist."

Wie ist das für Sie, wenn Sie sehen, dass die Think Tanks in den USA immer noch aktiv sind und es schaffen, die Leute weiterhin hinters Licht zu führen?

"Na ja, es gibt eben Kräfte in der Politik, die sind eben überhaupt nicht konstruktiv, sondern die sind schlicht destruktiv. Weil eben aus einer Sicht etwa der Ölindustrie, der Automobilindustrie, whatever die Klimapolitik als problematisch eingeschätzt wird. Und wenn die Kraft groß genug ist, dann wird eben auch die veritable Wissenschaft ausgehebelt. Und das ist in den USA tatsächlich gelungen, weil eben ein großer Teil der Bevölkerung eben nicht von der Wissenschaft überzeugt war, sondern von diesen pseudowissenschaftlichen Think-Tank-Pamphleten."

Deprimierend?

"Ja, schon! Aber andererseits: Man muss einfach einen realistischen Politikbegriff haben und nicht ein naives Politikverständnis, was glaubt: Wenn die Wissenschaft richtige Erkenntnisse hat, dann wird die Politik das gemäß der wissenschaftlichen Einsichten richten. So läuft Politik nicht!
Also, die Opposition gegen Klimapolitik, die kämpft gegen Greta und kann sich wunderbar ereifern, Greta Thunberg. Und ich freu‘ mich vielleicht darüber, dass eben sehr viele Menschen jetzt da demonstrieren und sich nicht kleinkriegen lassen. Wiederum in demselben Zeitraum wird in Deutschland das Erneuerbare-Energien-Gesetz zurückgekämpft von arbeitgebernahen Think Tanks und Kampagnenorganisationen, weil die einfach in der Gesellschaft sehr mächtig sind. Und die Art und Weise, wie diese Debatten laufen, die können einen schon ein bisschen erzürnen. Wer gewissermaßen am lautesten schreit, hat recht."

Sie haben den Energiekonzern Exxon angesprochen. Seit wann wusste denn Exxon eigentlich von dem Klimaproblem?

"Wir haben inzwischen ja Quellen, dass das lange bekannt war. Also schon sehr früh, 50er, 60er Jahre. Man hätte sicherlich mit dem Wissen, was schon sehr früh über die Zusammenhänge der fossilen Energieträger und der Klimaentwicklung … man hätte sehr früh anfangen können, natürlich ganz anders entgegenzusteuern. Die Fehlentwicklungen im Sinne der Klimaproblematik, die sind ja unverkennbar."

Klimagipfel Paris: Zwei-Grad-Ziel wird Völkerrecht

Im Deutschen Bundestag, 2015: "Frau Präsidentin, liebe Kolleginnen und Kollegen." - "Jetzt eine Bilanz, aktuelle Stunde zu den Ergebnissen der UN-Klimakonferenz in Paris." - "Dieser 12. Dezember des Jahres 2015 wird uns in Erinnerung bleiben." - "Nach den Klimakonferenzen, nach Nairobi, nach Bali, nach Kopenhagen, nach Cancun haben sich knapp 200 Staaten der Welt geeinigt." - "Wir lösen das Versprechen, das in Rio 1992 gegeben wurde, mit diesem Vertrag ein Stück weit ein." - "Dies ist so, über mehr als 20 Jahre, bisher nicht gelungen." - "Klar ist: Nach Paris kann’s nicht genauso weitergehen wie vor Paris!"
Bild aus dem Jahr 2015: Der damalige französche Präsident Francois Hollande, der damalige französche Außenminister Laurent Fabius, die damalige Klimachefin der UN, Christiana Figueres und der damalige Generalsekretär der Vereinten Nationen Ban Ki-Moon feiern das Pariser Klimaabkommen.
Jubel bei den Verhandlern für das Pariser Klimaabkommen 2015 - die Experten allerdings bleiben skeptisch (picture alliance/AP Photo/Francois Mori)
Das nächste Jahrzehnt - wieder historisch! 2015 wird in Paris das Zwei-Grad-Ziel Völkerrecht. Die Staatengemeinschaft strebt sogar an, möglichst "weit unterhalb" dieser Schwelle für die globale Erwärmung zu bleiben. Doch ein großer Wurf ist das Abkommen von Paris nicht. Jedem Land bleibt selbst überlassen, was es tun will oder nicht. Deshalb die Prognose von Niklas Höhne vom New Climate Institute: "Dass wir bei ungefähr 2,7 Grad Ende des Jahrhunderts landen, also noch weit weg von zwei Grad."
Andere Klimaforscher sehen die Sache ganz ähnlich - John Christensen, Bill Hare und Thomas Stocker: "Die Staaten müssten ihre in Paris zugesagten Anstrengungen verdreifachen, um unter zwei Grad zu bleiben. Und sie sogar verfünffachen, wenn es maximal 1,5 Grad sein sollen." - "Es gibt einen Trend über die letzten 20 Jahre. Bei jedem Klimabericht, den wir vorlegen, stellen wir von neuem fest, dass wir die Risiken auch bei geringeren Erwärmungsraten unterschätzt haben." - "An der Wissenschaft und an der Information kann es sicher nicht liegen, wenn es nicht so herauskommt, wie sich das viele wünschen."

Klimawandel als Ursache für Wetterextreme

Zumal den Klimadetektiven in der Zwischenzeit weitere große Fahndungserfolge gelingen. Zwei Jahrzehnte zuvor hat Klaus Hasselmann in Hamburg den Menschen als Klimasünder überführen können. Jetzt ist man so weit, seine Tatbeteiligung auch bei einzelnen Wetterextremen nachzuweisen, bei Starkniederschlägen und Hitzewellen zum Beispiel.
Wieviel Klimawandel steckt bereits in solchen Ereignissen? Hätte es sie vielleicht gar nicht gegeben ohne die ganzen zusätzlichen Treibhausgase in der Erdatmosphäre? Ein Fall für das Projekt World Weather Attribution: "Man berechnet im Computer, wie wahrscheinlich ein Ereignis im heutigen Klima statistisch gesehen ist. Dann lässt man das Modell noch einmal laufen, aber in einer Simulation ohne zusätzliche Treibhausgase. So können wir sagen: Das Wetterextrem ist durch den Klimawandel – sagen wir - vier Mal oder zehn Mal wahrscheinlicher geworden." - Geert Jan van Oldenborgh, einer der Mitbegründer von World Weather Attribution. Es ist sein Vermächtnis. Der niederländische Physiker starb am 11. Oktober 2021 an Krebs.
Waldbrände in den Bergen nördlich von Lytton in Kanada, aufgenommen am 1. Juli 2021
Extremwetter - Was steckt hinter der Rekordhitze im Nordwesten Amerikas?
Eine so extreme Hitze wie jüngst in Nordamerika wäre ohne den Klimawandel praktisch undenkbar. Das hat die Ad-Hoc-Analyse eines Forschungsteams ergeben. Die globale Erwärmung erhöht das Risiko für solche Hitzeextreme immer mehr und verkürzt ihre statistischen Wiederkehrzeiten.

Hitzewellen, Waldbrände und Überschwemmungen

Nach fast drei Jahrzehnten ziemlich fruchtloser Diplomatie bekommt die Welt den Klimawandel immer stärker zu spüren. Die Indizien liefert die Attributionsforschung mit ihren Fall-Beispielen. Die Hitzewelle und verheerenden Waldbrände in Australien Anfang 2020: "Der Klimawandel hat die Wahrscheinlichkeit für solche Ereignisse seit dem Jahr 1900 um mindestens 30 Prozent erhöht." Die unfassbaren Rekordtemperaturen im Nordwesten Nordamerikas in diesem Frühsommer: "Eine solche Hitzewelle wäre früher, ohne den Klimawandel, praktisch unmöglich gewesen."
Und die Politik? Verheddert sich trotz aller Indizien und Dringlichkeitsappelle aus der Wissenschaft weiter in zermürbenden Verhandlungen: Niklas Höhne, Leiter des New Climate Institute in Köln: "Es geht leider nur im Schneckentempo voran. Es liegt am politischen Willen. Was eigentlich überhaupt nicht geht nach dem Pariser Klimaschutzabkommen, ist nichts Neues vorzuschlagen. Auf der Liste der Länder, die nichts Neues vorschlagen, sind Australien, Brasilien, Russland und Mexiko. Es ist manchmal nicht wirklich auszuhalten, wenn man denkt: Oh, es geht hier wirklich um ein wichtiges Thema, wir müssen schnell vorankommen und Entscheidungen treffen - und hier wird sich um Kommas gestritten!"
Friederike Otto, Leiterin des Environmental Change Institute, University of Oxford
Interview mit der Klimatologin Friederike Otto
"Ich bin Friederike Otto, Senior Lecturer am Grantham Institute, Imperial College in London, Grantham-Institut für Klima- und Umweltforschung."

In diesem Jahr werden Industrie- und Schwellenländer wohl wieder mehr Treibhausgase ausstoßen als 2019. Warum haben Sie sich für ein Forschungsfeld entschieden, in dem man ständig erleben muss, zu wenig Gehör zu finden?


"Das ist eine schwierige Frage. Also, ich habe mich nicht für das Forschungsfeld entschieden, weil ich das Gefühl habe, dass es ein frustrierender Job werden würde oder dass man zu wenig Gehör findet, sondern ich habe mich für einen Job entschieden, der meiner Meinung nach sehr wichtig ist. Und ich denke: Im Laufe der zehn Jahre, die ich jetzt daran gearbeitet habe, hat sich das mit dem Gehör deutlich verbessert. Jetzt müssen aber auf das Zuhören auch noch eben, ja, die nötigen Aktionen folgen."

Sie sind sehr aktiv auf dem Gebiet der Welt-Wetter-Attribution, also der Bestimmung des Anteils, den der Klimawandel an heutigen Wetterextremen hat. Können diese Studien noch etwas bewirken, oder kommen sie nicht viel zu spät?!

"Also, ich meine, wenn die Idee der Studien wäre, den Klimawandel komplett zu verhindern, dann kommen sie natürlich 200 Jahre zu spät. Bevor es dieses Projekt gab, gab es ja auch schon Extremwetter-Ereignisse, und den Klimawandel gab es auch schon. Nur: Aus der Wissenschaft hat keiner Antworten gegeben oder sehr unbefriedigende Antworten wie zum Beispiel, dass man eben Einzelereignisse nicht zuordnen kann. Jetzt können wir das. Dass wir halt innerhalb von Tagen oder Wochen, nachdem das Ereignis aufgetreten ist, wissenschaftliche Evidenz dafür liefern, ob und wenn ja, wie sehr der Klimawandel eine Rolle gespielt hat. Damit eben in dieser öffentlichen Diskussion, die sowieso stattfindet, eben auch die wissenschaftliche Evidenz mit reinspielt."

Sie gehören der jüngeren Generation an, darf man das so sagen?

"Das weiß ich nicht, ob unter 40 jung ist. Kommt drauf an, wo man die Grenzen setzt."

Viele Jüngere sind jedenfalls sauer, dass die älteren Generationen so wenig in Sachen Klimaschutz gemacht haben. Wie steht es mit Ihnen?

"Ich bin auch schon mit meiner Generation unzufrieden. Denn in meiner Generation – ich bin ja nun fast 40 – gibt es ja viele, die schon und auch schon länger in Entscheidungspositionen sitzen, wo man deutlich mehr hätte tun können. Also ich teile absolut die Frustration, dass eben immer noch nicht genug passiert. Und versuche halt, meine eigene Position zu nutzen, um den Wandel, den wir ja brauchen, um die Transformation unserer Gesellschaft zu beschleunigen. Aber das tun nicht alle meiner Generation und definitiv nicht die der älteren Generation in ausreichendem Maße."

Was machen Sie, wenn Sie mal wieder deprimiert sind?

"Bücher lesen. Mit dem Hund rausgehen. Alles Mögliche. Ich habe auch ein ganz normales Leben, ich arbeite nicht nur. Aber im wesentlichen bin ich ein absoluter Optimist. Und ich denke, auch wenn es immer noch viel zu langsam ist: Es ist unglaublich viel passiert in den letzten zwei, drei Jahren. Also vor allem, seit es die Fridays-for-future-Bewegung gibt, ist zumindest Klimawandel auf jeder Tagesordnung. Sie haben das Klimathema einfach von einem Thema, das man einmal im Jahr zur Klimakonferenz vielleicht einmal im Nebensatz in der Zeitung erwähnen kann, zu einem Thema gemacht, das das ganze Jahr angesprochen wird. Und das ist eine wahnsinnige Leistung. Das haben wir gebraucht."
Greta Thunberg hält eine wütende Rede beim UN Klimagipfel in New York City.
"How dare you?" Greta Thunberg mit anklagenden Worten auf dem UN-Klimagipfel 2019 in New York. (picture alliance / AP Photo / Jason Decrow)
"Wir sind hier, wird sind laut, weil ihr unsre Zukunft klaut!" – Fridays for Future. "Wir tragen Verantwortung nicht nur für die heutige Generation, sondern genauso für zukünftige Generationen." – Angela Merkel. Seit dem ersten Weltklimagipfel 1995 in Berlin sind gut zweieinhalb Jahrzehnte verstrichen. Der erste Weltklimabericht ist noch älter, er mahnte 1990 zum Handeln.

Ein frustriertes Fazit

"Für mich hat sich da in 30 Jahren nichts geändert an den Grundaussagen. Es ist immer etwas sicherer geworden. Wir verändern das globale Klima durch die Emission von Treibhausgasen." - "Wir haben jahrzehntelang verhandelt und praktisch nichts getan zur Lösung des Problems. Jetzt schließt sich das Zeitfenster rapide." – "Uns wird immer klarer, dass sich der Klimawandel stärker und schneller auswirkt, als wir noch vor zehn Jahren angenommen haben." - "Wir werden 1,5 Grad globale Mitteltemperatur in den nächsten 20 Jahren erreichen. Daran besteht kein Zweifel." - "Es herrscht eine große Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit." - "Wir sind in einer Notstandssituation. Länder müssten eigentlich jetzt in den Notfallmodus umschalten und alles tun, um die Emissionen zu reduzieren. Aber bisher ist das noch nicht geschehen." - "Und das ist, was mich frustriert. Wir haben jetzt lange gewarnt. Und es ist nichts passiert. Und deswegen ist jetzt die Herausforderung, ja, viermal so groß, als sie noch damals war."
Angela Merkel, 1995: "Die Konferenz in Berlin rückt den Klimaschutz in den Blickpunkt der Weltöffentlichkeit. Unsere Völker erwarten von uns …"