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StartseiteHintergrundKlimakiller oder Rohstoff mit Zukunft?10.12.2007

Klimakiller oder Rohstoff mit Zukunft?

Der Einsatz von Kohle zur Energiegewinnung

"Schwere Schlappe für Energieriesen - Gemeinde stoppt RWE" schrieb die Tageszeitung aus Berlin vor zwei Wochen. Zuvor hatten die Bürger im Saarländischen Ensdorf abgestimmt - und sich mit einer satten Zwei-Drittel-Mehrheit gegen den Bau eines Großkraftwerkes an ihrem Standort ausgesprochen. Als grundsätzliche Entscheidung gegen jegliche Kohleverstromung in Ensdorf dürfe dieses Votum jedoch nicht gewertet werden, sagt die Sprecherin der Bürgerinitiative für Klima und Umweltschutz, Jutta Krüger-Jacob:

Von Tonja Koch und Dietmar Reiche

Das Kohlekraftwerk in Boxberg, betrieben von Vattenfall (AP)
Das Kohlekraftwerk in Boxberg, betrieben von Vattenfall (AP)
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Von Spielern, Einsätzen und Risiken

"Wir hatten von Anfang an betont, dass sich unser Protest nur gegen die geplante Dimension des Kraftwerks richtet. Die Ensdorfer leben seit Jahren mit einem Kraftwerk, und ein altes durch ein neues zu ersetzen und dadurch auch die Schadstoffbelastung der Luft zurückzufahren, da wären die Ensdorfer begeistert gewesen. Es ging wirklich nur um die Größe und die Zusatzbelastung, die damit verbunden gewesen wäre."

In Ensdorf sollten zwei Steinkohleblöcke mit insgesamt 1.600 Megawatt elektrischer Leistung entstehen. Das heißt, die Stromerzeugung sollte sich mehr als vervierfachen. Denn davon, die beiden alten Blöcke abzuschalten, die es zusammen auf etwa 430 Megawatt Leistung bringen, war zunächst keine Rede. Als RWE-Power die Pläne vor exakt einem Jahr erstmals öffentlich vorstellte, ging es um eine reine Stromfabrik. Von Kraft-Wärme-Kopplung zur Entlastung der Umwelt keine Spur. Jan Zilius zum damaligen Zeitpunkt noch Vorstandsvorsitzender von RWE-Power.

"Wir planen das ohne Fernwärme."

Auf die Frage warum, wusste Zilius nicht recht zu antworten.

"Das ist das Konzept, das wir an diesem Standort verfolgen. Ich weiß nicht, ja, warum, tja, warum?"

Dabei ist die Antwort einfach. Rein ökonomisch betrachtet, rechnet sich der Standort Ensdorf für die RWE.
Erstens: Am Standort steht bereits ein Kraftwerk. Die Erweiterung eines bestehenden Kraftwerksstandortes gilt - auch unter Akzeptanzgesichtspunkten - in aller Regel als unproblematisch.

Zweitens: Ensdorf liegt am Fluss. So genannte nasse Standorte bewähren sich, nicht nur wegen der Kühlung, sondern auch wegen der Transportkosten. Die Steinkohle, die über Seehäfen in Ensdorf anlandet, sollte direkt vom Schiff über Bänder ins Kraftwerk laufen.

Und schließlich drittens: Die Netze. Die Stromnetze im Saarland verfügen über ausreichend freie Kapazität, den hier erzeugten Strom ins europäische Verbundnetz einzuspeisen.

Nur aus ökologischer Sicht, argumentieren die Umweltverbände, mache das Großprojekt wenig Sinn. Selbst vor dem Hintergrund, dass mit einem prognostizierten Wirkungsgrad von 46 Prozent das augenblicklich technisch Machbare erreicht werde. Professor Uwe Leprich vom Institut für Zukunfts-Energie-Systeme in Saarbrücken:

"Also der Doppelblock, 1.600 MW, ist im Jahr 2007 ein Anachronismus, das kann man sich heute nicht mehr leisten, wenn man weiß, dass mehr als die Hälfte der Primärenergie weggeworfen wird, die man nicht nutzen kann. Und da ist auch ein Wirkungsgrad von 46 Prozent - der zugegebenermaßen besser ist, als alles was wir bisher hatten - immer noch bei weitem nicht ausreichend."

Geringfügig höhere Wirkungsgrade als die 46 Prozent lassen sich erzielen, wenn Kraftwerke am Meer stehen oder eben, wenn die Wärme genutzt wird, die bei der Stromproduktion anfällt. Dafür braucht man jedoch Abnehmer. Die Kommunen haben in den letzten Jahren jedoch kaum in den Ausbau von Fernwärmenetzen investiert. Das gilt auch für das Saarland. RWE fehlt es daher an Wärmekunden nicht nur im saarländischen Ensdorf. Johannes Lambertz, stellvertretender Vorstandsvorsitzender von RWE Power.

"Kraft-Wärme-Kopplung ist ein wichtiges Thema, das wir im Konzern auch unterstützen. Aber wenn sie die Gesamtbilanz ansehen, gibt es nicht genug Dampfabnehmer, um alle Kraftwerksleistung in KWK zu bauen. Es wird eine Reihe von Kraftwerken in Deutschland geben müssen, die ohne KWK auskommen müssen, weil die Abnehmer fehlen."

Ensdorf war eines dieser Kraftwerke, es sollte ohne auskommen. Eben weil die Masse der Abnehmer fehlte. Wegen anhaltender Proteste gegen das Kraftwerksprojekt entschloss sich die RWE dann doch zweimal 70 MW Fernwärme auszukoppeln. Das Angebot erreichte die Ensdorfer wenige Tage vor der Abstimmung. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich die Debatte um die gesundheitlichen Risiken der zwei Milliarden-Euro-Investition längst verselbständigt. Ins Zentrum der Diskussion war die Feinstaub-Belastung durch das Kraftwerksprojekt gerückt. Hunderte Ärzte machten Front gegen die RWE-Pläne. Das Saartal - so ihre Argumentation - sei durch die hohe industrielle Dichte bereits massiv vorbelastet, es vertrage keine zusätzlichen Feinstäube, die entstünden, wenn im neuen Kraftwerk tausende Tonnen von Kohle verbrannt würden.

RWE verstand es nicht, die Bedenken der Bevölkerung mit Argumenten zu entkräften. Eine kleinere Lösung, wie von den Umweltverbänden und der Bevölkerung angestrebt, kam für den Konzern nicht in Frage. Johannes Lambertz.

"Die Verkleinerung des Kraftwerkes führt zu höheren Kosten und führt im Prinzip am Ende auch dazu, dass ein solches Kraftwerk überhaupt nicht gebaut wird."

Nicht nur in Ensdorf, an vielen Kraftwerksstandorten verunsichern die Ausmaße der neuen Generation von Kohlekraftwerken die ansässige Bevölkerung. Zwar hat sich die Technik weiter entwickelt und der Schadstoffausstoß wird weniger, aber die schiere Größe der Stromfabriken überschattet diese Erfolge. Der Einsatzstoff Kohle ist umstrittener denn je.

Die Energiekonzerne stehen unter Druck. In den nächsten Jahren müssen große Teile des Kraftwerkparks modernisiert werden. Die Ersatzinvestitionen werden auf mindestens 13 Gigawatt geschätzt. Das wären rund 16 neue Kraftwerksblöcke. Doch die Energie-Unternehmen fürchten einen Stimmungswechsel in der Bevölkerung und schlechtere Rahmenbedingungen durch den strengeren Emissionshandel.

Jürgen Großmann, der neue Chef des Energieriesen RWE, warnt eindringlich vor einem doppelten Ausstieg: Kernkraft und Kohle! Dies sei für den Industriestandort Deutschland unmöglich zu verkraften. Auch E.ON-Chef Wulf Bernotat wird unruhig. Die Kohle werde ins klimapolitische Abseits geredet, kritisierte Bernotat und droht indirekt mit dem Abzug milliardenschwerer Investitionen. EON dränge niemandem seine Kraftwerke auf, betonte Bernotat. Erst Ende November hatte der Konzern den Bau eines neuen Kohlekraftwerkes angekündigt: für 1,5 Milliarden Euro im belgischen Antwerpen - Luftlinie bis zur deutschen Grenze: kaum mehr als 150 Kilometer.

Derartige Meldungen dürften in Berlin für Unmut sorgen. Obwohl die Bundesregierung sich beim nationalen Mix der Energieträger nicht festlegen will, hält sie an der Kohle fest.

Die Bundesregierung ist der Auffassung, dass der Ersatz ineffizienter Kohle- und Braunkohlekraftwerke durch neue und effiziente Kraftwerke einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz und zur Modernisierung der Stromversorgung leistet,

heißt es im Eckpunktepapier für ein integriertes Energie- und Klimaprogramm. Ein klarer Modernisierungsauftrag an die Stromkonzerne.

Bei dieser Gesamtaufgabe könnte die Kohleverstromung sogar eine Renaissance erleben. Fast ein Drittel der Stromproduktion geht noch auf das Konto der Atommeiler. Bleibt es beim beschlossenen Atomausstieg, muss diese Versorgungslücke von anderen Energieträgern geschlossen werden. Zwar soll der Anteil der Stromproduktion aus regenerativen Energien bis 2020 auf 30 Prozent ausgebaut werden. Doch das reicht nicht aus. sagt Professor Christoph Weber vom Lehrstuhl für Energiewirtschaft an der Universität Essen.

"In Anbetracht des Kernenergie-Ausstiegs müsste die Kohleverstromung in Zukunft sogar zunehmen. Bislang wird ein erheblicher Teil des Grundlaststroms in Deutschland durch die Kernenergie bereitgestellt. Wenn der Kernenergie-Ausstieg - so wie beschlossen - umgesetzt wird, dann werden diese 30 Prozent der deutschen Stromerzeugung im Jahr 2020 aus anderen Quellen bereitgestellt werden müssen. Die Erneuerbaren eignen sich dazu nur begrenzt."

Zwar könnten Gaskraftwerke mit ihren besonders effizienten Turbinen einspringen. Doch Gas ist teuer, die Abhängigkeit von einzelnen Lieferanten groß. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel warnte in der Haushaltsdebatte im Bundestag davor, einseitig auf den Energieträger Gas zu setzen.

"Völlig auf Kohle zu verzichten, wie Sie das wollen, bedeutet bei gleichzeitigem Ausstieg aus der Kernenergie, dass Sie - mit 30 Prozent Erneuerbare Energien bis 2020 - den Rest mit Gas schaffen wollen. Soviel Gas gibt es, können Sie besorgen. Aber erklären sie mal den Leuten, wie Sie diese Preise für Gas in Deutschland dann bezahlen sollen. Vor dieser Frage drücken Sie sich und wir nicht. Und deswegen glaube ich, dass die Debatte interessant ist, aber dass Sie nicht so populistisch geführt werden darf. Kohle raus, Kernenergie raus. Alles mit Gas und erneuerbaren Energien. Das wird am Ende nicht funktionieren."

Genau dieses Argument führte zum Beispiel beim regionalen Stromversorger "Mainz-Wiesbaden AG" im vergangenen Jahr dazu, dass der ursprüngliche Plan, ein Gaskraftwerk zu bauen, aufgegeben wurde. Begründet hat das Unternehmen seine Entscheidung mit den stark gestiegenen Preisen für Erdgas. Es habe keinen Vertrag zu wirtschaftlichen Konditionen gegeben, erklärt Pressesprecher Michael Theurer. Details über Lieferanten und Preise sind Betriebsgeheimnisse. Aber soviel steht fest: Die Mainz-Wiesbaden AG wird nun ein modernes Kohlekraftwerk bauen.

Umweltschutzverbände lassen sich von den wirtschaftlichen Argumenten nicht beeindrucken. Sie erinnern die Bundesregierung immer wieder an ihre klimapolitischen Ziele und stellen die Gegenrechnung auf. Greenpeace hat bundesweit 24 Bauanträge für neue Kohlekraftwerke gezählt. 21 Steinkohle- und drei Braunkohlekraftwerke. Auch der Umweltverband BUND vermutet, dass mit den Plänen der Energieversorger die klimapolitischen Ziele der Bundesregierung unterlaufen werden. Beispiel Vattenfall. Der Energiekonzern will in Hamburg-Moorburg eines der größten Kohlekraftwerke mit 1.600 Megawatt Leistung bauen. Damit könnte theoretisch der Jahresverbrauch von Hamburg gedeckt werden. BUND-Geschäftsführer Gerhard Timm beschreibt das Szenario, wenn die anderen Kohlekraftwerke mit einer Gesamtkapazität von rund 25.000 Megawatt an Netz gehen würden.

"Das würde in der Summe - wenn alle in der vergleichbaren Größenordnung ausgelegt sind wie hier in Moorburg einen CO2 Ausstoß von 145 Millionen Tonnen CO2 im Jahr bedeuten, und da wir im Jahr 2050 das allseits akzeptierte Ziel erreichen wollen, eine Erwärmung um mehr als zwei Grad zu verhindern, dürfen wir nur 85 Millionen Tonnen emittieren. Wenn diese 25 Kraftwerke in der Form gebaut werden wie sie in der Planung sind, dann sind diese Ziele schon heute Makulatur."

Bundesumweltminister Gabriel widersprach der Darstellung von Greenpeace und legte eigene Zahlen vor.

"Wir werden in Deutschland sicher bis 2012 neun Kohlekraftwerke bekommen. Wenn Sie nun aufzählen, welche Genehmigungsanträge es gibt, um damit nachzuweisen, dass es mehr werden, verheimlichen Sie doch der deutschen Öffentlichkeit bitte nicht, dass manche dieser Genehmigungen zehn Jahre alt sind - und schon in der Vergangenheit nie gebaut worden sind, weil die Unternehmen natürlich a) abwarten, wie sich die Rahmenbedingungen entwickeln und zweitens b) sich nur Baumöglichkeiten nur sichern wollen."


Die Rahmenbedingungen, so betont Minister Gabriel immer wieder, werden sich vor allem mit dem Emissionshandel deutlich ändern. Noch ist der Emissionshandel ein stumpfes Schwert im Kampf gegen den Klimawandel. Doch in Zukunft werden die Verschmutzungsrechte knapper und damit auch teurer. Kraftwerksbetreiber, die mehr Kohlendioxid als erlaubt in die Luft blasen, müssen dann auf dem Markt Verschmutzungsrechte kaufen oder in klimaschonende Technologien investieren.

Derzeit kostet am Terminmarkt das Verschmutzungsrecht pro Tonne Kohlendioxid rund 23 Euro. Aber ab 30 Euro Preisuntergrenze wären die fossilen Energieträger wieder konkurrenzfähig, schätzt Dr. Gerd Oeljeklaus vom Lehrstuhl für Umweltverfahrenstechnik und Anlagentechnik von der Universität in Essen

"Wenn man die kapitalintensiven erneuerbaren Energien sieht, dann werden die es schwer haben, für dieses Geld letztendlich CO2 einzusparen. In der Regel sind diese Varianten viel teurer, insbesondere wenn man an die Photovoltaik denkt und eine Vollkostenrechung macht. Insofern haben die fossilen Energieträger noch ihre Daseinsberechtigung."

Damit kommt sogar wieder die umstrittene Braunkohle ins Geschäft, vorausgesetzt die Anlagentechnik wird aufgerüstet. Politik und Wirtschaft bringen sich in Stellung. Jürgen Rüttgers, Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen:

"Nordrhein-Westfalen tritt für eine saubere Umwelt ein. Wir wollen, dass die Braunkohlekraftwerke und die Steinkohlekraftwerke in NRW erneuert werden. Das ist eine große Investition von acht Milliarden Euro und mehr, um die die alten Kraftwerke, die ja besonders viel CO2 emittieren, durch neue hochmoderne Kraftwerke zu ersetzen. Haben wir eine bessere Ausnutzung der Kohle, das heißt, das schont die Ressourcen. Und wir erreichen einen massiven Beitrag zur Verbesserung der Klimasituation."

500 Kilometer weiter östlich macht sich Hans Jürgen Cramer, Europa-Chef des Energiekonzerns Vattenfall, für die Braunkohle stark und sagt, worauf es wirklich ankommt: Arbeitsplätze!

"Weil wir daran glauben, dass Deutschland auch in Zukunft nicht auf Kohle verzichten kann. Braunkohle ist ein heimischer Energieträger und sichert viele, viele Arbeitsplätze in der Lausitz, und wir glauben, dass wir Braunkohle in Zukunft unter CO2-Abscheidung - das ist ja das Klimagas, das nicht mehr in der Erdatmosphäre gelangen soll, als das verbrennen könne, daran arbeiten wir. Und deswegen glauben wir, dass Braunkohle eine Zukunft hat."

Und so könnte die Zukunft aussehen. Das Kohlendioxid soll nicht mehr aus den Schornsteinen herausgeblasen, sondern abgetrennt und unterirdisch gelagert werden. Experten sprechen von der CCS-Technik, also die CO2-Abscheidung und -Lagerung

"Für die Energiewirtschaft ist es auf jeden Fall ein Pfad, den sie begehen muss. Das ist auf jeden Fall die einzig wirkliche Chance, die die Kohleverstromung hat,"

sagt Friedrich Seefeldt vom Prognos-Institut. Was in der Theorie so einfach klingt, ist in der Praxis denkbar schwierig und noch in der Pilotphase. Derzeit testen die Energiekonzerne drei Verfahren. Die nachträgliche Kohlendioxid-Abtrennung in der Rauchgaswäsche ist vor allem für bestehende Kraftwerke geeignet. Nachteil: die Rauchgaswäsche kostet zusätzlich Energie, erklärt Dr. Gerd Oeljeklaus:

"Nach heutigem Stand kann man sagen, wenn man Kraftwerke mit 45 Prozent Wirkungsgrad hat, dass man mit Wirkungsgradeinbußen von zehn bis zwölf Prozentpunkten rechnen muss, so dass die Wirkungsgradvorteile der letzten Jahrzehnte durch die Nachrüstung wieder aufgezehrt werden und dann letztendlich Wirkungsgrade von 35 Prozent im Falle der Steinkohle hat."

Der Klimaschutz schlägt bei der Nachrüstung der bestehenden Kohlekraftwerke also kräftig auf die Leistung. Besser sieht es aus, wenn neue Kraftwerke auf Basis der Kohlevergasung gebaut werden. Diese Technologie erlaubt mit den nachgeschalteten Gas-Dampf-Turbinen einen wesentlich höheren Wirkungsgrad. Als dritte Alternative könnte die Kohle mit reinem Sauerstoff verbrannt werden.

Vor dem Jahr 2020 wird die Kohlendioxid-Abtrennung in den Kraftwerken nicht starten - weil sich die Techniken noch im Versuchsstadium befinden. Doch die Konzerne sind optimistisch. Problematischer für die Energieunternehmen gestaltet sich ein anderer Punkt: der Transport und die anschließende Lagerung des verflüssigten Kohlendioxids. Pipelines müssen geplant, sichere Lagerstätten unter der Erde gefunden werden, zum Beispiel in ehemaligen Gas-, Öl-, oder Kohlelagerstätten. Offenbar überlegt die EU-Kommission die unterirdische Speicherung von klimaschädlichem Kohlendioxid in großem Stil zu fördern.

Dafür braucht die Industrie aber Planungssicherheit. Die Vorbehalte in der Bevölkerung dürfen nicht unterschätzt werden, heißt es zum Beispiel bei E.ON. Niemand wolle Kohlendioxid in seiner Nachbarschaft haben, wird E.ON-Chef Bernotat zitiert. Das sei ein "Riesenproblem". Ein Problem, das auch die Politik beschäftigt. Bundeskanzlerin Merkel deutete auf dem Steinkohlentag Änderungen im Planungsrecht an:

"Wer die Meinung teilt, dass es auf absehbare Zeit auf der Welt ohne Kohle nicht gehen wird und dass die Kohle wirklich nur eine gute Zukunft hat, wenn wir die Abtrennung ins Auge fassen: Wer das meint, der muss auch für eine zukunftsweisendes Planungsrecht sein."

Soll heißen: Die Bundesregierung strebt durch Änderungen im Raumordnungsgesetz die Planungshoheit an, "um bedeutende Standorte für die Speicherung von CO2" zu sichern. Der Gesamtverband der Steinkohle formuliert es deutlicher. Die Gesetze müssen

aufeinander abgestimmt werden, um die Errichtung und den Betrieb von CO2-Ablagerungsstätten ebenso wie den Transport und die Abscheidung unter Beachtung von Sicherheits- und Umweltschutzgesichtspunkten ohne wirtschaftlich unverhältnismäßige Auflagen zu gestatten.

Die Zukunft der Kohleverstromung hängt also nicht nur davon ab, ob die Ingenieure rasch eine technische Lösung für die Kohlendioxidabtrennung finden, die darüber hinaus auch noch wirtschaftlich ist. Weitaus heikler dürften die politischen Probleme sein. Transport und Lagerung des Treibhausgases müssen nicht nur genehmigt, sondern auch vom Wähler akzeptiert werden.

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