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StartseiteForschung aktuell"Man darf nicht beim Warnen und Mahnen stehenbleiben"06.11.2019

Klimanotstand"Man darf nicht beim Warnen und Mahnen stehenbleiben"

Vor einem weltweiten Klimanotstand und „unsäglichem menschlichen Leid“ warnen 11.000 Forschende im Fachblatt "Bioscience". Es müsse aber nicht nur über den Stand des Problems, sondern auch über Lösungen gesprochen werden - die es durchaus gebe, so Marie-Luise Beck vom Deutschen Klima-Konsortium im Dlf.

Marie-Luise Beck im Gespräch mit Ralf Krauter

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Ein Ballon mit der Aufschrift "Es gibt keinen Planet B." ist vor Braunkohlekraftwerken bei Kerpen zu sehen - aufgenommen am Rande des Landesparteitags der nordrhein-Westfälischen Grünen, der im Oktober 2018 am Hambacher Forst stattfand. (Ina Fassbender/ dpa )
"Wir haben kein kulturelles Verständnis dafür, was es bedeutet, das Klimagleichgewicht zu verlassen", so Marie-Luise Beck im Dlf (Ina Fassbender/ dpa )
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Ralf Krauter: 11.000 Wissenschaftler, darunter rund 900 aus Deutschland, warnen vor einem weltweiten Klimanotstand. In einer gestern veröffentlichten gemeinsamen Erklärung im Fachmagazin "Bioscience" schreiben sie, wenn sich nichts grundlegend ändert, drohe durch die Folgen der Erderwärmung "unsägliches menschliches Leid". Die Forscher untermauern dieses Fazit mit zahlreichen Fakten, Studien und Grafiken zur Erderwärmung und ihren Folgen, aus denen hervorgeht: Die bisherigen Bemühungen zur Reduktion von Treibhausgasen springen viel zu kurz, wenn wir die Erderwärmung auf ein erträgliches Maß begrenzen wollen. Marie-Luise Beck ist die Geschäftsführerin des deutschen Klima-Konsortium, das die wichtigsten Klima- und Klimafolgenforscher hierzulande repräsentiert. Ich habe sie vorhin gefragt: Ist dieser Appell wirklich geeignet, das öffentliche Bewusstsein für die Problematik zu schärfen, oder erreichen die Wissenschaftler damit nicht sowieso wieder nur jene, die das sowieso alles schon wussten?

Marie-Luise Beck: Ja, das ist immer schwierig. Ich denke, es ist und bleibt Aufgabe der Wissenschaft, Fakten zu präsentieren, möglichst verständlich die Belege zu liefern, und das bedeutet eben in Bezug auf Klimawandel warnen und mahnen, auch zu zeigen, dass ein großer Konsens besteht darin, was die Gefahren und die Risiken des Klimawandels sind. Das ist jetzt mit diesen 11.000 Unterschriften wieder eine Art, das darzulegen, der IPCC macht nichts anderes, über 1000 Wissenschaftler arbeiten an den Texten und geben der Bevölkerung oder der Politik, der Öffentlichkeit Orientierung, indem sie sagen, schaut her, das ist gutes, vielfach getestetes Wissen, hinter dem ganz viele Wissenschaftler, die überwiegende Mehrheit der Wissenschaftler auch stehen. Aber wir sagen als DKK, dass man bei diesem Warnen und Mahnen nicht stehenbleiben kann, sonst läuft man Gefahr, dass Menschen, gerade die jetzt sich nicht ständig mit dem Thema Klimawandel befassen, schnell abschalten, dass sie auch verdrängen, weil es so ein großes Problem zu sein scheint, was man gar nicht mehr bewältigen kann. Es gibt oft in der Psychologie diese interessante Reaktion der Reaktanz, also quasi Trotzreaktion, ja, wenn es schon schon so schlimm ist, dann mache ich erst recht jetzt mal drei Weltreisen hintereinander oder mache erst recht dies und das. Das sind die Risiken, in die man läuft, wenn man nur warnt und mahnt. Und wir haben diesen großen Kongress gemacht, wo wir uns genau darüber unterhalten haben, was sind denn die anderen Bestandteile, die in der Kommunikation sein müssen, um da weiterzukommen?

"Mehr über Chancen reden, weniger über Verzicht"

Krauter: Da geht es in der Regel um Lösungsstrategien dann, die man auch anbieten muss.

Beck: Genau, dass wir nämlich nicht nur über den Stand des Problems sprechen, sondern dass wir auch über die Lösungen sprechen. Und da ist eben eine ganz wichtige Botschaft: Technisch und wirtschaftlich gibt es schon unglaublich viele gute Lösungen. Unser Eindruck ist, dass die Technik und Wirtschaft weiter ist als die Politik derzeit. Nehmen sie nur die rein technischen Kosten für Strom aus Photovoltaik, das bewegt sich zwischen zwei und fünf Cent pro Kilowattstunde, und es wird ja derzeit weltweit fast monatlich ein neues größtes Solarkraftwerk auch eröffnet. Also es liegen gute Lösungen auf dem Tisch. Sie müssen jetzt einfach mal in einer koordinierten Art und Weise aufgegriffen werden. Ein anderes Thema, was uns auch beschäftigt hatte, war: Lasst uns mehr über Chancen reden, weniger über Verzicht. Natürlich geht es darum, bestimmte Dinge können in einer dekarbonisierten Welt nicht mehr stattfinden, aber nehmen sie die autofreie Stadt: Selbst wenn es keinen Klimawandel gäbe, wäre es für viele Menschen in der Großstadt eine Erlösung, wenn wir nicht mehr durch diese Blechlawinen müssten und wir nicht mehr Angst um unsere Kinder haben müssten bei dem dicken Autoverkehr.

Was bedeutet es, das Klimagleichgewicht zu verlassen?

Krauter: Bleiben wir mal bei den Lösungsvorschlägen noch mal. In der Publikation im Fachjournal "Bioscience" werden ja konkrete Vorschläge gemacht für verschiedene Themenfelder, also da wird gefordert, wir müssen auf erneuerbare Energien umsteigen, Treibhausgase reduzieren, Wälder und Moore besser schützen, weil die ja bekanntermaßen CO2-senkend sind. Da mögen die meisten wahrscheinlich noch mitgehen. Schwieriger wird es dann, wenn die Wissenschaftler eben auch fordern – und das tun sie –, die Menschen sollten weniger Fleisch essen und weniger Kinder bekommen. Überschreitet die Wissenschaft da nicht eine Grenze, was auch ihre eigene Deutungshoheit angeht?

Beck: Also ich habe jetzt nicht diesen ganzen Text im Kopf, aber ich denke, es sind ja diese Grafiken dargestellt, die sehr deutlich und sehr genau beschreiben, mit welcher Rasanz wir unglaublich tiefgreifende Veränderungen momentan anstoßen und auch auf kollabierende Ökosysteme zusteuern. Es ist ja nicht umsonst dieser Text in "Bioscience", also bei den Biologen, veröffentlicht worden. Und die Lesart könnte vielleicht auch so sein, dass man sagt, die Konsequenzen aus diesem Befund sind natürlich, dass wir bestimmte Dinge ändern müssen. Nichts anderes sagt auch der IPCC, der da sagt, drastische Emissionsänderungen, Veränderungen in allen Sektoren, also überall muss es anders werden. Das ist die Message, die der IPCC-Bericht, 1,5 Grad globale Erwärmung, sendet. Ob man jetzt so weit geht, was zur konkreten Kinderzahl zu sagen, das ist vielleicht schwierig, aber die Tatsache, dass der Planet begrenzt ist und wir uns auch auf diese Begrenzung einlassen müssen, das ein Stück weit auszubuchstabieren, das ist vielleicht angesichts der Tatsache, dass hier ein Problem besteht, was wir als Menschheit noch niemals hatten – wir haben keine kulturellen Vorbilder für das Verlassen eines Klimas, das sich halbwegs im Gleichgewicht befindet –, angesichts dieser Tatsache ist es zumindest verständlich, dass die Autoren das machen. Das wäre vielleicht auch noch mal wichtig. Also alle Menschen wissen, dass Krieg eine fürchterliche Situation ist und dass man das politisch möglichst vermeiden muss. Wir haben aber kein kulturelles Verständnis dafür, was es bedeutet, das Klimagleichgewicht zu verlassen. In der gesamten Menschheit hat es das nicht gegeben. Und das ist, glaube ich, diese Schwierigkeit, die uns auch in der Kommunikation immer wieder begegnet: Wie kann man das kommunizieren, ohne zu alarmistisch zu sein, die Menschen zu sehr zu frustrieren und gleichzeitig zu sagen, es ist ernst, aber wir sind nicht hilflos?

"Menschheit vor jeder katastrophalen Bedrohung warnen"

Krauter: Im ersten Satz dieses Appells ist zu lesen: "Wissenschaftler haben eine moralische Pflicht, die Menschheit deutlich vor jeder katastrophalen Bedrohung zu warnen und die Lage zu schildern, wie sie ist." Wie sollte die Politik jetzt diesen Ball aufgreifen?

Beck: Ich denke, es ist schon die Verpflichtung der Politik, der Wissenschaft zuzuhören. Aber natürlich geht es nicht so weit, dass die Politik genau das ausführt, was Wissenschaft vielleicht auch in diesem Fall sagt oder empfiehlt, sondern die Politik muss schon noch mal ihre eigenen Wege gehen. Das wäre ein technizistisches Verständnis, was wir im DKK nicht haben. Die Politik muss die Botschaften für sich selbst reflektieren und daraus die entsprechende Politik ableiten. Es sind ja momentan sehr, sehr viele Aktionen und sehr viele Initiativen unterwegs, auch in der Wissenschaft, und vermutlich ist es am Ende die Summe der Initiativen, die möglicherweise eine Veränderung ausmachen. Das Thema Klimawandel ist so unglaublich komplex, dass es, denke ich, weder mit einem Aufruf getan ist, es ist auch nicht mit einem Klimabericht getan, der IPCC schreibt ja gerade an seinem sechsten Sachstandsbericht, es sind vermutlich mehrere, weil wie gesagt, wir haben kein kulturelles Vorbild, wie man als Gesellschaft mit einem Klima, das aus dem Gleichgewicht geraten ist, umgehen kann. Insofern betreten wir hier Neuland und brauchen wahrscheinlich noch viel mehr Input von der Wissenschaft, womit wir in Zukunft zu rechnen haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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