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KlimawandelBlattwespenart wird zum Fichtenschädling

In den mittleren Lagen Bayerns ist ein neuer Fichtenschädling aufgetaucht: die Gebirgsfichten-Blattwespe. Bislang kam sie nur in größeren Höhen vor, doch jetzt haben die wärmeren Temperaturen ihr einen Vorteil gegenüber der einheimischen Konkurrenz verschafft und sie breitet sich aus. Forstwissenschaftler aus Freising versuchen, die Wespe mit Fallen zu bekämpfen.

Von Volker Mrasek | 28.03.2014

"Das wir hier hören, ist Packband. Die Tiere sind schlauer, als wir glauben, und auch ganz klein. Deswegen muss das ganz sauber und eng zugeklebt sein."
Ein Labor in der Bayerischen Landesanstalt für Wald und Forstwirtschaft in Freising bei München. Der Forstwissenschaftler Florian Krüger bereitet Fallen für den Einsatz im Freien vor. Schwarze, lichtundurchlässige Stoff-Pyramiden, etwa hüfthoch, mit einem Auffangbehälter aus durchsichtigem Kunststoff oben drauf.
"Also, das Metall sind unsere Erdnägel. Diese Dinger befestigen die Pyramide auf dem Waldboden."
Ein paar Räume weiter blättert Ralf Petercord im Atlas schädlicher Forstinsekten. Jetzt wird klar, für welche Tiere die Fallen gedacht sind ...
"Und da ist sie schon: Gebirgsfichten-Blattwespe. Weibchen schön mit diesem grünen Hinterleib. Ungefähr einen Zentimeter groß. Und frisst halt an den Nadeln als Larve. Und zerstört damit die Fichten."
Bayern hat einen neuen Schadorganismus im Wald. Das heißt: Eigentlich handelt es sich um einen alten Bekannten. In Höhenlagen über 750 Metern war die genannte Gebirgsfichten-Blattwespe nämlich immer schon in der Lage, sich massenhaft zu vermehren. Und doch verursachte sie keine dramatischen Schäden an ihrem Wirtsbaum, der Fichte, wie Waldschutz-Experte Petercord sagt:
"Und jetzt sehen wir plötzlich, daß die Art auch in tieferen Lagen auftaucht, so bei 350, 400 Metern jetzt in Bayern, und dort massive Schäden verursacht."
In diesen Höhen hatte die Gebirgsfichten-Blattwespe bisher einen übermächtigen Widersacher: die verwandte Kleine Fichtenblattwespe. Beide Arten konkurrieren um die sogenannten Mai-Triebe der Fichte, also um die neuen Nadelblatt-Knospen, die die Bäume im Frühjahr ausbilden. Dort legen die Insekten ihre Eier ab. Dabei kam die Kleine Blattwespe ihrer Konkurrentin eigentlich immer zuvor und besetzte die frischen Knospen. Doch seit Jahren gibt es einen auffälligen Trend: Die Fichten treiben inzwischen eine knappe Woche früher aus, bedingt durch gestiegene Temperaturen und eine beschleunigte Vegetationsentwicklung ...
Petercord: "Das ist für die Kleine Fichtenblattwespe schlecht. Sie kommt zu spät. Die Mai-Nadeln sind schon vorhanden. Und die braucht halt die genau austreibende Knospe. Und das schafft sie dann nicht mehr. Und der Gebirgsfichten-Blattwespe ist das egal. Die ist nicht so eng zeitlich gebunden an den Austrieb der Fichtenknospen. Und in dem Augenblick kann sie dann sehr schön diese Mai-Nadeln belegen."
Damit ist die Wespe ihre direkte Konkurrentin los. Und vermehrt sich nun dort massenhaft, wo sie bisher nur spärlich vorkam - in tieferen Lagen.
"Das Problem ist: Sie frisst auch die Altnadeln, und sehr verschwenderisch. Sie machen Bissstellen, und die Nadeln sterben dann ab durch Pilzbefall. Und so wird dann die Fichte sukzessive geschwächt. Und das führt dann dazu, daß wieder Borkenkäfer kommen können und diese geschwächten Fichten leichter angreifen können. Und dann im Nachgang doch erhebliche Schäden an den Waldbeständen verursachen."
Eine Entwicklung, die mit der Klimaerwärmung zu tun habe, wie der Forstwissenschaftler sagt:
"Und das ist eigentlich das, was wir befürchten. Wir müssen davon ausgehen, daß im Rahmen des Klimawandels unsere Insekten ein völlig anderes Verhalten zeigen, als sie das in der Vergangenheit getan haben. Und dadurch können wir viele Überraschungen, teilweise auch böse Überraschungen erleben mit dem Klimawandel, an die man so noch gar nicht denkt."
Florian Krüger: "So! Ich würde jetzt beginnen, das zu verladen."
Die Freisinger Forstwissenschaftler wollen ihre Fallen in diesen Tagen aufstellen. Es ist die richtige Zeit, um die frisch geschlüpften Wespen bei ihrem Schwärmflug zu erwischen. Sie kriechen praktisch aus der Erde, wo die Larven den Winter in einem Kokon überdauert haben. Das Untersuchungsgebiet liegt im Rupertiwinkel nördlich von Berchtesgaden. Das ist die Region, in der sich die Gebirgsfichten-Blattwespe neuerdings massenhaft vermehrt und große Waldschäden anrichtet, an der Grenze zu Österreich ...
Ralf Petercord: "Wo wir auf dem Quadratmeter 600 von diesen Kokons finden. Das bedeutet Kahlfraß für die Bestände. Unter normalen Bedingungen finden Sie vielleicht drei Kokons."
Es ist ein EU-Projekt. Und mit dabei auch die Wiener Universität für Bodenkultur. Gemeinsam wollen die Forscher mehr über die genauen Abläufe der Massenvermehrungen erfahren. Und über die Gefährdung der Fichte durch die Wespe auch in anderen Waldregionen ...
"Und da müssen wir zugeben: Ganz genau kennen wir die noch nicht. Darum ist Forschung in dem Bereich so wichtig. Es wird jetzt in den nächsten Jahren sich zeigen, welches Ausmaß das wirklich annimmt."