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StartseiteForschung aktuellForscher Notz: "Neue Deiche einen Meter höher bauen"10.08.2021

Klimawandel und der Anstieg des MeeresspiegelsForscher Notz: "Neue Deiche einen Meter höher bauen"

Das Schmelzen der Eisschilde und Gletscher sei inzwischen der größte Beitrag zum Anstieg des Meeresspiegels, sagte der Max-Planck-Forscher Dirk Notz im Dlf. Bis Mitte des Jahrhunderts steige er auf jeden Fall um 20 bis 30 Zentimeter. Wie es langfristig weitergehe, hätten wir aber noch in der Hand.

Dirk Notz im Gespräch mit Britta Fecke

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Ein blauer Eisberg schwimmt in der  Antarktis (picture alliance / blickwinkel/E. Hummel | E. Hummel)
Das Eis in der Antarktis wird immer weniger, der Meeresspiegel steigt immer mehr - beispielsweise an der Nordsee (picture alliance / blickwinkel/E. Hummel | E. Hummel)
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In Grönland und der Antarktis schmelzen jedes Jahr 400 Milliarden Tonnen Eis. "Wenn man die in einen Würfel gießen könnte, dann wäre das ein Eiswürfel der Größe sieben mal sieben mal sieben Kilometer", sagte Dirk Notz vom Max-Planck-Institut für Meteorologie im Dlf. Wie schnell der Meeresspiegel durch das schmelzende Eis ansteige, "hängt auf lange Sicht sehr, sehr stark von unserem eigenen Handeln ab". Bis zur Mitte des Jahrhunderts werde der Meeresspiegel wohl auf jeden Fall "so um die 20 bis 30 Zentimeter" ansteigen. Wie es danach weitergehe, sei noch nicht ganz klar. Niedrig geschätzte Szenarien gingen davon aus, dass es bis zum Ende des Jahrhunderts einen globalen Meeresspiegelanstieg von 30 bis 60 Zentimeter geben werde, pessimistischere Szenarien gingen von einem Meeresspiegelanstieg zwischen 60 Zentimetern und einem Meter aus.

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Es sei aber auch nicht ausgeschlossen, dass "zu diesen Zahlen noch bis zu einem Meter zusätzlich an Meeresspiegelanstieg hinzukommt, falls die Eisschilde doch sensibler auf Klimaveränderungen reagieren, als wir das im Moment annehmen", sagte Notz. Aus Vorsorgegründen würde er deshalb derzeit empfehlen, dass neue Deiche um einen Meter höher gebaut werden, "aber jetzt schon einplant, dass man bis Ende des Jahrhunderts möglicherweise noch einen Meter draufsetzen muss", sagte der Leiter der Forschungsgruppe Meereis im Erdsystem/Meereis im Klimasystem. 

Extremwetterereignisse, wie wir sie in letzter Zeit erlebt haben, nehmen nicht vor allem durch das Eisschmelzen in der Arktis zu, sagte Notz. "Allerdings nehmen sie insgesamt durch den Klimawandel zu. Und da haben wir es nach wie vor in der Hand, wie stark dieser globale Klimawandel ausfallen wird, (...) wie stark die Extremereignisse in Zukunft seien werden."


Das Interview in voller Länge:

Britta Fecke: Wann erwarten sie den ersten Sommer, in dem das Nordpolarmeer frei von Meereis ist? 

Dirk Notz: Wann genau dieser Sommer eintreffen wird, ist schwer vorherzusagen. Wir gehen aber davon aus, dass das in jedem Zukunftsszenario vor 2050 der Fall sein wird, dass die Arktis zumindest in manchen Sommern weitestgehend ohne Meereis sein wird.

Fecke: Das Meereis ist ja das eine, wie steht es allerdings um die Eisschilde, die ja auch schneller abschmelzen als erwartet?

Notz: Da hat sich in den letzten Jahrzehnten die Entwicklung wirklich dramatisch verändert, insofern als im letzten Jahrzehnt der Eisverlust in Grönland oder der Antarktis etwa viermal so hoch war, wie er noch vor drei Jahrzehnten war. Der hat also rapide zugenommen. Und insgesamt ist dieses Schmelzen der Eisschilde und der Gletscher inzwischen auch der größte Beitrag zum Meeresspiegelanstieg.

Jährlicher Verlust: ein Eiswürfel mit 7 Kilometer Seitenlänge

Fecke: Wie viel Eis wird denn da zu Wasser?

Notz: Im Moment verlieren wir in Grönland und in der Antarktis jedes Jahr 400 Milliarden Tonnen Eis. Wenn ich sage, wir verlieren die, dann wäre es wahrscheinlich richtiger zu sagen, wir schmelzen diese Menge an Eis. Und das ist eine unvorstellbare Menge, wenn man die in einen Würfel gießen könnte, dann wäre das ein Eiswürfel der Größe sieben mal sieben mal sieben Kilometer. Das ist die Menge an Eis, die jedes Jahr dort verloren geht im Moment.

Abgebrochener Eisberg in Qaqortoq/Grönland (Joe Raedle/Getty Images) (Joe Raedle/Getty Images)

Fecke: Wenn weniger Eis, also weniger weiße Fläche vorhanden ist, dann ist ja auch weniger weiße Fläche da, die die wärmenden Sonnenstrahlen zurückwirft. Stattdessen treffen ja die Sonnenstrahlen dann auf Meerwasser, und Wasser ist dunkler. Wie viel mehr Wärme wird da absorbiert und wie beschleunigt das den ganzen Prozess noch weiter?

Notz: Dieser Prozess, dass dieser Sonnenlichtspiegel, wie ich gerne sage, des arktischen Meereises immer kleiner wird, das ist einer der Beiträge dafür, dass die Arktis sich deutlich stärker erwärmt als andere Regionen dieser Erde. Das ist für mich auch einer der wichtigsten Aspekte bei diesem Verlust des arktischen Meereises, dass die Arktis eines der allerwichtigsten Frühwarnsysteme für einen schnellen Klimawandel ist auf der Erde. Und dieses Frühwarnsystem, das schlägt seit vielen Jahren und Jahrzehnten wirklich Alarm, insofern als wir inzwischen zum Beispiel etwa drei Viertel des arktischen Meereisvolumens im Sommer in der Arktis schon verloren haben.

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Fecke: Sie haben es ja vorhin schon kurz angesprochen, wie viel Eis wir verlieren beziehungsweise wie viel Eis schmilzt. Wie schnell, glauben Sie, wird der Meeresspiegel steigen?

Notz: Auf lange Sicht hängt das sehr, sehr stark von unserem eigenen Handeln ab. Wir sind wirklich im Moment als Spezies der Hauptkontrollfaktor für zukünftigen Meeresspiegelanstieg, für zukünftige Klimaveränderungen. Bis zur Mitte des Jahrhunderts – aufgrund der Trägheit des Systems – haben wir vergleichsweise wenig Einfluss auf das, was da passieren wird. Da gehen wir davon aus, dass der Meeresspiegel so um die 20 bis 30 Zentimeter auf jeden Fall ansteigen wird. Aber dann, ab der zweiten Jahrhunderthälfte gehen die Szenarien sehr, sehr weit auseinander. Und dieses Auseinandergehen der Szenarien wird sich dann auf lange Sicht sehr stark fortsetzen, weil in den höheren Szenarien sogenannte Kipppunkte in den Eisschilden übertreten werden, und dann der Meeresspiegelanstieg drastisch zunehmen würde. Wenn wir das einmal in Zahlen greifen, gehen wir davon aus, dass wir bis zum Ende des Jahrhunderts in den niedrigen Szenarien einen globalen Meeresspiegelanstieg von 30 bis 60 Zentimeter bekommen würden und in den hohen Szenarien einen Meeresspiegelanstieg zwischen 60 Zentimetern und einem Meter – alles unter der Annahme, dass die Eisschilde sich wohlwollend verhalten. Wir schließen nicht aus, dass zu diesen Zahlen noch bis zu einem Meter zusätzlich an Meeresspiegelanstieg hinzukommt, falls die Eisschilde doch sensibler auf Klimaveränderungen reagieren, als wir das im Moment annehmen.

Neue, nicht mehr auszuschließende Szenarien

Fecke: Ich weiß, Sie sind kein Deichbauer, aber Sie beschäftigen sich ja viel mit dem Anstieg des Meeresspiegels. Wie hoch müssten die Deiche denn dann sein in Holland und an der Nordsee in Deutschland?

Notz: Das ist der Grund dieses Vorsorgeprinzips, warum wir jetzt auch diese neuen Szenarien mitkommunizieren, die wir nicht mehr ausschließen können. Aus Vorsorgegründen würde ich derzeit empfehlen, dass man die neuen Deiche um einen Meter höher baut, aber jetzt schon einplant, dass man da bis Ende des Jahrhunderts möglicherweise noch einen Meter draufsetzen muss, falls die Eisschilde stärker abschmelzen, als wir das im Moment prognostizieren. Aber ein Meter zusätzlich sollte es dann im Moment doch schon sein.

Fecke: Es wird ja definitiv mehr Wasser im Gesamtsystem sein. Mehr Wasser im System, in einem wärmeren System, heißt ja auch eine Intensivierung des Kreislaufs, das heißt auch mehr Niederschlag. Ist es auch möglich, dass eigentlich das, was abgeschmolzen über Schnee wieder dazukommt?

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Notz: Das wird teilweise passieren, gerade in der Antarktis, wo es weiterhin kalt bleiben wird und der zusätzliche Niederschlag als Schnee fallen wird. Wir gehen im Moment davon aus, dass wahrscheinlich der Eisverlust diesen zusätzlichen Schneefall überwiegen wird, es gibt einige wenige Modellsimulationen, die das andersherum darstellen, die für dieses Jahrhundert vorhersagen, dass der Eisverlust in der Antarktis möglicherweise weitestgehend ausgeglichen wird durch den zusätzlichen Schneefall. Das sind aber eher Ausnahmemodelle, das heißt, vom Vertrauen her gehen wir eher davon aus, dass der Eisverlust den zusätzlichen Schneefall überwiegen wird.

Fecke: Gibt es schon Prognosen, welche Auswirkungen diese schnelle Schmelze auf die atmosphärischen Strömungen hat und damit auch auf die Wettermuster?

Notz: Ja, die gibt es, insbesondere für den Verlust des arktischen Meereises, weil da auf einer sehr großen Fläche vergleichsweise schnell sich die Farbe und damit auch die Temperatur der Oberfläche stark ändert. Wir gehen im Moment in dem neuen Bericht davon aus, dass die Änderungen in den Wettermustern, die wir aufgrund dieses Effektes bekommen, dass die deutlich kleiner sind als die Änderungen in den Wettermustern, die wir grundsätzlich in einem wärmeren Klima bekommen – mit den stärkeren Hitzewellen und den stärkeren Niederschlägen, dass also sozusagen die Änderungen im mittleren Klimazustand bei Weitem das überwiegen, was wir an zusätzlichem Effekt dadurch bekommen, dass in der Arktis das Packeis verloren geht.

"Nach wie vor in der Hand, wie stark globaler Klimawandel ausfallen wird"

Fecke: Das bedeutet, dass im Grunde genommen diese schnellere Schmelze auf diese Extremwetterereignisse, wie wir sie jetzt in den letzten Wochen erlebt haben und gesehen haben – und auch in den letzten Sommern –, dass die jetzt davon nicht so direkt beeinflusst werden.

Notz: Das ist so. Diese Extremwetterereignisse nehmen nicht vor allem durch das Eisschmelzen in der Arktis zu. Allerdings nehmen sie insgesamt durch den Klimawandel zu. Und da haben wir es nach wie vor in der Hand, wie stark dieser globale Klimawandel ausfallen wird, wie viel Eis wir verlieren, aber halt auch, wie stark die Extremereignisse in Zukunft seien werden. Da sind wir wirklich durch unser aller Handeln diejenigen, die das nach wie vor in der Hand haben.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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