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KlonfleischEuropa ringt um gemeinsame Haltung

Klonen von Rindern oder Schweinen: In den USA ist die Vervielfältigung im Labor und für die Tierzucht gang und gäbe, in Europa nicht. Sollen Fleisch und Milch von Klon-Nachkommen auch in unseren Supermärkten landen? Die EU ringt gerade um entsprechende Vorschriften.

Von Mirjam Stöckel | 15.06.2015

Eine Zuchtsau steht am in einem Schweinemastbetrieb vor ihrer Box.
Klontiere auf dem Teller? (picture alliance / dpa / Axel Heimken)
"Das würde ich nicht essen wollen, bestimmt nicht. Weil das künstlich produziert und hergestellt ist – alles was aus dem Labor kommt."
"Irgendwie hätte ich da ein seltsames Gefühl. Das würde mir nicht in den Magen gehen."
Klontiere in der Lebensmittelerzeugung: Was in den USA üblich ist, wollen viele Deutsche nicht auf ihren Tellern.
"Ich bin immer für eine Kennzeichnung, dass man weiß, was man isst."
"Das ist schon wichtig, dass es gekennzeichnet wird - aber ansonsten wär's mir am liebsten, wenn man überhaupt drauf verzichten könnte, auf die ganze Klonerei."
Erster Versuch 2011
Europaparlament, EU-Ministerrat und Europäische Kommission arbeiten mal wieder an gesetzlichen Vorschriften zu Lebensmitteln von Klon-Tieren und ihren Nachkommen. Ihr erster Versuch scheiterte 2011, weil sie damals keinen Kompromiss miteinander fanden. Auch jetzt zeichnet sich Streit ab. Berichterstatterin Renate Sommer, CDU, ist im EU-Parlament federführend für das Klon-Thema zuständig.
"Es ist ein großes Zaudern und Zögern in den anderen Institutionen, sich in irgendeiner Form auf die Wünsche des Europaparlaments einzulassen."
Das EU-Parlament ist - ähnlich wie Bundestag und Bundesrat - strikt gegen das Klonen zur Lebensmittelproduktion. Vor allem aus ethischen Gründen, denn geklonte Rinder und Schweine sind häufig missgebildet und sterben, und auch die Leihmuttertiere leiden.
Streitpunkt 1 der Verhandlungspartner in Brüssel: Wie geht Europa künftig mit Sperma und Embryonen geklonter Tiere aus dem Ausland, etwa den USA um?
"Die Kommission will auch nicht, dass in der EU geklont wird, ist aber bereit, den Import von Vermehrungsmaterial – Samen oder Embryonen – zu akzeptieren genauso wie eben die Nachfahren, die aus diesem Material erstellt werden. Und wir sagen als Europäisches Parlament: Wir wollen das nicht, denn damit unterstützen wir indirekt das Klonen in denjenigen Drittstaaten außerhalb EU, in denen es gemacht wird."
Streitpunkt 2: Was tun mit Fleisch und Milch von Klon-Nachkommen? Hier klafft bisher eine Regelungslücke, es gibt keinerlei Vorschriften. Dabei können auch Europas Landwirte mit importiertem Vermehrungsmaterial Klon-Nachfahren züchten – und Milch und Fleisch ohne Kennzeichnung verkaufen. So bereits geschehen in Großbritannien. Auch kommt jährlich tonnenweise US-Rindfleisch nach Europa – ebenfalls ohne Angabe, ob dafür geklont wurde.
Das EU-Parlament verlangt daher ein Rückverfolgbarkeitssystem und eine Kennzeichnungspflicht für Lebensmittel von Klon-Nachfahren. Doch die EU-Kommission lehnt das bisher ab. Vytenis Andriukaitis, Kommissar für Lebensmittelsicherheit.
"Es ist sehr kostspielig und kompliziert, Nahrungsmittel von Klon-Nachkommen zu kennzeichnen. Deshalb hat die Kommission gesagt, dass das nicht zur Pflicht werden soll."
Landwirte und Züchter fürchten Bürokratisierung
Auch Europas Rinder- und Schweinezüchter sind gegen Rückverfolgbarkeit, Kennzeichnungspflicht und Importbeschränkungen für Vermehrungsmaterial. Jan Vennemann, Vorsitzender des Züchter-Dachverbands EFFAB :
"Das wäre eine große Bürokratiebelastung für Landwirte und Züchter und auch für Behörden. Es würde Probleme bei der Rückverfolgbarkeit geben – und beim Handel mit den USA. Das Freihandelsabkommen TTIP würde sehr kompliziert."
Von diesem Argument will Renate Sommer die europäische Klon-Gesetzgebung aber nicht diktiert sehen.
"Und hat auch der Ministerrat die Sorge, dass es zu Handelsstreitigkeiten kommen kann und dass uns die USA oder ein anderer Staat vor der Welthandelsorganisation verklagen, wenn wir alles abblocken. Aber wir als Europäisches Parlament hatten davor noch nie Angst. Wir denken, bei aller transatlantischen Freundschaft dürfen wir selbstbewusst sein – und wir würden so was durchaus in Kauf nehmen."
Viel Konfliktpotenzial also für die weiteren Verhandlungen über das Klonen in der Lebensmittelerzeugung. Mit einer Einigung ist frühestens Anfang 2016 zu rechnen. Und dann geht der Ärger für die EU vielleicht erst richtig los - mit Drittstaaten wie den USA und Brasilien beispielsweise, in denen Klon-Lebensmittel längst in den Supermärkten liegen.