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StartseiteTag für TagStimmrecht für Mädchen? 08.03.2019

KnabenchöreStimmrecht für Mädchen?

Seit mehr als 800 Jahren besteht der Dresdner Kreuzchor und bisher dürfen nur Jungen mitsingen. Mitglieder des Dresdner Stadtrates und eine Anwältin halten das für ungerecht. Es gehe nicht allein um Recht, hält der Chorleiter dagegen, sondern auch um das "Faszinosum Knabenstimme".

Von Bastian Brandau

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Der Dresdner Kreuzchor präsentiert in Begleitung durch das Orchester der Dresdner Philharmonie am 09.01.2016 in der Kreuzkirche Dresden das Weihnachtsoratorium Kantaten 4-6 von Johann Sebastian Bach.  (picture alliance / dpa / Marko Förster)
Der Kreuzchor begeht in diesem Jahr sein 800. Gründungsjubiläum. (picture alliance / dpa / Marko Förster)

800 Jahre Bestehen feierte der Dresdner Kreuzchor vor drei Jahren. Die wohlfrisierten Knaben und jungen Männer mit weißen Hemdkragen sind weltweite Botschafter der Stadt Dresden, die den Chor jährlich finanziell unterstützt. Durch eine städtische Stiftung und direkte Zuschüsse in Millionenhöhe. Dass dabei nur Jungen gefördert werden, scheint vielen in Dresden eine Selbstverständlichkeit. Auch von der Stadtverwaltung gibt es keine Anzeichen, daran zu rütteln. Manchen Stadträten aber in der Fraktion der Linken und Piraten ist das ein Dorn im Auge. Martin Schulte-Wissermann, Vertreter der Piraten:

"Wir fordern, dass das gleiche Geld, die gleiche Ausbildung, die gleichen Chancen, die den Kreuzchor-Jungs jetzt gegeben werden, auch für Mädchen gegeben werden. Ich finde es im Jahr 2019 fast schon unwürdig, darüber zu reden, ob wir einen Verein, eine Institution weiter unterstützen, die per Satzung nur Jungs zulässt."

Tradition reicht nicht

Denn das tut der Kreuzchor, der Jungen im Grundschulalter aufnimmt und ihnen im Osten der Stadt eine Elite-Ausbildung zukommen lässt. Dort im Chorbüro sitzt Kreuzkantor Roderich Kreile, seit gut 20 Jahren im diesem Amt. Zuletzt habe es eine konkrete Anfrage eines Mädchens gegeben. Und immer wieder fragten Schwestern von Kruzianern an, ob sie auch mitsingen könnten. Ihnen müssten sie absagen – denn der Kreuzchor als Knabenchor stehe nun einmal nur Jungen offen, sagt Kreile, der die Argumente in dieser Diskussion sorgfältig abwägt.

"Wobei ich in dem Zusammenhang mit dieser Diskussion immer wieder sagen kann, sich auf die Tradition zu berufen, trägt nicht weit genug. Man muss heutzutage, wenn man erklären will, warum es Knabenchöre gibt, noch andere Dinge heranziehen."

Er wolle unbedingt an Knabenchören festhalten, sagt Kreile. In gemischten Chören seien Jungs häufig deutlich in der Unterzahl, in reinen Jungenchören aber ließe sich ihr Potenzial besser fördern. Für Mädchen wiederum gebe es auch exzellente Mädchenchöre. Und natürlich sei die Knabenstimme ein Faszinosum, gerade weil sie nach dem Stimmbruch verloren gehe.

Physiologisch mag es Unterschiede geben, man sagt der Knabenstimme nach, sie sei durchschlagskräftiger, überhaupt eben stärker, klar und rein. Kreile: "Man sagt der Mädchenstimme nach, sie sei etwas verhauchter und etwas weicher und eben nicht so kräftig. Nun, auch da gibt es natürlich statistische Aussagen und Schnittmengen. Wenn man diesen Kriterien, so wie ich sie jetzt pauschal gesagt habe, folgt, dann gibt es natürlich auch Jungs, die sich danach eher wie Mädchen anhören und auch Mädchen, die sich mehr wie Jungs anhören."

Die Verfassung singt mit

Klingen Jungen wirklich anders als Mädchen? Alles eine Frage des Trainings und der Ausrichtung, sagte zuletzt etwa der Leiter des Essener Mädchenchores Raimund Wippermann dem WDR. Und keine Frage des Geschlechts. Schließlich klinge auch schon ein Knabenchor nicht wie der andere.

"Man muss schon sehr lange suchen, um überhaupt noch einen Praktiker zu finden, also einen Chorleiter, der diese These vertritt, dass es einen fundamentalen Klangunterschied zwischen Mädchen- und Jungenstimmen vor dem Stimmbruch gebe.

sagt Susann Bräcklein, Anwältin aus Berlin. Sie fordert, dass Mädchen ganz selbstverständlich auch in Knabenchören singen dürfen und hat vor einigen Monaten eine Debatte darüber angestoßen. Sie drängt auf ein Ende der, wie sie sagt, verfassungswidrigen Diskriminierung von Mädchen aufgrund ihres Geschlechts. Juristisch sei der Fall eindeutig, sagt Bräcklein.

"Beim Kreuzchor, oder beim Thomanerchor handelt es sich ja um staatliche Einrichtungen, sogenannte Regiebetriebe, die nicht unerheblich durch gemeinnützige Stiftungen gefördert werden. Und von dieser Förderung, von der musikalischen Ausbildung werden ja Mädchen nicht mangels Begabung oder mangels Eignung ausgeschlossen sondern allein wegen ihres Geschlechts. Sie sind also im falschen Geschlecht. Und für diese Ungleichbehandlung, sagt die Verfassung, müsste es zwingende Gründe geben, ansonsten handelt es sich um eine verfassungswidrige Diskriminierung."

Thema im Kommunalwahlkampf

"Juristische Aussagen sind sicher stark",

sagt Kreuzkantor Roderich Kreile.

"Aber ob die nun wirklich in vollem Umfang das berücksichtigen, was an dem Gedanken Knabenchor, Mädchenchor, Mädchen im Knabenchören, Knaben in Mädchenchören, was damit zusammenhängt. Knabeninternate an Schulen, Mädchenschulen, wo sich dann auch Jungs einklagen können. Also mmmm, ob man damit auf einer rein juristischen Basis umgehen sollte, das wage ich doch zu bezweifeln."

Im Mai wird in Dresden ein neuer Stadtrat gewählt. Piratenpolitiker Martin Schulte-Wissermann will die Gleichberechtigung im Kreuzchor zum Thema des bald beginnenden Kommunalwahlkampfes machen. Es ist eine Debatte, die in Dresden bisher in der Nische geführt wird. Längst nicht alle Parteien haben öffentlich dazu überhaupt Stellung bezogen. Wenn aber die Politik nicht entscheide, würden dies halt irgendwann die Gerichte tun, sagt Stadtrat Schulte-Wissermann.

"Im Übrigen gehe ich davon aus, dass unser bester Verbündeter irgendein Verwaltungsgericht sein wird, was schlicht und ergreifend die Gemeinnützigkeit entzieht für eine Institution, die nur Jungs zulässt."

"Knabenchöre haben ihre Funktion in der Gesellschaft"

Ein von einem Knabenchor abgelehntes Mädchen könnte sich den gleichberechtigten Zugang vor einem Verwaltungsgericht erklagen. Dies und die damit verbundene Tatsache, möglicherweise erstes und einziges Mädchen in einem Knabenchor zu sein wäre mit einer hohen Belastung verbunden. Diese sollte man vermeiden, darin sind sich alle Beteiligten einig, auch beim Kreuzchor. Sollte aber eine übergeordente Entscheidung seine Institution dazu zwingen, auch Mädchen aufzunehmen, würde er sich dem natürlich nicht verweigern, sagt Kreuzkantor Roderich Kreile:

"Mein Resümee nachdem ich mich ausführlich doch mit der Frage beschäftigt habe: Knabenchöre haben auch heutzutage ihre Funktion in der Gesellschaft. Aber mir ist ganz klar, dass die Ausbildung, die die Jungs hier bekommen, sehr sehr intensiv ist. Und die Frage ist also für mich nicht, ob man jetzt Mädchen hier in den Knabenchor aufnimmt, das hielte ich für einen Irrweg. Sondern die Frage ist, wie schafft man es, dass Mädchen, die das wollen, eine ähnlich intensive Ausbildung erhalten."

Ein gleichberechtigter Mädchen und Knabenchor – das ist das Modell, wie es in vielen Domchören, etwa in Köln oder Essen praktiziert wird. Oder auch in England, wo ein Gericht die Kathedralen zwang, Mädchen in ihren Chören aufzunehmen. Es ist das Modell, für das auch die Piraten im Dresdner Stadtrat streiten. Rechtsanwältin Susann Bräcklein aber will, dass Mädchen und Jungen genau gleich behandelt werden – und auch gemeinsam singen.

"Nur eine Frage der Zeit"

"Wenn alle gleichberechtigt gefördert werden, vielleicht mal getrennt proben, mal gemeinsam auftreten, mal getrennt, dann ist das alles kein Problem. Selbst davon sind ja Kreuzchor und Thomanerchor jahrhunderteweit entfernt. Insofern wäre ein gemischter Chor schon ein Fortschritt. Aber gerade bei den semiprofessionellen Chören habe ich die Befürchtung, wenn Mädchen zwar unter dem Logo oder der Marke Thomaner- oder Kreuzchor mitmachen dürfen, aber institutionell doch wieder getrennt sind, also nicht das gleiche Repertoire singen, nicht die gleichen Konzertreisen machen undsoweiter. Dass hier nur eine formale und keine tatsächliche Gleichbehandlung bewirkt wird."

Genau deshalb fordert Anwältin Bräcklein, müssten sich die Chöre und insbesondere die öffentlichen Träger wandeln.

"Wenn es aber für alle Beteiligten ohnehin nur eine Frage der Zeit ist, dass Mädchen zugelassen werden müssen, warum macht man das nicht gleich konstruktiv und offensiv. Warum sollen die begabten Mädchen nicht jetzt ihr Potenzial entwickeln dürfen?"

Eine Frage, der sich die Verantwortlichen des Kreuzchors vielleicht schon morgen wieder stellen müssen. Beim sogenannten Nachwuchstag sucht der Chor neue Mitsänger.  

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