Donnerstag, 07. Juli 2022

Archiv

Köln: 100 Jahre Theater-Sammlung
Hinter den Kulissen

Die Theaterwissenschaftliche Sammlung der Universität zu Köln beherbergt Bühnenmodelle, Programmhefte, Nachlässe, Fotos und Dokumente. Neben konservatorischen Fragen geht es in der Zukunft um Teilhabe und Dialog mit außereuropäischen Kulturen, sagte Sammlungsleiter Peter Marx im Dlf.

Peter Marx im Gespräch mit Änne Seidel | 30.11.2019

Das Schloss Wahn bei Köln von außen.
Die Räumlichkeiten im Schloss Wahn bei Köln werden u.a. der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Uni Köln zur Verfügung gestellt. (imago images / sepp spiegl)
Bühnenmodelle, Kostüme, Programmhefte und Theaterkritiken aus über 400 Jahren, all das findet sich in der Theaterwissenschaftlichen Sammlung der Universität zu Köln. Das Archiv ist eines der größten dieser Art in Europa und feiert in diesem Jahr sein 100-jähriges Bestehen. Direktor ist der Theaterwissenschaftler Peter Marx. Was gibt es da alles zu entdecken, was sind vielleicht auch die Highlights ihrer Sammlung? "Carl Niessen hat 1919 die Sammlung angelegt als eine Lehrsammlung mit Appetit auf alles, was Theater betrifft", so Sammlungsleiter Peter Marx.
Das theatrale Ereignis konservieren
Das Besondere der Sammlung seien die grafischen und fotografischen Dokumente, über 300.000 Fotgrafien aus der Frühzeit der Fotografie bis in die Gegenwart. Etwa 19.000 Aufführungen seien dokumentiert, angefangen im 18. Jahrhundert bis in die Gegenwart, erklärt Peter Marx. Ein wunderbarer Schatz, um einen Eindruck davon zu bekommen, "was weg ist, wenn wir Theaterhistoriker anfangen, nämlich das theatrale Ereignis selbst." Auf die Frage, wie die durchaus heterogenen Objekte archiviert werden, sagte Peter Marx: "Was wir sammeln wurde nie dafür gedacht, für die Dauer aufbewahrt zu werden. Gerade Bühenbildmodelle etwa sind Arbeitsmittel im Prozess des Regieführens. Die Materialien, die da verwandt werden, sind nicht auf Dauer angelegt." Daher stellt sich die Frage nach der Konsvervierung und des Platzbedarfs immer neu.
Dialog mit außereuropäischen Kulturen
Zur Frage nach dem NS-Erbe des Gründers Carl Niessen, sagte Marx: "Tatsächlich ist die Sammlung in ihrer Grundanlage unmittelbar auf Niessens Vorstellung von Theater zurückzuführen. Insofern prägt es unsere Tätigkeit bis heute. Carl Niessen stammt aus dem 19.Jahrhundert, 1890 in Köln geboren. Seine Vorstellung von Kultur war zutiefst geprägt von dem Bedürfnis nach einer autochtonen, einer reinen Kultur völkischer Prägung. Das ist eine politische Prämisse, von der wir nicht nur heute Abstand nehmen, die wir ausgesprochen kritisch betrachten. Gleichzeitig ist die Idee, die sich bei Carl Niessen findet, Theater als ein globales Phänomen zu begreifen, ein Thema, was heute natürlich von besonderer Aktualität ist. Das heißt, das was wir in unser Forschungstätigkeit tun, hat eine Doppelgesichtigkeit. Auf der einen Seite eine kritische Auseinandersetzung mit Niessens Tätigkeit, auch mit seinen Vorstellungen und gleichzeitig ein Blick in die Zukunft, wie kann man das so reformulieren, dass es für die nächsten hundert Jahre ein tragfähiges Konzept ist. Das heißt, da wo Niessen globale Prozesse letztlich aus einer kolonial - hegemonialen Perspektive betrachtet hat, setzen wir heute auf Dialog und auf den Versuch tatsächlich uns selbst anzubieten auch als eine internationale Begegnungsstätte und auf diese Weise unser Denken provozieren zu lassen durch auch außereuropäische Kulturen."
In den kommenden Jahrzehznten wird es vermehrt um das Thema Teilhabe gehen und ein Publikum für die Zukunft zu gewinnnen, so Marx weiter. "Wir können uns nicht mehr ausruhen auf bildungsbürgerlichen Vorstellungen von Bedeutsamkeit oder moralischer Institution. Wir müssen uns öffnen für die sich ändernde Gesellschaft und ihre unterschiedlichen Bedürfnisse." Das werde auch die Ästhetik und die Stoffe berühren.