
"Was bleibt von der Freiheit, wenn Mächtige die Welt neu ordnen?" Mit dieser Ausgangsfrage eröffnet Deutschlandfunk-Chefredakteurin Birgit Wentzien die Podiumsdiskussion im bis zur letzten Reihe gefüllten Kammermusiksaal des Kölner Funkhauses. Das Wiedererstarken des Nationalismus und eine Rückkehr zur Machtpolitik, in der immer mehr das Recht des Stärkeren gilt, das dürfte doch Anlass zu Bedenken geben, findet Wentzien.
Doch zunächst ist trotz aller weltweiten Krisen Optimismus in der Diskussionsrunde zu spüren. "Natürlich ist die Freiheit zu retten und sie wird weiterentwickelt werden", ist die frühere Kandidatin für das Amt der Bundespräsidentin und Vorsitzende der SPD-Grundwertekommission, Gesine Schwan, überzeugt. Der Gründer des Mediums "The Pioneer", Gabor Steingart, sieht die freiheitliche Demokratie "nicht in Gefahr, sondern in Gebrauch". Auch er nehme wahr, dass es – etwa in den USA – zunehmend "rüpelhafter" und weniger faktenbasiert werde. Doch das müsse und werde die Demokratie aushalten.

Wallraff: "Trump und Putin – eine ganz bedrohliche Mischung"
Skeptischer ist der Investigativjournalist Günther Wallraff, der international eine deutliche Bedrohung der Freiheit sieht: "Es gibt den Massenmörder Putin und den US-Präsidenten Trump, der aus Infantilismus und Größenwahn agiert. Das ist eine ganz bedrohliche Mischung, der wir trotzen müssen." Die FDP-Politikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger wirft ein, die Bedrohung werde auch nicht vorbei sein, wenn Trump und Putin irgendwann nicht mehr im Amt sein sollten. Es könnte Nachfolger geben, die ebenso radikal agierten. Zudem gebe es in den USA einflussreiche Think Tanks wie die rechte Heritage Foundation, die destruktive Ideen ausarbeiteten und verbreiteten.
Trump als Chance für Europa
Gleichzeitig betont die ehemalige Bundesjustizministerin, sie sehe durch die erneute Präsidentschaft von Donald Trump nicht nur Nachteile für Europa. Es gebe aktuell einen Druck und eine Dynamik in der Politik, wodurch etwa neue Kooperationen bei Rüstungsvorhaben entstanden seien. Die Europäer seien stärker, als sie sich häufig einschätzten, und hätten eine ausreichende Marktmacht, um gegenüber Bedrohungen von außen zu bestehen. Ähnlich sieht es Steingart: "Trump ist für sein Land eine Gefahr, aber für uns Europäer eine Riesenchance, um uns zu finden."
Und selbst der zuvor skeptische Wallraff pflichtet bei, er erkenne eine Wende in der europäischen Politik. Angesichts der immer neuen größenwahnsinnigen Eskapaden Trumps sei nach dem "Kuschelkurs" eine gemeinsame Abwehrhaltung erkennbar: "Das Weckducken wird mehr und mehr überwunden". Parteiübergreifend werde in Europa versucht, Trump Einhalt zu gebieten, etwa in der Frage eines möglichen Kaufs oder einer Annexion von Grönland.

Und auch die freiheitliche Demokratie in den USA sei noch nicht am Ende, meint die Politikwissenschaftlerin Schwan. "Das Land wurde metaphorisch gesehen von einer großen Welle getroffen, doch unter der Wasseroberfläche ist immer noch vieles an Steinen und Pflanzen geblieben." Es gebe weiterhin Gerichte und Unternehmen, die sich nicht korrumpieren ließen, und zudem eine starke Zivilgesellschaft.
Leutheusser-Schnarrenberger lobt Stärkung des Bundesverfassungsgerichts
Und wie steht es um die Freiheit in Deutschland? Sind ähnliche demokratiezersetzende Entwicklungen wie in den USA auch hierzulande denkbar? Leutheusser-Schnarrenberger sieht Deutschland gut gerüstet. Angesichts der Erfahrungen etwa aus Polen und den USA habe die vergangene Bundesregierung bewusst das Bundesverfassungsgericht gestärkt. Dieses sei nun gefestigter gegen Demokratiefeinde. Wallraff ist erneut skeptischer: "Die AfD wird weiter Stimmen gewinnen und bald womöglich das gesamte Land beherrschen. Es braucht daher höchste Alarmbereitschaft." Mit Sorge sehe er auch, dass etwa der Kreml oder die Trump-Regierung die AfD aus eigener Vorteilsnahme unterstützten.
Die Diskussionsteilnehmer plädieren dafür, weiterhin das Gespräch mit AfD-Wählern zu suchen und ihnen ein positives Bild von freiheitlicher Demokratie zu vermitteln. "Nur wenn wir eine große Mehrheit von Leuten gewinnen, die an die Demokratie glauben und diese positiv erleben, haben wir eine Chance", betont Schwan und wirbt dafür, Bürgerinnen und Bürger auf kommunaler Ebene mehr in demokratische Prozesse einzubinden.

Steingart fordert: „Schmutzecken im Internet nicht dulden“
Freiheitseinschränkungen sehen die Diskussionsteilnehmer auch angesichts von Hass und Hetze in den sogenannten Sozialen Medien. Steingart fordert ein hartes Durchgreifen der Politik: "Schmutzecken in asozialen Medien müssen nicht geduldet werden." Ähnlich sieht es Leutheusser-Schnarrenberger. Man dürfe in diesem Zusammenhang auf keinen Fall gegenüber den Tech-Konzernen und der US-Regierung kapitulieren. Europäisches Recht müsse durchsetzt werden, fordert die ehemalige Bundesjustizministerin – und findet Zustimmung in der Runde.

Für Moderatorin Birgit Wentzien, die seit 2012 Chefredakteurin ist, war die Diskussionsrunde die letzte große berufliche Veranstaltung. Sie geht zum Monatsende in den Ruhestand. "Keep on rocking. Bleiben Sie stark!", ist zum Ende der Diskussionsrunde ihr Appell Richtung Publikum.
Die Spezialausgabe des Kölner Forums für Journalismuskritik fand dieses Jahr erneut als Kooperation der Deutschlandfunk-Redaktionen Nachrichten sowie Meinung & Diskurs mit der Initiative Nachrichtenaufklärung statt. Es ist eine Veranstaltung der Deutschlandradio-Denkfabrik. Das Gespräch können Sie heute um 19:15 Uhr im Deutschlandfunk in der Sendung "Zur Diskussion" hören. Die zehnte Ausgabe des Forums für Journalismuskritik ist für Freitag, den 8. Mai 2026 geplant.
