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StartseiteKalenderblattKönigin auf hoher See26.09.2009

Königin auf hoher See

Vor 75 Jahren läuft das größte Passagierschiff der Welt, die "Queen Mary" vom Stapel

Altenglische Gediegenheit an Bord, Rauchsalons und Ballsäle - Die "Queen Mary" war ein luxoriöser Linienkreuzer. Viele Jahre bediente sie die Route Southhampton - New York. Mit auf der Reise war immer eine elfköpfige Kapelle und 2500 Flaschen Whiskey. Später wurde sie als Kriegsschiff für Truppentransporte umgebaut.

Von Mathias Schulenburg

Das Kreuzfahrtschiff Queen Mary 1936 im Dock von Southampton, England (AP Archiv)
Das Kreuzfahrtschiff Queen Mary 1936 im Dock von Southampton, England (AP Archiv)

Als der riesige Linienkreuzer am 26. September 1934 vom Stapel lief, wurde er auf den Namen Queen Mary getauft, angeblich weil König Georg V. die Reederei gebeten hatte, den Namen der größten Königin Englands zu wählen, woraufhin seine Frau Mary befand, das sei ja wohl sie, und sie fühle sich geehrt. Also: Queen Mary.

Obwohl die Innenausstattung des Luxusliners handwerklich zweifellos erstklassig und die künstlerische Mühewaltung erkennbar groß gewesen war, rümpften der Moderne verpflichtete Kritiker die Nasen ob des als ordinär empfundenen imperialen Pomps. Sie ahnten ja nicht, wie sehr sich die Menschen nach den Schlichtheiten des Bauhauses etwas Verzierung wünschen würden – eine Allegorie hier, ein Blumenmotiv dort – die Queen Mary hatte derlei im Überfluss, und den Passagieren gefiel es, denn das Schiff verströmte bei alledem altenglische Gediegenheit.

Und es war – für Wohlbetuchte, nicht für die in den Zwischendecks zusammengedrängten Auswanderer – unfassbar geräumig. Der Hauptspeisesaal war so groß, dass man mühelos die drei Karavellen darin hätte unterbringen können, mit denen Kolumbus Amerika entdeckt hatte. Die Tischdecken hätten ein Fußballfeld ausgelegt. Als Vorrat gebunkert waren: Fünfundsiebzig Ochsen und einhundertzehn Schafe, fünftausend Stück Geflügel, siebentausend Eier, viertausend Austern und zum Wegspülen achtundvierzigtausend Flaschen Mineralwasser und dreitausend Flaschen Tafelwein. Zum Nachtisch rollten die Stewards auf gummibereiften Servierwagen zu Skulpturen geformte Desserts heran, gelagert waren dafür allein neun Tonnen Eiscreme.

Einen Teil des angefressenen Fettes konnten sich die Fahrgäste in einem Festsaal, von elf Musikern befeuert, vom Leibe tanzen.

Der Rauchsalon wird von den Zeitgenossen als schwindelerregend hoch geschildert, immerhin musste er den Qualm von fünfzehntausend eingelagerten Zigarren und einer Million Zigaretten aufnehmen. Für die rechte Stimmung sorgten zweieinhalbtausend Flaschen Whiskey.
Die Schiffsriesen der Zeit boten auch im Hafen etwas fürs Gemüt – eine einzigartige Form des Abschiednehmens: Tausende Menschen auf dem Schiffsdeck, Tausende an der Kaimauer, ein Meer von winkenden Tüchern ... der allmählich breiter werdende dunkle Wasserstreifen vor der Schiffsflanke, wenn Schubschiffe den Riesen aus dem Hafen bugsierten ... die immer winziger werdenden Gesichter, am Ende verblasst, nicht selten für immer ...

Die Queen Mary bediente die klassische Route Southhampton – Cherbourg – New York und wetteiferte mit anderen Schiffen um das sogenannte Blaue Band – eine Auszeichnung für den schnellsten Liner – das sie mal gewann und mal verlor.

Der Luxus fand mit dem Beginn des Zweiten Weltkrieges ein vorläufiges Ende. Als das Schiff im September 1939 New York erreichte, wurde es festgemacht. Ein halbes Jahr später dampfte der Riese nach Sidney und wurde dort zum Truppentransporter umgebaut und grau gestrichen. Fortan fuhren nicht mehr zweitausend Passagiere mit der Queen, sondern zwanzigtausend.

Nach dem Krieg brachte die Queen Mary amerikanische Soldaten aus Europa wieder nach Hause und fand anschließend zu altem Glanz zurück – bis ihr die neuen Düsenflugzeuge die Passagiere abnahmen.

Die letzte Fahrt der Queen Mary führte sie im Oktober 1967 von Southhampton nach Kalifornien, wo sie in der Gemeinde Long Beach als Hotel und Schiffsmuseum endete. Die betagten Freunde der "großen alten Dame" allerdings, wie das Schiff in seiner aktiven Zeit respektvoll genannt wurde, raten von einem Besuch ab – der Glanz ist weg und das tut weh.

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