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Königsklasse mit Beigeschmack

Fast unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit etabliert sich gerade ein neuer europäischer Fußballwettbewerb. Die NextGenSeries, eine Art Champions League mit 16 A-Jugendmannschaften aus ganz Europa. Barcelona, Liverpool, Inter Mailand, Marseille Manchester City und andere Großklubs spielen um den Titel, einziger deutscher Teilnehmer war der VfL Wolfsburg.

Von Daniel Theweleit |
    So präsentiert Manchester City die NextGen-Series auf seiner Hompage. Laut und professionell. Champions League im Miniaturformat. Obwohl der VfL Wolfsburg schon vor dem finalen Vorrundenspieltag ausgeschieden ist, zieht Fabian Wohlgemut, der Nachwuchskoordinator des einzigen deutschen Teilnehmers begeistert Bilanz:

    "Es war für alle eine wunderbare Erfahrung, wir haben in England, in Lissabon, in Norwegen in den Profistadien gespielt. Wir haben an der Anfield Road gespielt, in dem traditionsreichen Stadion. In den anderen Klubs und bei uns waren das Turnier und die Spiele sehr hoch aufgehangen."

    Duelle mit Liverpool, Barcelona oder Inter Mailand, das klingt ein paar Nummern aufregender als A-Jugend-Bundesligapartien gegen Ahlen, Unterhaching, oder Wuppertal. Die Spieler können den Stil der bekanntesten Großklubs und anderer Nationen erleben. Justin Andrews, der den Wettbewerb gemeinsam mit einem Kompagnon ins Leben rief, glaubt an eine große Zukunft der NextGenSeries.

    "Wenn man mit den Klubs spricht, die dabei waren, da findet sich kein Klub, der nicht von der Teilnahme profitierte. Celtic hat vier Nachwuchsleute nach NextGen-Spielen in die erste Mannschaft befördert, ähnlich Sporting Lissabon. Das ist der beste Test, den ein Spieler haben kann. Es geht hier um Ausbildung, Heim- und Auswärtsspiele, die Vorbereitung auf diese Spiele, die Hotels, die Reisen an Orte, wo man noch nie war, diese NexGen-Spiele eignen sich hervorragend, zur Entwicklung der Spieler."

    Eigentlich müsste so ein Wettbewerb auch Matthias Sammer gefallen. Der Sportdirektor des Deutschen Fußball-Bundes predigt, dass große Titel der A-Nationalmannschaft nur von Spielern gewonnen werden, die wie die spanischen Welt- und Europameister schon in der Jugend erfolgreich international unterwegs waren. Zuletzt vertrat Sammer diese These im Sportgespräch des Deutschlandfunks.

    "Die stetige Entwicklung begann in Spanien nicht mit den Titeln 2008 und 2010 sondern Ende der 90er-Jahre mit Nachwuchstiteln im U-Bereich."

    So ein A-Jugend-Champions League-Titel würde da sicher auch nicht schaden. Doch wenn man Sammer auf die NextGenSeries anspricht, reagiert er reserviert. Die Spieler würden überlastet, sagt er, die Reisen seien viel zu weit, die schulische Ausbildung komme zu kurz. Ein gutes Haar lässt er nicht an dem Wettbewerb, und für ein Radiointerview hat er zumindest kurzfristig keine Zeit. NextGen ist ein heikles Thema für die Verbände. Sie fürchten, dass eigene Wettbewerbe wie die A-Jugend-Bundesliga an Bedeutung verlieren. Wobei der Hinweis auf die große Belastung natürlich berechtigt ist.

    Denn auch ohne Europapokalpartien spielen die Spieler in der Bundesliga, in den Nationalmannschaften und oft auch noch in den Auswahlteams der Landesverbände. Hinzu kommt die Schule oder eine Ausbildung, die Absicherung, falls es nichts werden sollte mit der Profikarriere. Mitunter sind die Anforderungen höher als an einen gestandenen Bundesligaprofi. Auf der britischen Insel, wo die NextGen Series erfunden wurde, werden andere Schwerpunkte gesetzt, erzählt Christian Streich, der als Trainer in der erfolgreichen Fußballschule des SC Freiburg arbeitet.

    "U-19 Champions League halte ich nichts von. Ich war in England, den Verein möchte ich nicht nennen, ein großer Verein in der Premier League, und die haben zu uns gesagt: Wie viele Schulstunden haben die Jungs bei Euch, dann habe ich gesagt: Ja, 34 oder 36, wenn sie Abitur machen. Dann hat der gesagt, ja das geht doch gar nicht. Die Jungs in England haben elf Stunden Schule, also zu vernachlässigen. Weil die einfach gesagt haben: Entweder werden die Fußballprofis, oder sie müssen schauen, was sie tun. Ich finde: A-Jugend-Bundesliga reicht."

    Diese Haltung ist weit verbreitet in Deutschland, doch die Anziehungskraft der großen Standorte wie Manchester, Mailand oder Barcelona ist nicht zu unterschätzen. Auch beim FC Bayern wird inzwischen ernsthaft über eine Teilnahme nachgedacht. Der Vorschlag aus München: Die NextGen Serie könnte parallel zu den Länderspielen stattfinden. Dann ergäbe sich keine zusätzliche Belastung für die Nationalspieler, und die anderen könnten auch internationale Erfahrungen sammeln. Das Interesse der Münchner regt sich aber auch, weil der Wettbewerb – entgegen erster Befürchtungen – erstaunlich professionell organisiert war, wie Fabian Wohlgemut erzählt:

    "Es ist ein potenter arabischer Geldgeber. Wir könnten uns vorstellen, dass es eine Art Werbung für die Weltmeisterschaft in zirka zehn Jahren im arabischen Raum ist. Die Reisen wurden für uns geplant und auch bezahlt. Wir mussten nur noch in den Bus, beziehungsweise ins Flugzeug steigen. Die haben wirklich an alles gedacht, an jede Kleinigkeit. Die Mannschaften wurden zusätzlich physiotherapeutisch versorgt. Es war eine Erfahrung, die ich vorher so im Jugendbereich noch nie gemacht habe."

    Wer genau dieser Geldgeber ist und welche Interessen verfolgt ist undurchsichtig, Veranstalter Justin Andrews spricht von einem "Menschenfreund", der gerne "im Hintergrund bleiben" möchte. Doch nicht nur wegen dieses dubiosen Hintermannes ist die weitere Entwicklung der NexGen Series eine ziemlich spannende Angelegenheit.