Archiv


Körnige Klänge einer neuen Generation

Vergangenen Sonntag ging in Frankfurt am Main die Musikmesse zu Ende und damit auch ein für die Aussteller extrem anstrengendes Großereignis. Denn obwohl die Besucher der Produktdemos immer häufiger zu den Kopfhörern greifen, ist die Musikmesse nach wie vor die Lärmmesse Nummer 1. Doch neben Noten, Instrumenten und Schlagern fanden sich auch einige technische Leckerbissen unter den Neuerungen.

    Während in Halle 3 ein fast scheu in einer Ecke musizierendes Pärchen mit einer Interpretation von Mozart die Overtüre zu einer nur spärlich besuchten Podiumsdiskussion über Musikrechte und 100 Jahre GEMA spielte, fanden sich die technischen Innovationen in Halle 5. Dort tummelten sich die Anbieter und ein Heer von Interessierten zwischen Keyboards, Softwareangeboten und sonstiger DJ-Ausrüstung. Vorbei scheinen zumindest hier die Zeiten von Blockflöte und Klampfe. Heute werden kultige E-Gitarren, Schlagzeuge von beliebigen Dimensionen oder auch Quasi-Ahnen wie klassische Synthesizer komplett im heimischen PC gespielt – oder besser bedient. Über Tasten werden im virtuellen Tonstudio elektrische Gitarren gezupft und mit der Maus die Verzerrer gesteuert. Mit "Absynth" stellte die Programmschmiede Native Instruments aus Berlin die zweite Version dieses futuristischen Synthesizers vor. Das virtuelle Instrument wurde zu einem Liebling der DJs, weil man damit so elegant Rhythmen herstellen kann. Absynth 2 beherrscht nun auch Samples und die so genannte "granulare Synthese."

    "Reason 2.5" von der schwedischen Firma Propellerhead ersetzt gleich die gesamte Technik eines professionellen Studios mit all seinen Expandern, Effektgeräten und Mischpulten. Stattdessen werden am Bildschirm die Elemente des virtuellen Effektregals verkabelt. Nachteil dieser Methode: Bald schon verliert der interessierte Laie den Durchblick über die zahlreichen Strippen und Einzelkomponenten. Bei der Demonstration des Programmpakets stand allerdings der neue Vocoder in Reason im Vordergrund. Die Effektgeräte erlauben, auf Tastendruck mit einer Stimme etwa den Klang der Rhythmusgruppe zu manipulieren. Hinter diesem faszinierenden Trick wie auch hinter vielen anderen Softwarepaketen auf der Musikmesse steckt die so genannte "granulare Synthese" von Klängen. Das Verfahren zerlegt Audio-Samples in einzelne Körnchen, auf Englisch Grains, und fügt sie anschließend neu zusammen. So zerlegt und resynthetisiert, lässt sich jedes Sample wunderbar auf Tasten spielen - auch mal mit drei Tasten gleichzeitig Der Computer hat nicht mehr das starre Sample im Speicher, sondern den näherungsweisen Wellensalat, den er beliebig schnell oder langsam wiedergeben kann, bis der Klang zu stehen scheint.

    Bei den PC-Musikprogrammen klingt die Granularsynthese allerdings eher unbeholfen und etwas blechern. Damit es sauber klingt, muss potente Hardware her: Digitale Signalprozessoren, die nichts anderes tun, als Samples in hoher Auflösung zu resynthesieren. Die finden sich denn auch unter den technischen Highlights der Musikmesse. Selten sticht auf einer Musikmesse ein solches Highlight eindeutig heraus. Anders jedoch in diesem Jahr: Der V-Synth von Roland erscheint geradezu bescheiden, ja fast ein wenig schäbig. Doch die Demonstration von Tatsuya Nishiwaki belehrt die Zuschauer schnell eines besseren. Der japanische Musiker drückt nicht einfach Tasten, sondern er führt mit seiner linken Hand ein Balett auf. Der V-Synth schickt zwei Infrarotstrahlen nach oben, die, sobald man die Hand darüber bewegt, den Klang verändern. Und er besitzt links ein Eingabefeld, ähnlich dem Touchpad: Wenn Nishiwaki mit dem Finger darüber scratcht, bleiben Töne mittendrin stehen, laufen zurück und wieder vor. Granularsynthese, ohne dass man's hört und fühlt. Ein völlig neuer, untechnischer, interaktiver Umgang mit Tönen. Für den Chef der Entwicklungsabteilung des V-Synth, Masato Kamikoriyama, ist die Granularsynthese das Thema der Zukunft. Die komplette zeitliche Kontrolle über den Klang. Auf der letzten Musikmesse war die Granularsynthese ein zartes Pflänzchen, diesmal schlägt sie voll durch. Im nächsten Jahr werden wir sie in allen wichtigen neuen Synthesizern und Softwaren vorfinden.

    Das komplette Interview mit dem Chef des V-Synth-Entwicklungsteams, Masato Kamikoriyama, finden Sie auf www.maxschoenherr.de

    [Quelle: Maximilian Schönherr]