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Körpereigene Droge

Medizin. - Hanf als Droge, Therapeutikum - oder beides? In der modernen Medizin werden Aufbereitungen der Hanfpflanze zunehmend eingesetzt. Doch produziert der Körper auch eigene Substanzen, die den Drogen aus der Cannabispflanze wie der Hanf auch genannt wird, ähnlich sind. Wie ein Team von Forschern des Max-Planck-Instituts für Psychiatrie in München, des Uni-Klinikums für Anästhesiologie und vom italienischen "Consiglio Nazionale delle Ricerche" in Neapel jetzt in Versuchen mit Mäusen zeigen konnte, spielen diese körpereigenen Cannabinoide für das Seelenleben eine wichtige Rolle. In der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Nature" berichten von ihren Erkenntnissen, von denen sie sich neue Ansätze bei der Behandlung von Angsterkrankungen versprechen.

08.08.2002
    Von Birgit Fenzel

    Die Blüten oder das Öl der Hanfpflanze - geläufiger als Marihuana und Haschisch - sind schon seit mehr als 5000 Jahren für ihre therapeutische und berauschenden Wirkungen bekannt. An Mäusen konnten jetzt Forscher zeigen, dass diese Wirkstoffe - die so genannten Cannabinoide - auch beim Abklingen von Angstreaktionen eine maßgebliche Rolle spielen. Allerdings mussten die Versuchstiere dabei keine Joints rauchen, wie die Narkosefachärztin Dr. Shanaz Christina Azad vom Uniklinikum in Großhadern versichert:

    Kiffen tun sie nicht. Das ist schwer zu machen.

    Für ihren Versuch brauchten Azad und ihre Kollegen vom Münchner Max-Planck-Institut für Psychiatrie den Mäusen keine Drogen zu verabreichen. Denn auch der Körper selbst produziert Stoffe, die den Wirkstoffen der Cannabispflanze sehr ähnlich sind. Azad:

    Wir wissen ja mittlerweile, dass wir ein richtiges körpereigenes Cannabinoid-System haben, das heißt nicht nur unsere Mäuse haben das. Wir wissen, dass es auch im Menschen vorhanden ist.

    Bei den Tierversuchen ging es den Forschern nun darum heraus zu finden, welche Rolle diese vom Körper selbst produzierten drogenähnlichen Stoffe bei der Bewältigung von Angsterlebnissen spielen. Die Frage war, laut Azad:

    Was passiert mit den körpereigenen Cannabinioden? Wir kennen ja zwei - sowohl im Menschen als auch im Tier. Wir haben die Konzentration der Cannabinoide im Gehirn untersucht und zwar in bestimmten Arealen, von denen wir glauben dass sie besonders wichtig sind für die Konditionierung der Angst. Darunter besonders wichtig: der Mandelkern, die Amygdala.

    Aus Studien mit Menschen ist bekannt, dass der Mandelkern im Gehirn in Angstsituationen aktiviert wird. Die Durchblutung steigt deutlich an. In der Phase des Vergessens erhöht sich die Konzentration der körpereigenen Cannabinoide. Diese Aktivität nimmt jedoch im Normalfall rasch wieder ab. Diese Beobachtung machten auch die Münchner Forscher bei ihren Versuchen mit Mäusen. Azad:

    Wir haben sie in einen Käfig gesetzt. Sie haben dann einen Ton gehört - 80 Dezibel, 9.000 Hertz, über 20 Sekunden und ganz am Ende lief ein Stromimpuls über den Käfigboden, der aus Metall besteht, was sie dazu bringt, dass sie erschrecken.

    Durch den gleichzeitigen Elektroschock verbanden die Tiere das Tonsignal mit Schmerz. Danach genügte schon allein der Ton, um die Tiere vor Schreck erstarren zu lassen. Bei normalen Mäusen verblasste die Erinnerung an das schmerzhafte Erlebnis jedoch nach kurzer Zeit, wenn nur der Ton zu hören war und der Elektroschock ausblieb. Anders verhielt es sich mit speziell gezüchteten Mäusen, deren Gehirn unsensibel für Cannabinoide ist. Sie konnten die Verbindung zwischen Ton und Schmerz offenbar nicht vergessen, denn sie erstarrten jedes Mal vor Angst, sobald sie nur den Ton hörten. Daraus folgern die Forscher, dass die körpereigenen Cannabinoide im Gehirn eine wichtige Rolle beim Vergessen unangenehmer Erlebnisse spielen. Ist dieser Stoffwechsel im Gehirn gestört, können schlechte Erfahrungen nicht vergessen werden. Aus dieser Erkenntnis hoffen Shanaz Christina Azad und ihre Kollegen neue Therapien für die Behandlung von Krankheiten zu entwickeln, bei Angst eine Schlüsselrolle spielt. Azad:

    Was wir uns vorstellen können ist, dass bei bestimmten chronischen Erkrankungen dieses körpereigene Cannabinoid-System gestört ist. Vielleicht ist es so, dass bei chronischem Schmerz, wo Patienten sehr häufig Angst haben. Wir glauben, dass da das körpereigene Cannabinoid-System nicht so richtig funktioniert.

    Allerdings sieht die Forscherin auch in Zukunft nicht den Joint auf Rezept, sondern vielmehr eine neue Generation von Medikamenten oder Techniken, die diese Störung im System reparieren.