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Körpereigene Stammzellquelle

Medizin. - Stammzellen sind wichtiger Hoffnungsträger der medizinischen Forschung. Die viel diskutierten embryonalen Stammzellen gelten als die besten. Jetzt zeigten Forscher aus Tübingen in der Zeitschrift "Nature", dass man vielseitige menschliche Stammzellen auch aus Hoden gewinnen kann.

Von Michael Lange | 09.10.2008

Mit einer langen, dünnen Hohlnadel piekst der Arzt in den Hoden eines Mannes hinein und entnimmt eine Gewebeprobe zur Untersuchung. Zum Beispiel um die Entstehung von Hodenkrebs rechtzeitig zu erkennen. Die Zellen stammen direkt aus dem Gewebe des Mannes, das für die Produktion von Spermien verantwortlich ist. Mit solchen so genannten Biopsien arbeitet das Team um Thomas Skutella vom Institut für Anatomie der Universität Tübingen.

"Das Material muss relativ frisch sein. Sie können nicht mit toten Materialien arbeiten, wie das sonst in der Anatomie üblich ist, sondern, Sie brauchen Gewebe, das in möglichst kurzer Zeit aus dem Operationssaal von der Klinik in das Labor kommt und dann dort weiter bearbeitet wird."

Thomas Skutella braucht die spermienbildenden Zellen im Innern der Hoden. Im Labor gelang es ihm und seinen Mitarbeitern die Zellen zu isolieren, also von anderen Zellen zu trennen, und dann zu vermehren. Die Methodik entspricht der, die Forscher aus Göttingen vor zwei Jahren eingesetzt haben, um vielseitige Stammzellen aus dem Mäusehoden zu gewinnen. Die Zellen teilten sich in der Kulturflüssigkeit im Brutschrank des Labors immer weiter. Sie entwickelten Eigenschaften, die denen embryonaler Stammzellen ähnelten. So bildeten die Zellen so genannte Teratome. Das sind embryonale Tumore, die dann zu unterschiedlichen Geweben heranreifen. Das wichtigste aber: Die Zellen ließen sich gezielt umwandeln in verschiedene Zelltypen. Skutella:

"Wir haben in Zellkultur zeigen können, dass wir aus unseren Zellen Knorpel-, Knochen-, Muskelgewebe und insulinproduzierende Zellen gewinnen konnten. Wir konnten zeigen, dass wir Nervenzellen und Gliazellen herstellen können, und das alles mit Protokollen, die bisher für embryonale Stammzellen verwendet worden sind."

Das bedeutet, die gleiche Kraft zur Erneuerung oder Reparatur von kranken Körpergeweben, die in embryonalen Stammzellen aktiv sind, steckt im Hoden jedes fruchtbaren Mannes. In der Forschung lassen sich die embryonalen Stammzellen jedoch vorerst nicht ersetzen, betont Thomas Skutella.

"Ich würde die Zellen, die wir entdeckt haben, als weitere natürliche, alternative Zellquelle neben den embryonalen Stammzellen platzieren. Und hier wird es zukünftige Forschung bedeuten, um die verschiedenen Verfahren der Aufreinigung, der Differenzierung und so weiter zu verbessern. Aber diese Zellen haben ihren Platz, sie erfüllen diese Eigenschaften der Pluripotenz."

Pluripotente Zellen sind wörtlich übersetzt "Vielkönner-Zellen". Und zu dieser Gruppe gehören nun auch die Zellen aus dem Hoden des Mannes. So wird es vorstellbar, dass kranke Männer in Zukunft mit Zellen aus ihrem eigenen Hoden behandelt werden. Skutella:

"Man würde unter Narkose aus dem Hoden dann ein Gewebestück entnehmen, und aus diesem Gewebestück könnte man dann – wenn man das weiterspinnen würde – diese Stammzellen isolieren. Und aus diesen Stammzellen dann spezielle Zellen produzieren, die man für die Therapie einsetzen würde."

Aus eigenen spermienbildenden Stammzellen könnten zum Beispiel insulinproduzierende Zellen werden, die einem Diabetes-Patienten helfen, so das Zukunftsszenario. Das gilt aber nur für Männer. Im weiblichen Körper gibt es keine vergleichbaren Zellen. Frauen bilden nur wenige Eizellen. Die eizellenbildenden Zellen sind daher als Stammzellenquelle nicht geeignet. Eine zukünftige Stammzellenmedizin mit Hodenzellen wäre eine reine Männer-Medizin.