Archiv


Körpereigener Reparaturkit für das Herz

Medizin. – Vor etwa zwei Jahren spritzten Düsseldorfer Mediziner einem 46jährigen nach dessen Herzinfarkt so genannte adulte Stammzellen in die Blutbahn. Die anpassungsfähigen Zellen, so die Idee, sollten sich im angeschlagenen Herzmuskel ansiedeln und den Gewebedefekt schließen, ohne dass größere Einschränkungen zurückbleiben. Die nötigen Zellen gewannen die Forscher aus dem Knochenmark des Patienten, die daher nicht von dem eigenen Immunsystem angegriffen werden. Bis heute wurden auf diese Weise insgesamt 34 Patienten behandelt und die vorläufige Bilanz der Wissenschaftler fällt positiv aus.

    "Zwei Jahre nach diesen ersten klinischen Versuchen stellt sich die Herzinfarktbehandlung mit eigenen adulten Stammzellen weiterhin als sehr erfolgversprechend dar. In zahlreichen Zentren wurden inzwischen viele Hundert Patienten auf diese Weise behandelt. Im Vordergrund der Beobachtung stand dabei vor allem, ob auffällige Nebenwirkungen auftreten und ob die Muskeldefekte gemindert werden konnten", berichtet Professor Gustav Steinhoff, Direktor der Klinik für Herzchirurgie der Universität Rostock. Die bislang gemachten Erfahrungen sprächen dafür, dass aus diesen Experimenten eine Möglichkeit geschaffen werden könne, mit der das Herz mittels Stammzellen regeneriert werden kann. Bevor die neue Methode aber an Menschen erprobt werden konnte, mussten zahlreiche Versuche im Labor absolviert werden, in denen die grundsätzliche Machbarkeit und Sicherheit erbracht werden musste. Die Kontrolle der Versuche bei Tieren sowie der klinischen Studie erfolge durch Untersuchungen, die prüfen, ob die Stammzellen wirklich neue Gefäße bildeten oder geschädigtes Muskelgewebe ersetzten. "Natürlich kann man am Patienten nicht so umfangreiche Untersuchungen wie an Versuchstieren machen. Daher muss man dabei auch erst lernen, die gemessenen Effekte richtig einzuschätzen. Aber insgesamt konnte bei den Teilnehmern der Studie festgestellt werden, dass sich die Herzfunktion zum Teil dramatisch verbessern kann", so Steinhoff. Bereits konventionelle Tests hätten belegt, dass unter der Therapie einerseits die Durchblutung des Herzens zugenommen habe und andererseits auch ein Neuaufbau der Muskulatur eingetreten sei.

    Doch offenbar sind nicht allein die Stammzellen für diese Wirkungen direkt verantwortlich: "Zwar bilden die Stammzellen selbst auch neue Blutgefäße und erhöhen so die Sauerstoffversorgung des Muskels. Aber wahrscheinlich regen sie das gesamte Gewebe überdies dazu an, Zellen zu vermehren und so eine ebenfalls Regeneration einzuleiten. Wachstumsfaktoren scheinen dabei eine besonders wichtige Rolle zu spielen", konstatiert der Experte aus Rostock. Bislang habe man nur indirekte Untersuchungen am Muskelgewebe durchführen können, da erfreulicherweise keiner der Behandelten bislang eine Transplantation benötigt habe. Von Experimenten aus Frankreich sowie den USA wisse man aber aus Gewebeuntersuchungen nach Transplantationen, dass sich herkömmliche Muskelzellen, die direkt in den Herzmuskel eingespritzt wurden, ebenfalls ansiedelten und neues Gewebe im Herzen aufbauten. Daher sei man zuversichtlich, dass die positiven Effekte der Therapie tatsächlich auf die Stammzellgabe zurückzuführen sei.

    "Dennoch handelt es sich bei der Studie noch nur um eine Vorphase der klinischen Erprobung. Verläuft sie weiterhin so erfolgreich, schließen sich kontrollierte Studien mit Vergleichsgruppen an, bei denen die Auswirkungen und die Sicherheit der Methode eingehend beleuchtet werden", erläutert Gustav Steinhoff. Zwar seien bislang Komplikationen wie Herzrhythmusstörungen oder Entzündungsreaktionen glücklicherweise ausgeblieben, doch völlig auszuschließen seien solche Effekte bislang noch nicht. "Bis die Stammzelltherapie in eine Routineanwendung übergehen kann, werden möglicherweise noch einige Jahre vergehen", dämpft Steinhoff übertriebene Erwartungen.

    [Quelle: Ralf Krauter]