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StartseiteDeutschland heute"Mit besorgten Bürgern hatte das nichts mehr zu tun"10.09.2018

Köthen"Mit besorgten Bürgern hatte das nichts mehr zu tun"

Nach einem tödlichen Streit in Köthen haben sich am Sonntagabend über 2.000 Menschen zu einer Demonstration versammelt - darunter viele Rechtsgerichtete. Der Journalist Marcus Engert sagte im Dlf, es seien "harte rechtsextreme Positionen" vertreten worden.

Marcus Engert im Gespräch mit Peter Sawicki

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Polizisten bei einer Kundgebung in Köthen (picture alliance/dpa / Sebastian Willnow)
Polizisten bei der Kundgebung mit Neonazis in Köthen (picture alliance/dpa / Sebastian Willnow)
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Kundgebung in Köthen "Man hat sich gefragt, warum die Polizei nicht eingeschritten ist"

Anfangs wirkte die Demonstration noch "entspannt und friedlich", sagte Engert. "Man gab sich Mühe, den sogenannten Trauermarsch als solchen aussehen zu lassen". Als dann jedoch Reden gehalten wurden, sei die Stimmung gekippt. Die Lage sei angespannt und aufgeheizt gewesen. "Einige haben nur darauf gewartet, dass es endlich losgeht". 

Es seien "harte rechtsextreme" Positionen vertreten worden. Als Demonstrant müsse man sich den Vorwurf gefallen lassen, die Rechten groß und mächtig aussehen zu lassen.

"Vitalisierend" für die rechte Szene

Engert wurde während der Veranstaltung von Demonstranten angegriffen. In einer ruhigeren Ecke sei er herumgeschubst worden, sein T-Shirt zerrissen. Inzwischen müsse man als Journalist mit solchen Angriffen rechnen, so der Reporter. "Wir wissen, dass so etwas passieren kann". Das Risiko eines Übergriffs sei vor allem dann gegeben, wenn die rechtsextreme Szene, etwa Hooligans oder gewaltbereite Neonazis für die Veranstaltung mobilisiert worden seien.

Engert glaubt, dass die Vorfälle in Chemnitz "vitalisierend" für die rechtsextreme Szene gewirkt haben. "Man hat in Chemnitz gesehen, was man erreichen kann".

Marcus Engert ist Reporter bei BuzzFeed Deutschland.


Das Gespräch in voller Länge:

Peter Sawicki: Marcus Engert wurde während seiner Arbeit körperlich angegriffen, und bei uns ist er jetzt am Telefon. Schönen guten Tag, Herr Engert!

Marcus Engert: Einen schönen guten Tag, hallo!

Sawicki: Wie angespannt ist aus Ihrer Sicht aktuell die Lage in Köthen?

Engert: Wie das heute dort ist, kann ich nicht so genau sagen, weil ich nicht mehr dort bin. Ich kann sagen, dass es gestern eigentlich den ganzen Tag entspannt und friedlich wirkte, man sich große Mühe gegeben hat, den sogenannten Trauermarsch auch als solchen aussehen zu lassen. Dass aber spätestens ab dem Moment, wo Mikrofone und Lautsprecher auf der Straße standen und Reden gehalten wurden, davon keine Rede mehr sein kann. Das war sehr angespannt, das war sehr aufgeheizt, die Menge hat gejohlt, hat gegrölt. Und man hat deutlich gesehen, dass da Leute waren, die drauf gewartet haben, dass es jetzt – in Anführungsstrichen – endlich losgeht.

Sawicki: Wie viele? Können Sie das ein bisschen genauer schildern?

Engert: Ich habe heute in der Pressekonferenz gehört, dass zu dem Zeitpunkt wohl noch 2.000 Leute dort gewesen sein sollen. Das wirkt auf mich ein bisschen viel, aber ich kann es auch nicht genau sagen. Ich kann sagen, es waren sehr viele, und ich würde sagen, es war auf jeden Fall eine vierstellige Zahl an Menschen.

Wer dorte stehe, lasse Rechte "mächtig und groß aussehen"

Sawicki: Also ab einem gewissen Moment ist die Stimmung dann gekippt.

Engert: Sie ist gekippt, kann man so sagen. Man kann auch sagen, sie hat sich dann sozusagen irgendwie entladen. Und das sind dann Menschen, wo man sagen muss, wenn man dort steht und das hört, diese Reden hört, diese Menschen sieht, das Gejohle hört, auch was da gefordert wird, wenn man das alles hört und dann dort stehenbleibt, dann muss man sich die Frage gefallen lassen, für wen steht man hier eigentlich, wem sorgt man sozusagen jetzt dafür, dass er groß und mächtig aussieht. Das waren harte rechtsextreme Positionen, die dort vertreten wurden. Und mit besorgten Bürgern oder Menschen, die einfach ihrer Trauer Ausdruck verleihen wollten, hatte das dann nichts mehr zu tun. Wenn man dann trotzdem dort stehenbleibt, muss man sich den Vorwurf gefallen lassen, dass man Rechtsextremisten auf der Straße mächtig und groß aussehen lässt.

Sawicki: Was haben Sie persönlich da erlebt in Sachen körperlichen Angriffen? Sie haben ja viel auf Twitter darüber gesprochen, ein Foto davon gepostet von den Folgen davon. Wie genau ist das abgelaufen?

Engert: Es war so, dass ich eigentlich schon am Gehen war und mit der Redaktion noch mal kurz gesprochen habe und wir dann dachten, ich schau noch mal hin und schaue, welche Reden sich da jetzt noch anschließen, ob das in Intensität noch zunimmt oder sanfter wird. Bin dann zum Ort des Geschehens zurück, das ist dieser Spielplatz, auf dem das Opfer auch angegriffen wurde. Man muss sich das als eine kleine Kreuzung von zwei Straßen vorstellen, und an einem von diesen Kreuzungsvierteln ist dann der Spielplatz, und im hinteren Bereich, in der hinteren Ecke des Spielplatzes ist es ein bisschen dunkler. Und da sind Hecken und Gebüsche und ein Weg, auf dem man laufen kann, und ich wollte sozusagen abkürzen, weil ich nicht durch die Menge wollte und wurde dann dort in dem Bereich gefasst, geschubst, hin- und hergezogen. Das ging rasend schnell, wenige Sekunden, glaube ich, ich habe das nicht so richtig realisiert in dem Moment, bin dann auch schnell weggerannt. Mein T-Shirt ist zerrissen, das ist aber auch das Schlimmste, was passiert ist. Mir ist das später so richtig bewusst geworden, dass das jetzt sozusagen ein Übergriff war auf mich und auf meine Berichterstattung dort. Ich glaube, man muss mich erkannt haben oder wenigstens erkannt, dass ich zur Berichterstattung dort bin, weil sonst gibt es keine wirkliche Motivation, einen x-beliebigen Menschen dort an der Stelle anzugreifen und wegzuschubsen.

Sawicki: Wie haben Sie sich gefühlt dabei?

Engert: Na ja, der Puls geht hoch, und man ist irritiert und schaut, wo man hinlaufen kann, aber wenn ich jetzt sagen würde, dass es mich komplett aus der Bahn geworfen hätte oder ein Schockzustand, das würde den Punkt auch nicht treffen. Leider, muss man sagen, rechnet man als Berichterstatter inzwischen vor Ort bei solchen Veranstaltungen auch mit Situationen wie diesen. Es ist natürlich immer wieder ein Schock, wenn es dann soweit kommt, und man ist dann auch aufgeregt und nervös, aber wir, die wir jetzt zu sowas hinfahren, wissen, dass das passieren kann und wissen dann, glaube ich, in den meisten Fällen auch, wie wir uns verhalten müssen.

"Habe gestern die Polizei als eher hilfsbereit erlebt"

Sawicki: Wenn Sie sagen, bei Veranstaltungen wie diesen, haben Sie denn da das Gefühl, dass sich der Diskurs insgesamt verschärft, radikalisiert?

Engert: Das ist eine schwierige Frage, weil der liegt ein bisschen zugrunde, dass es sozusagen eine einheitliche Stimmung bei rechtsmotivierten Veranstaltungen gibt, und ich glaube, dem ist nicht so. Dort können ganz normale Bürger stehen, die mit dem System unzufrieden sind und ihrer Ablehnung Ausdruck verschaffen wollen, und ich glaube, die tun einem nichts, außer ein bisschen Gepöbel und Gemotze oder in die Kamera sich stellen. Diese Übergriffe, wir sehen die immer dann, wenn wir vorher sehen, dass die rechtextreme Szene mit mobilisiert, also Kameradschaftsszene, die sogenannten Sportys, also sportlich junge Männer, Neonazi-Szene, Hooligan-Szene. Da gibt es Akteure, die man kennt, die sind auch meistens gar nicht oder sehr oft zumindest, gar nicht in Mitteldeutschland zu Hause. Auch gestern wurde aus dem gesamten Bundesgebiet mobilisiert, und da sind Leute dabei, die man kennt, die vorbestraft sind, unter anderem auch wegen Volksverhetzung, manche auch wegen Körperverletzung. Wenn die mobilisieren und deren Anhängerschaft anreist, dann weiß man sehr genau, dass das passieren kann. Ich bin auch ein-, zweimal gefragt worden, warum ich nicht zur Polizei gegangen bin oder warum die Polizei da nicht einschreitet. Ich weiß, dass es in Chemnitz andere Szenen gab, aber gestern, möchte ich zumindest für meinen Vorfall sagen und für das, was ich erlebt habe, in dem Moment konnte die Polizei nichts tun, weil es zu schnell ging, und ich habe gestern die Polizei auch als eher umsichtig und hilfsbereit erfahren. Ich zumindest.

Sawicki: Nun gibt es seit heute die neue Information, dass einer der beiden Tatverdächtigen offenbar hätte abgeschoben werden können, vor einer Abschiebung offenbar stand. Können Sie nachvollziehen, dass sich darüber Menschen immer mehr aufregen, dass das immer mehr Menschen ärgert?

Engert: Ja, klar. Also wenn wir sagen, man muss sich an Recht und Gesetz halten, dann gilt das logischerweise auch für Ämter und Behörden, glaube ich. In dem konkreten Fall muss man sagen, dass es auf dem Zeitstrahl gar nicht möglich war, glaube ich, denjenigen jetzt eher abzuschieben. Wenn ich es richtig verfolgt habe, hat die Ausländerbehörde zweimal bei der Staatsanwaltschaft nachgefragt. Beim ersten Mal hat die Staatsanwaltschaft gesagt, wir brauchen noch, es wird ermittelt. Ich nehme mal an, um ihn zu vernehmen. Beim zweiten Mal hat die Staatsanwaltschaft dann ihr Einverständnis erklärt zu der Abschiebung, und das war wohl am 6. September. Jetzt wird jeder verstehen, dass binnen drei Tagen aus Köthen kein Abschiebeflug nach Afghanistan geht. Das heißt, ich glaube, dass der Staat seiner Pflicht an der Stelle auch nachkommen muss, aber in diesem konkreten Fall, glaube ich, ist es nicht geeignet, um den Beleg zu führen, dass aus Deutschland schlicht und ergreifend nicht abgeschoben wird. Das kann man für den Fall, glaube ich, in Köthen jetzt so nicht sagen.

"Rechte Szene kann Kampf der Zahlen oder der Bilder gewinnen"

Sawicki: Glauben Sie trotzdem, dass sich Chemnitz, dass sich die Ereignisse in Chemnitz, in Köthen wiederholen könnten demnächst?

Engert: Ich glaube zumindest, dass man in Chemnitz gesehen hat, was man erreichen kann, wenn man sich frühzeitig mobilisiert, auch radikalisiert, wenn man Kräfte bündelt, und wenn man Behörden, Sicherheitsbehörden auch ein Stück weit überrumpelt, und das ist natürlich ein Erlebnis, das auch vitalisierend wirkt auf eine Szene. Auch gestern war es ja so, dass der Gegenprotest ungefähr ein Zehntel der Größe erreicht hat. Und das ist was, was man in Sachsen natürlich mitunter auch anders gesehen hat. Zum Beispiel in Leipzig bei Legida-Demonstrationen, da war der Gegenprotest immer deutlich größer. In Chemnitz hat man gesehen, die rechte Szene kann mobilisieren, kann Leute auf die Straße bringen, kann auch den, wenn man so will, Kampf der Zahlen oder Kampf der Bilder gewinnen, und ich glaube durchaus, dass das was ist, was in dieser Szene und bei diesen Menschen belebend wirkt und was vielleicht auch den einen oder die andere eher motiviert, sich ins Auto zu setzen und dahin zu fahren.

Sawicki: Bei uns heute im Deutschlandfunk der Journalist Marcus Engert vom Online-Magazin "BuzzFeed". Vielen Dank für das Gespräch!

Engert: Danke!

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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