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StartseiteZeitzeugen im GesprächKohls Berater30.12.2010

Kohls Berater

Zeitzeugen im Gespräch: Horst Teltschik

Als enger Berater von Bundeskanzler Helmut Kohl gestaltete Horst Teltschik die Wiedervereinigung mit. Er wechselte nach der Wende in die Wirtschaft, unter anderem als Geschäftsführer der Bertelsmann Stiftung und Deutschlandchef beim Flugzeugbauer Boeing.

Horst Teltschik, ehemaliger Berater Helmut Kohls. (AP Archiv)
Horst Teltschik, ehemaliger Berater Helmut Kohls. (AP Archiv)

Professor Dr. h. c. Horst Teltschik, geboren am 14. Juni 1940 im Nordmährischen Klantendorf, Landkreis Wagstadt, Sudetenland. Nach Flucht und Vertreibung aufgewachsen in Bayern.

Studium der Politikwissenschaft in Berlin, Hochschulassistent. 1972 Referent in der Staatskanzlei Rheinland-Pfalz, 1977 Leiter des Büros des Vorsitzenden der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Von 1982 bis 1990 leitete Horst Teltschik im Bundeskanzleramt die Abteilung für Auswärtige und Innerdeutsche Beziehungen, Entwicklungspolitik und Äußere Sicherheit.

Im Oktober 1983 wurde er zudem stellvertretender Kanzleramtschef. Als nationaler Sicherheitsberater von Bundeskanzler Helmut Kohl war der maßgeblich an der operativen Umsetzung der Deutschen Einheit Ende der 80er-Jahre, Anfang der 90er-Jahre beteiligt.

Nach seinem Ausscheiden aus der Regierungspolitik war Teltschik unter anderem Geschäftsführer der Bertelsmann Stiftung, war im Vorstand der Bayerischen Motorenwerke und Deutschlandchef beim Flugzeugbauer Boeing. Von 1999 bis 2008 leitete er die Münchener Konferenz für Sicherheitspolitik. Horst Teltschik ist seit 1967 verheiratet und hat zwei Kinder.


Horst Teltschik: "Was ich während meines Studiums nie verstehen konnte, ist, dass auf dem Höhepunkt der Kulturrevolution in China da Studenten auf dem Ku'damm marschiert sind mit der roten Mao-Bibel, mit Mao- und Ho-Chi-Minh-Rufen - in einer Zeit, wo in der Volksrepublik China nach offizieller Erklärung der chinesischen Führung heute 40 Millionen Chinesen ermordet wurden."

Christliche Orientierung und Immunität gegenüber totalitären Ideologien von links und rechts

Stephan Detjen: Herr Teltschik, lassen wir uns zu Beginn des Gesprächs in das Jahr 1968 zurückgehen, nach Berlin, an das Otto-Suhr-Institut für politische Wissenschaften der Freien Universität. Ein aufgewühltes Jahr: Rudi Dutschke bewegte die Studenten, es gab Sit-ins, es gab Studentenproteste. Da waren Sie als ein Arbeitersohn aus Bayern nach Berlin gekommen.

Der normale Verlauf wäre gewesen, sie wären da mittendrin gewesen. Sie waren aber ganz woanders: Sie waren in der Leitung des RCDS, der Christlich-Demokratischen Studentenorganisation, als ein - zunächst - Student dann Assistent bei Richard Löwenthal, einem sozialdemokratischen Politikwissenschaftler. Was ist da anders oder schiefgelaufen bei Ihnen?

Teltschik: Bei mir ist überhaupt nichts schiefgelaufen. Erstens, ich komme ja aus dem tiefen Oberbayern, aus dem Tegernseer Tal und bin nach meiner Wehrpflichtzeit nach Berlin zum Studium gegangen, weil Sie Politikwissenschaft mit Abschluss zur damaligen Zeit nur in Berlin machen konnten.

Außerdem: Am Otto-Suhr-Institut waren damals mit Abstand die besten Wissenschaftler. Ich habe aber schon als Schüler mich mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Ich war ja damals führend tätig in der katholischen Jugend. Ich habe gleichzeitig als Flüchtling mich in der Jungen Aktion - das war eine Flüchtlingsorganisation, katholische Flüchtlingsorganisation der Sudetendeutschen -, habe ich mich sehr früh mit Marxismus-Leninismus auseinandergesetzt.

Als ich bei der Bundeswehr war, habe ich Politikunterricht gemacht, den keiner machen wollte, und habe das Dritte Reich als Thema genommen.

Jetzt kam ich nach Berlin und erlebte mit den linken Studenten, dass sie nun plötzlich den Vorwurf erhoben, dass sich niemand in Deutschland mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hätte und zweitens waren sie sprachlos gegenüber Mauer, Stacheldraht, denn ich kam 1962 nach Berlin, da war grad die Mauer errichtet worden. Und was ich während meines Studiums nie verstehen konnte, ist, dass auf dem Höhepunkt der Kulturrevolution in China da Studenten auf dem Ku'damm marschiert sind mit der roten Mao-Bibel, mit Mao- und Ho-Chi-Minh-Rufen - in einer Zeit, wo in der Volksrepublik China nach offizieller Erklärung der chinesischen Führung heute 40 Millionen Chinesen ermordet wurden. Das habe ich nicht verstanden. Also, dass ich Linker sein sollte angesichts solcher Begebenheiten, das konnte, wollte ich mir nicht antun.

Detjen: Politische Orientierungen hatten ja damals auch was mit Leitbildern zu tun. Viele Ihrer Generationsgenossen haben sich an Willy Brandt orientiert. Willy Brandt war eine Figur, die viele damals in die SPD gezogen hat. Gab es für Sie auch solche Orientierungsfiguren, politische Vorbilder?

Teltschik: Also, zu meiner Zeit hatte Willy Brandt als regierender Bürgermeister den Beinamen Cognac-Willy, Weinbrand-Willy. Ich glaube, dass Willy Brandt zu einer Leitfigur erst wurde, als er in der Bundesregierung war, als Außenminister, später vor allem als Bundeskanzler, als er die Ostpolitik begann mit den Ostverträgen. Ich glaube, zu diesem Augenblick, als er Bundeskanzler wurde und die berühmte Aussage traf: "Wir müssen mehr Demokratie wagen!"

In Berlin war er zu meiner Zeit keine Leitfigur, im Gegenteil. Die meisten haben sich über ihn damals eher lustig gemacht.

Detjen: Dennoch: Aber als Willy Brandt dann zur Leitfigur geworden ist, da hatten Sie dann schon eine andere, nämlich Helmut Kohl.

Teltschik: Helmut Kohl war keine Leitfigur im klassischen Sinne. Mir war Helmut Kohl bekannt durch meine Tätigkeit im Ring Christlich-Demokratischer Studenten. Nein, Vorbilder in der Politik in dem Sinne gab es für mich eigentlich gar nicht.

Für mich waren eher meine Eltern, mein ältester Bruder Vorbilder: mein Vater, der Soldat in zwei Weltkriegen war, 14 Jahre seines Lebens im Krieg, zweimal in Sibirien in Gefangenschaft und trotzdem nie aufgegeben hat; mein ältester Bruder, der ein Studium gemacht hat - es gab keinen Job, dann hat er einen Job angenommen, der völlig andere Inhalte hatte, als das, was er gelernt hatte. Aber er hat es nachts nachgeholt, nicht. Also einfach diese Kraft, nie aufzugeben. Und meine Mutter - mit vier Jungs und einem Vater in Gefangenschaft -, die dann Heimarbeit gemacht hat bis spät in der Nacht, um uns am Überleben zu halten.

Das waren meine Vorbilder. Aber nicht weder Konrad Adenauer oder Willy Brandt oder Helmut Kohl. Heute würde ich sagen, Konrad Adenauer ist sicher eine Leitfigur, Helmut Kohl wurde für mich dann in bestimmten Phasen zu einem wirklich spannenden Spitzenpolitiker.

Detjen: Wie haben Sie ihn am Anfang erlebt? 1972 kamen Sie zu ihm dann in die Staatskanzlei nach Rheinland-Pfalz. Da war das Bild von ihm ja vielschichtig, ambivalent. Er galt als Modernisierer in der CDU, als eine junge Reformkraft in der Partei, später dann als Kanzlerkandidat ist er gleichzeitig abgestempelt worden als provinzieller Kopf. Der kann es nicht, sagte Strauß. Wie haben Sie Kohl gesehen?

Teltschik: Ja, Kohl war - für meine Generation damals, Anfang der 70er-Jahre - schon eine politische Persönlichkeit, die wir für interessant empfanden. Er hatte ein Spitzenkabinett in Rheinland-Pfalz, die Namen sind ja bekannt: Geißler, Vogel. Er holte Leute wie Biedenkopf, Weizsäcker in die Politik. Er hatte da ... Er galt als ein Ministerpräsident, der deutschlandweit das beste Kabinett hatte. Er hat in Rheinland-Pfalz Strukturreformen durchgeführt, eine Verwaltungsreform, eine Schulreform, gegen erhebliche Widerstände.

Und wir hatten in der CDU ja lange nach Adenauer dann Ludwig Erhard, der leider sehr schnell gescheitert ist, dann Rainer Barzel, hochintelligent - aber für uns war das ein Politiker, der nicht inhaltlich greifbar war. Für mich war er ein Politiker, der die Begabung hatte, zu dem gleichen Thema sehr überzeugend unterschiedliche Positionen zu vertreten.

Teltschik: "Wenn es Konflikte gab, wie SDI, dann lag es zum Teil aus den innenpolitischen Auseinandersetzungen. Die FDP ist immer der kleinere Partner. Die FDP muss immer dafür sorgen, im Gespräch zu sein und sich vom großen Partner abzugrenzen."

Sicherheitsberater im Kanzleramt und Reibungspunkte mit dem Außenminister

Detjen: Als es 1982 dann zum Regierungswechsel in Bonn kam, sind Sie mit Kohl nach Bonn gegangen als Abteilungsleiter Außen- und Sicherheitspolitik im Kanzleramt. Sie haben dort eine zunehmend zentrale Rolle gespielt. Da entwickelte sich so etwas wie eine Neben- oder Hauptaußenpolitik auch mit Spannungen ins Auswärtige Amt, dann namentlich zu Bundesaußenminister Genscher.

Teltschik: Ja, das ist bedingt durch mehrere Faktoren. Erstens habe ich von Anfang an gesagt: Ich arbeite für den Bundeskanzler und der ist Vorsitzender der CDU, und ich arbeite nicht für den Außenminister, der ist Vorsitzender der FDP. Also von daher habe ich einen anderen Schwerpunkt gesetzt als alle meine Vorgänger.

Alle meine Vorgänger waren Berufsdiplomaten und ich war der erste Nicht-Diplomat. Ich habe deshalb verstanden, dass Genscher nicht glücklich war, dass ich diese Position bekommen habe, denn er hat damit eine Schlüsselfigur und damit maßgeblichen Einfluss auf das Kanzleramt verloren. Dass er darüber nicht glücklich war, das versteht ja jeder.

Ich hatte übrigens mit Genscher vorher einen sehr guten Kontakt, weil: Die Beziehung Helmut Kohl zur FDP zu Genscher, Mischnick und anderen war über Jahre immer gut und er hat sie ja systematisch gepflegt, weil er immer sagte: Ohne FDP wird die CDU keine Mehrheit bekommen. Der "Konflikt", in Anführungszeichen, wenn Sie so wollen, ergab sich dadurch, dass inhaltliche Papiere vom Auswärtigen Amt für den Bundeskanzler vorbereitet wurden. Und wenn sie vom Außenminister abgezeichnet waren, gingen sie unverändert an den Bundeskanzler.

Tja, das habe ich abgestellt, weil ich sagte: Meinen Job verstehe ich nicht so, dass ich einfach nur durchreiche. Dann braucht man keinen Abteilungsleiter und keine Abteilung. Dann kann man das ja direkt tun.

Wir hatten im Auftrag des Bundeskanzlers das Auswärtige Amt gebeten - und das ist der erste Konflikt gewesen -, einen Briefentwurf vorzubereiten an den damaligen sowjetischen Generalsekretär Andropow, und zwar unter dem Gesichtspunkt: Helmut Kohl ist neuer Bundeskanzler. Er schreibt einen Brief, in dem er erklärt, wie er die Beziehungen zur Sowjetunion entwickeln will. Und es kam ein Briefentwurf - abgezeichnet vom Außenminister - zu mir und ich las ihn und fand ihn, offen gesagt, für banal, ohne wesentliche Substanz, so nach dem Motto: Es geht alles wie bisher weiter.

Und aber meine Mitarbeiter sagten: Um Gottes willen, Herr Teltschik, der muss so an den Kanzler weitergeleitet werden. Dann habe ich mir den zuständigen Referatsleiter unter vier Augen geholt und habe ihn gefragt: Finden Sie diesen Brief gut? Dann sagte er: Nein. Dann habe ich gesagt: Dann ändern wir ihn.

Detjen: Das lässt ein Außenminister ungern mit sich machen.

Teltschik: Ich habe aber beide Fassungen dem Bundeskanzler vorgelegt und gesagt, welcher Entwurf von wem ist, und er hat den von mir akzeptiert. Und er ging natürlich wieder ans Auswärtige Amt zurück, weil er über das Auswärtige Amt nach Moskau ging, und da war natürlich der Konflikt angelegt.

Detjen: Es gab natürlich auch Konflikte in der Sache, in zentralen Politikfeldern. Es war eine Zeit, wo sich ja dann auch mit der Machtübernahme von Gorbatschow in Moskau ein Wandel im Verhältnis der großen Machtblöcke abzeichnete. In den USA betrieb Ronald Reagan sein Star-Wars-Programm, SDI. Da gab es Uneinigkeiten zwischen Kanzleramt und Außenministerium, auch über die künftige außenpolitische Rolle der Bundesrepublik. Sie haben damals für Kontroversen gesorgt mit Äußerungen zu einem stärkeren Engagement Deutschlands, auch militärisch. Welche Konfliktlinien haben sich da für Sie abgezeichnet?

Teltschik: 90 Prozent der politischen Themen, die ich in acht Jahren im Bundeskanzleramt zu behandeln hatte, in 90 Prozent dieser Themen war ich mir mit Genscher völlig einig. Übrigens war ich Genscher dankbar. Der hat ja nicht öffentlich über mich gesprochen, er hat über mich sprechen lassen, dass da so ein Laienschauspieler im Bundeskanzleramt sei.

Ich habe oft erlebt, dass ich bei interministeriellen Gesprächen, bei denen Kollegen des Auswärtigen Amtes dabei waren, diese mir gesagt haben: Das macht der Minister nie. Damals sagten sie: "der Dicke" oder "der mit den großen Ohren". Sie meinten Genscher, der würde dem nie zustimmen, und wenn ich dann zu Genscher kam und ihm das erläuterte, hat er gesagt: Selbstverständlich, Sie haben Recht, wir machen das so. Also, ich habe oft erlebt, einen vorauseilenden Gehorsam von Mitarbeitern im Auswärtigen Amt. In der Sache waren wir uns viel öfters einig.

Wenn es Konflikte gab, wie SDI, dann lag es zum Teil an innenpolitischen Auseinandersetzungen. Die FDP ist immer der kleinere Partner, die FPD muss immer dafür sorgen, im Gespräch zu sein und sich vom großen Partner abzugrenzen. SDI, hatte ich den Auftrag des Kabinetts, eine Kommission, interministerielle Kommission zu leiten, zwei Mal Delegationsreisen in die USA zu organisieren und zu leiten. Und dann haben wir eine Beurteilung geschrieben: einstimmig, auch mit den Kollegen des Auswärtigen Amtes, einstimmig streng geheim eingestuft. Sie ist nie bekannt geworden. Ich habe gesagt, sie ist deshalb nie bekannt geworden, weil sie zu gut war und weil alle Beamten - und das waren Abteilungsleiter, nicht irgendwelche kleineren Beamten - aller Ministerien zugestimmt hatten.

Bei dieser SDI-Studie ging es nicht darum, ob wir uns beteiligen oder nicht, sondern das Ergebnis war: Hier werden Milliarden an Subventionen in Grundlagenforschung und angewandte Forschung in USA eingesetzt und es muss unser Interesse sein, bei solchen Forschungen einbezogen zu sein. Und im Übrigen: Politisch habe ich sogar recht behalten. Gorbatschow hat mehrfach gesagt - Schewardnadse hat das noch letzten Herbst in einem Interview in einem deutschen Magazin gesagt: SDI war einer der Gründe, warum das sowjetische Politbüro entschieden hat, sie müssen den Kurs ändern, weil sie ein neues Wettrüsten mit den USA sich nicht mehr leisten können.

Detjen: Das heißt rückblickend: Reagan hat tatsächlich die Sowjetunion ökonomisch zugrunde gerüstet?

Teltschik: Nein, es gab ja zwei Entscheidungen: der Doppelbeschluss der NATO, das heißt, die Sowjetunion konnte ihre Aufrüstung trotz der Entspannungspolitik von Willy Brandt nicht einseitig durchsetzen, weil die Antwort von Helmut Schmidt war: Entweder rüstet ihr diese Raketen wieder ab, oder wir stellen ein Gleichgewicht her. Diese Entscheidung plus SDI, die Ankündigung, ist ja nicht durchgeführt worden, die Ankündigungen, dass der Westen an dieser Priorität weiterhin festhält, dies war entscheidend für einen Kurswechsel in Moskau.

Teltschik: "Und mir war völlig klar, dass sich daraus zwei wichtige Schlussfolgerungen ergeben, nämlich, dass Gorbatschow Wort hält, dass er sich nicht mehr in die inneren Angelegenheiten seiner Bündnispartner einmischt."

Verhandlungen mit den Ostblockstaaten und der Gorbatschow-Faktor

Detjen: Sie sind Anfang 1989 von Helmut Kohl zum Beauftragten für deutsch-polnische Beziehungen ernannt worden. Ab wann ist Ihnen eigentlich klar gewesen, dass Sie da in eine Zeit eines welthistorischen Umbruchs hineingeraten?

Teltschik: Also, an diesem Beispiel kann ich Ihnen belegen, dass Konflikte mit dem Außenminister nicht immer von mir zu verantworten waren, nicht. Denn der polnische Ministerpräsident Rakowski war im Januar 1989 zum Bundeskanzler gekommen und hat gesagt: Wir haben Verhandlungen zwischen beiden Außenministerien über eine gemeinsame Erklärung mit dem Ziel, die deutsch-polnische Beziehung auf eine neue Grundlage zu stellen, aber wir müssen so schwierige Themen besprechen, dass er vorschlägt, es über persönliche Beauftragte zu machen und nicht über die Außenministerien.

Und der Bundeskanzler hat mich dann zum persönlichen Beauftragten ernannt, und nach dem Gespräch habe ich ihm gesagt: Jetzt rufen Sie bitte den Außenminister an und sagen Sie ihm das. Und dann hat er zu mir gesagt: Ich denke nicht dran, warum sollte ich das? Er hatte sich vorher gerade anscheinend über Genscher geärgert. Also, er hat ihn nicht unterrichtet und Genscher hat es aus der Zeitung erfahren. Aber ich habe die Prügel bekommen. Nun gut, ist ja auch leichter, mich zu prügeln als den Bundeskanzler.

Thema zwei: Ich habe seit Mitte der 80er-Jahre, konkret seit 1984, viele vertrauliche Gespräche im Auftrag des Bundeskanzlers mit der jeweiligen ungarischen Führung geführt und wir haben die Reformpolitik Ungarns von der ersten bis zur letzten Minute politisch, finanziell, wirtschaftlich unterstützt.

Ab 1989 dann die Verhandlungen mit Polen, die ich geleitet habe und die Transformation von Rakowski, dem letzten kommunistischen Partei- und Regierungschef, zu Mazowiecki hautnah erlebt. Und mir war völlig klar, dass sich daraus zwei wichtige Schlussfolgerungen ergeben, nämlich dass Gorbatschow Wort hält, dass er sich nicht mehr in die inneren Angelegenheiten seiner Bündnispartner einmischt. Er hat dem Wechsel in Polen nicht nur zugesehen, er hat es akzeptiert, genauso in Ungarn, ohne dass interveniert wurde, weder politisch noch militärisch.

Von daher hatten wir ein Vertrauen, als es in der DDR losging, dass es auch dort wahrscheinlich gut gehen wird, wenn sich Veränderungen abzeichnen. Das heißt, das waren für uns wichtige Signale. Und dann kam ja die Politik von Glasnost und Perestroika aus Moskau dazu. Wir hatten ja 1989 Gorbatschow in Bonn, auch die Unterschrift und eine gemeinsame Erklärung, und in dieser gemeinsamen Erklärung hat die sowjetische Führung zum ersten Mal in der Geschichte den Begriffen "Selbstbestimmungsrecht der Völker" zugestimmt - steht zweimal in der Erklärung drin.

Das heißt, wir haben eine Fülle von Signalen bekommen, die deutlich gemacht haben: Hier verändert sich was. Und das haben wir strategisch versucht zu unterstützen, weil wir damit den Druck auf die DDR erhöhen wollten.

Teltschik: "Ich muss Ihnen sagen: Die Tatsache, dass meine Familie seit dem 14. Jahrhundert in Mähren gelebt hat und ich dort ja auch noch geboren bin, hat mir emotional eine größere Nähe zu Mittel- und Osteuropa vermittelt."

Der Fall der Mauer und erste Schritte in Richtung Wiedervereinigung Deutschlands

Detjen: Können Sie sich erinnern, wann Ihnen zum ersten Male der Gedanke gekommen ist: Das ist ein Prozess, der führt zum Ende der DDR und dann möglicherweise sogar zur Wiedervereinigung?

Teltschik: Ich habe in der ersten Juliwoche 1989 im "Bonner Generalanzeiger" ein Interview gegeben und habe gesagt: Die deutsche Frage wird wieder auf der Tagesordnung der internationalen Politik stehen. Daraufhin bin ich von der Opposition und auch von der FDP zur Entlassung aufgefordert worden. Der Bundeskanzler hat mich angebrüllt: Warum sagen Sie das? Und ich habe ihm gesagt, weil es richtig ist. Und er hat mich aber trotzdem gezwungen, für den nächsten Tag eine Erklärung abzugeben, wo ich das ein bisschen wieder, na ja, also, eingepackt habe, nicht mehr so deutlich.

Aber für mich war im Sommer 1989 klar, dass sich was verändern wird in der DDR, denn entweder würde die DDR auch mit Reformen beginnen - das wird sie nicht überleben - oder sie verweigert Reformen. Dann isolieren sie sich und das werden sie auch nicht überleben. Das war offensichtlich.

Detjen: Dann gab des den 9. November 1989, den Fall der Mauer - und ausgerechnet da waren Sie mit Helmut Kohl nicht in Deutschland, sondern in Warschau.

Teltschik: Ja, wenn wir natürlich gewusst hätten, dass an dem Tag die Mauer geöffnet würde, wäre der Bundeskanzler natürlich nicht nach Warschau gereist, aber Sie wissen: Ziel war die erste Begegnung des Bundeskanzlers mit dem demokratisch gewählten polnischen Regierungschef mit dem Ziel, eine gemeinsame Erklärung zu unterzeichnen, die wir über Monate ausgehandelt hatten. Es war ein Schlüsselbesuch.

Wir hatten noch am späten Nachmittag ein Gespräch der Bundeskanzler mit Walesa, dem Solidarnosc-Chef, und der hatte noch dem Bundeskanzler gesagt: Hören Sie mal: Alles, was sich jetzt in der DDR abspielt, das wird zur Wiedervereinigung führen, und dann sind wir Polen wieder die Betroffenen, denn wir rücken damit wieder in die zweite Reihe.

Helmut Kohl hat das sich angehört, aber sicherlich nicht mit der Überzeugung: Der hat recht. Und nach dem Gespräch bekam er erste Hinweise, dass sich in Berlin was abspielt. Das Problem war: Wie erfahren wir etwas? Weil: Sie konnten damals aus Warschauer Paktstaaten, also auch aus Warschau heraus, nicht einfach in Bonn anrufen. Wir hatten ein Standgerät dabei, einen Holzkasten mit einer Kurbel, dann mussten wir kurbeln, um eine Standleitung zum Lagezentrum im Bundeskanzleramt zu bekommen. Und dort hat man uns dann weiter verbunden. Und da haben wir gehört, dass der Bundestag stehend die Nationalhymne gesungen habe und dass sich in Berlin etwas abzeichne.

Aber es war noch nicht so konkret, vor 20 Uhr, dass die Menschen schon rübergekommen sind. Also, um 20 Uhr war das offizielle Abendessen mit dem polnischen Regierungschef, und während des Essens wurde ich immer wieder hinausgerufen von Journalisten, die sagten: Was sagt denn der Bundeskanzler zu den Ereignissen in Berlin? Als wir dann die Information bekommen hatten, dass die Grenze offen war, war klar, dass er die Reise abbrechen müsse.

Detjen: Sie haben das eben erwähnt: Sie stammen aus einer Vertriebenenfamilie. Ihre väterliche Familie kommt aus dem Mährischen, das heißt, es war ja klar: Das ist nicht der Wiedergewinn einer Heimat für die Familie, die Wiedervereinigung.

Was hat das für Sie emotional bedeutet, dieses Thema Deutsche Einheit, als jemand, der ein dezidierter Außenpolitiker gewesen ist und dann zum Deutschlandpolitiker, zum Mitgestalter der Deutschen Einheit an der Seite von Kohl wurde?

Teltschik: Ich muss Ihnen sagen, die Tatsache, dass meine Familie seit dem 14. Jahrhundert in Mähren gelebt hat und ich dort ja auch noch geboren bin, hat mir emotional eine größere Nähe zu Mittel- und Osteuropa vermittelt. Und ich habe ja nicht nur mit den Polen verhandelt, mit den Ungarn, ich war in Prag, mit Adamec, dem letzten kommunistischen Regierungschef, verhandelt, ich habe mit Schiwkow für Bulgarien Geheimgespräche gehabt und ich habe mir immer gedacht: Das ist irgendwo Schicksal, dass ausgerechnet ein Mann meiner Geschichte jetzt mit diesen Führungen redet.

Zum Beispiel mein polnischer Verhandlungspartner, der erste, den ich hatte, der ist 50 Kilometer nördlich von meinem Geburtsort geboren, nur auf polnischer Seite, in Ratibor. Und ich bin in Neutitschein, also, das sind etwa 50 Kilometer auseinander. Ich habe ihm auch gesagt: Das Schicksal führt uns zusammen, dass Sie und ich jetzt an einem Tisch sitzen und Verhandlungen führen.

Von daher fand ich das schon historisch und sensationell, dass sich hier plötzlich alles zu verändern begann, und als die Mauer aufging, muss ich Ihnen sagen, dachte ich sofort an Freunde in Ostberlin, in der DDR, die ich seit meiner Schülerzeit begleitet habe. Als Student haben wir uns oft getroffen, als ich im Kanzleramt war, ging das nicht mehr. Das waren Gleichaltrige, die mit mir als Jugendliche praktisch auf der anderen Seite gelebt haben und älter geworden sind wie ich. Und ich dachte mir: Endlich brauchen wir im Tränenpalast in Ostberlin nicht mehr tränenreich Abschied nehmen, sondern endlich sind sie frei. Das war schon sehr bewegend.

Teltschik: "Gorbatschow hat mir mal gesagt, wenn er nicht das Vertrauen in Helmut Kohl gehabt hätte und in George Bush, den amerikanischen Präsidenten, wäre vieles nichts so gelaufen."

Persönliche Beziehungen auf höchsten Ebenen: Geschichtskenntnisse, Politik und Vertrauen

Detjen: Herr Teltschik, wenn man die Erinnerungen, die Memoiren der Akteure der damaligen Zeit liest, dann spielt diese ganz persönliche Ebene in den Gesprächen, die dort wiedergegeben werden, immer eine ganz besondere Rolle. Kohl / Mitterand, Kohl / Gorbatschow im Juli1990, dann bei ihren wichtigen Gesprächen in Moskau und im Kaukasus. Da wurde über Familiengeschichten gesprochen und Kindheitserinnerungen wurden ausgetauscht, über Religion wurde gesprochen. Was hat das für den Lauf der Ereignisse damals bedeutet?

Teltschik: Ich halte das für einen sehr wichtigen Punkt und ich habe das für eine Begabung gehalten, sowohl von Helmut Kohl wie von Persönlichkeiten wie Gorbatschow oder Mitterand, nicht nur auf dem Hintergrund ihrer eigenen Lebensgeschichte Politik zu entscheiden, sondern: Es waren auch immer Persönlichkeiten, die sich mit der Geschichte ihrer eigenen Länder und Europas insgesamt auseinandergesetzt haben.

Ich habe an beispielsweise über 70 Gesprächen Helmut Kohl mit Präsident Mitterand teilgenommen. Es gab fast kein Gespräch, wo die beiden nicht irgendeinen historischen Bezug diskutiert haben. Gorbatschow, der sehr emotional ist, der Helmut Kohl bei seinem Besuch 1988 in Moskau erzählt hat, dass seine Mutter gerade, die in Südrussland lebe, Geburtstag gehabt hätte, dass sie jetzt alt sei, dass der Vater nicht mehr lebe, dass sie dort ja deutsche Soldaten im Zweiten Weltkrieg erlebt haben und so weiter, und sehr bewegend von seiner Mutter und sehr mitfühlend über seine Mutter gesprochen hat und Helmut Kohl mir anschließend sofort den Auftrag gab, ein Geschenk für die Mutter von Gorbatschow zu beschaffen, was ihm Gorbatschow nicht vergessen hat.

Oder: Helmut Kohl hat ja vor jeder wichtigen Auslandsreise Bücher über die Geschichte dieser Länder gelesen. Also, und das hat persönliche Nähe geschaffen, hat Vertrauen geschaffen. Gorbatschow hat mir mal gesagt, wenn er nicht das Vertrauen in Helmut Kohl gehabt hätte und in George Bush, den amerikanischen Präsidenten, wäre vieles nicht so gelaufen. Vertrauen wird damit aufgebaut, wenn man menschliche Sympathie aufbaut, menschliche Nähe und Verständnis gewinnt.

Detjen: In diesem sehr persönlichen Beziehungs- und Gesprächsgeflecht Kohl / Bush / Mitterand / Gorbatschow blieb dann eigentlich nur einer oder eine außen vor, nämlich Margret Thatcher. Die Briten sind an den Rand gedrängt worden. War das eine ganz persönliche Frage, dass es diese auch persönliche Ebene des Gesprächs zwischen Kohl und Thatcher nicht gegeben hat, oder gab es da noch andere Gründe?

Teltschik: Also, ich habe ja an allen Gesprächen mit Margret Thatcher und Helmut Kohl teilgenommen, zumindest in den ersten Jahren, den ersten acht Jahren - dann musste ja Margret Thatcher zurücktreten. Und ich habe sie auf der einen Seite als eine außerordentlich liebenswürdige, charmante Gastgeberin erlebt, vor allem in [?], ihrem Gästehaus, aber es gab halt inhaltlich viele Differenzen.

Es gab Übereinstimmungen, denken Sie an die Schaffung des Europäischen Binnenmarktes, da war Margret Thatcher wesentlich hilfreicher und förderlicher als Mitterand. Aber ansonsten: Europäische Integration war für sie kein Thema. Ich erinnere mich, als Helmut Kohl mal im "Checkers" [?], im Gästehaus, seine Position erläuterte und als er beendet hatte, nahm Margret Thatcher ihre Brille ab und klopfte damit auf ihre Unterlagen und guckte Helmut Kohl an und sagte nur: Helmut, no, no, no. Es war alles klar. Ich habe das auf der anderen Seite auch für wohltuend empfunden, dass wir immer wussten, woran wir bei Margret Thatcher waren.

Teltschik: "Im Prinzip haben die Menschen in der DDR die Bundesregierung ständig gezwungen, Entscheidungen viel früher zu treffen, als wir es vorhatten."

Der Zehn-Punkte-Plan von Helmut Kohl und der Handlungsdruck durch die DDR-Bevölkerung

Detjen: Wir sind jetzt an sich schon im Jahr 1990, auf dem Weg zur deutschen Einheit. Lassen Sie uns noch mal zurückgehen in den Herbst 1989, in die revolutionäre Phase des Umbruchs in der DDR.

Da gab es eigentlich zwei Schlüsseldaten für die Entwicklung und an beiden waren Sie wieder ganz eng beteiligt an der Seite von Helmut Kohl: zum einen im Bundestag die Zehn-Punkte-Rede am 28. November und dann, wenige Wochen später, am 19. Dezember, der Besuch Kohls in Dresden, die Begegnung mit der DDR-Bevölkerung. Was waren für Sie da die Schlüsselmomente und die Schlüsselerlebnisse?

Teltschik: Die Zehn-Punkte-Rede von Helmut Kohl war der Versuch, eine Strategie zu entwickeln nach der Öffnung der Mauer, wie das Ziel der Deutschen Einheit aus seiner Sicht erreicht werden könnte und wie Helmut Schmidt immer wieder sagte: Es war eine staatsmännische Entscheidung, zum richtigen Zeitpunkt diese Chance zu ergreifen, und dies hätte er mit der Zehn-Punkte-Rede getan. Er hat am 31. Oktober letzten Jahres Helmut Kohl in der "Bild"-Zeitung im Namen aller Deutschen dafür gedankt.

Ausgangspunkt dieser Rede war einfach, dem Bundeskanzler zu sagen, er muss Führung in dieser Frage übernehmen. Denn die Mauer war offen, es gab Massendemonstrationen, es gab Massenflüchtlinge aus der DDR. Die ganze Lage war diffus. Bush, Mitterrand haben in ihren Ländern bereits über die Möglichkeit von Deutscher Einheit spekuliert. Selbst Moskau hat begonnen gehabt, darüber zu reden.

Ich habe dem Bundeskanzler noch am Morgen vor der Zehn-Punkte-Rede über ein Interview des stellvertretenden CK-Sekretärs der KPdSU unterrichtet, der gesagt hatte, ob viele im Westen und Osten nicht wahrhaben wollen, das Ganze laufe auf die deutsche Wiedervereinigung hinaus. Insofern hat Helmut Kohl da die Führung übernommen, ohne den Zeitplan vorzu...

In Dresden ging es ja nicht darum, jetzt zu sagen: Herr Modrow - das war der neue Partner in der DDR -, wie gestalten wir jetzt die Einheit? Sondern der Ausgangspunkt war: Was, lieber Modrow, wirst du jetzt in der DDR tun, um die wirtschaftliche Lage zu stabilisieren, die DDR wirtschaftlich zu entwickeln und welche politischen Reformen wirst du durchführen?

Der Eindruck nach dem Gespräch war: Modrow hatte nicht begriffen, was die Lage der DDR war, und unsere Schlussfolgerung war: Er kann es nicht. Er wird die DDR nicht erfolgreich führen können. Und dann die öffentliche Demonstration, die Helmut Kohl mehrheitlich von den Teilnehmern die Botschaft übermittelt hatte: Die Menschen wollen die Einheit.

Detjen: Und in dieser Situation wurde ja dann deutlich, dass die eigentlichen Akteure gar nicht mehr in erster Linie die Politiker, die Regierungschefs auf beiden Seiten sind, sondern dass der mächtigste Akteur in dieser Phase der Geschichte die Bevölkerung auf der Straße ist, von der ja dann auch ein starker Druck ausging. Wenn Sie auf diese Phase zurückschauen: Waren Sie da eigentlich treibende oder vielleicht vielmehr getriebene Kräfte der Geschichte?

Teltschik: Herr Detjen, Sie haben völlig Recht: Das Tempo der Deutschen Einigung haben die Menschen der DDR bestimmt. Ich habe mal - auch öffentlich - gesagt: Wir hecheln hinter den Ereignissen her. Wir haben im Februar mal hochgerechnet, wenn die Zahlen der Übersiedler täglich so steigen, wie sie im Januar, Februar täglich stiegen, in die Tausenden, haben wir Ende des Jahres eine Million DDR-Bürger bei uns und das können wir nicht überleben und das kann die DDR erst recht nicht überleben. Also müssen wir handeln.

Im Prinzip haben die Menschen in der DDR die Bundesregierung ständig gezwungen, Entscheidungen viel früher zu treffen, als wir es vorhatten. Als wir die Zehn-Punkte-Rede vorbereitet haben, war unsere interne Überlegung: Es wird fünf bis zehn Jahre dauern und dann sind wir die glücklichsten Menschen der Welt, wenn wir in fünf bis zehn Jahren Deutschland geeint haben.

Und Schewardnadse, der sowjetische Außenminister, hat im Mai 1990 sich mal öffentlich beklagt, es ginge ja alles viel zu schnell. Und ich habe dann im Vortrag gesagt, er wird sich noch wundern, wie schnell das geht, weil wir Getriebene waren, in der Tat, Getriebene. Und unser Interesse, das Ziel von Helmut Kohl war, und musste sein, den ganzen Prozess unter Kontrolle zu halten, damit nicht irgendwo ein Chaos ausbricht, damit nicht irgendjemand doch mal zu schießen beginnt, damit nicht die Sowjetunion am Ende doch noch militärisch interveniert. Im Januar 1990 hat man in der sowjetischen Führung noch über eine militärische Intervention diskutiert.

Detjen: Aber verführte das dann nicht, dieses Tempo, dann auch zu überzogenen Versprechungen der blühenden Landschaften, zu einem Unterschätzen der tatsächlichen Dramatik der ökonomischen Situation der DDR?

Teltschik: Wenn Sie die Reden von Helmut Kohl nachlesen, gerade auch die Wahlkampfreden im Februar, März 1990, dann werden immer die folgenden Sätze unterschlagen, in denen er gesagt hat: Blühende Landschaften ja, aber das erfordert, dass wir hart arbeiten, dass wir die Ärmel aufkrempeln und so weiter. Das heißt, es fällt uns nicht in den Schoß, sondern wir müssen hart arbeiten, erstens.

Zweitens: Helmut Kohl hat 1990 viele Gespräche im Bundeskanzleramt mit etwa 50 Vertretern, Spitzenvertretern der deutschen Wirtschaft, der westdeutschen Wirtschaft plus Gewerkschaften geführt. Die Hauptbotschaft war: Herr Bundeskanzler, wenn Sie unser westliches Rechtssystem übertragen, unser Wirtschaftssystem auf die DDR, werden wir investieren. Sie haben bei Weitem nicht so viel investiert, wie sie in Aussicht gestellt haben, weil sie plötzlich gemerkt haben, dass sie genug Kapazitäten haben, um die Versorgung der DDR aus Westdeutschland heraus durchzuführen. Und mir hat zum Beispiel ein Unternehmer mal gesagt: Wir haben zwei Werke in der DDR gekauft, wissend, dass wir sie eigentlich nicht brauchen, aber wir wollten Wort halten gegenüber dem Bundeskanzler.

Detjen: Wo hätte die Politik damals anders steuern können, wenn sie das Wissen gehabt hätte, hypothetisch, das wir aus heutiger Perspektive haben?

Teltschik: Also, ich sage Ihnen ganz offen: Wir hatten keine Ahnung, wie katastrophal der Zustand der DDR tatsächlich war. Sie wissen, dass öffentlich diskutiert wurde, ist die DDR die zehnt-, elftstärkste Industrienation der Welt.

Deutsche Unternehmer, die in der DDR Geschäfte gemacht haben, waren immer sehr zufrieden, haben viel Geld verdient. Ein Spitzenunternehmer hat sich noch im Herbst 1989 einen Orden von Honecker abgeholt. Also, es ist ein Bild vermittelt worden von einer DDR-Wirtschaft, die nicht zutreffend war. Der sogenannte Schürer-Bericht, also der Bericht für das Politbüro vom Vorsitzenden der staatlichen Planungskommission der DDR, der im Prinzip dokumentiert, dass die DDR pleite war, dass die Unternehmen in einem katastrophalen Zustand waren, dass, wenn die DDR Strukturreformen durchführt - und sie muss sie durchführen -, ein Drittel der Arbeitskräfte entlassen werden muss und so weiter. Ein katastrophaler Bericht.

Wir hatten ihn nicht. De Maizière, der damalige Ministerpräsident, hat mir dieser Tage in einem Podiumsgespräch gesagt: Sie hatten ihn, haben aber ihn zurückgehalten, damit wir nicht erschrecken würden vor dem katastrophalen Zustand der DDR und vielleicht manche Entscheidungen nicht treffen würden, die wir getroffen haben. Unser Bundesnachrichtendienst hatte nicht die Expertise. Das bestreitet der damalige Leiter des Bundesnachrichtendienstes, aber ich habe ja die Berichte auf den Tisch bekommen. Da können Sie sagen: Das ist ja dramatisch, das ist ja traurig, das es so war - aber so war es.

Teltschik: "Ich wollte nach acht Jahren Bundeskanzleramt - und wir haben in dieser Zeit sehr oft bis zu 18 Stunden gearbeitet, meine Kinder haben mich ja oft nur zum Frühstück gesehen -, wollte ich einfach mal was anderes machen."

Ausstieg aus dem Kanzleramt und Lust auf etwas Neues

Detjen: Ende 1990 war Deutschland wiedervereinigt. Man ging auf die ersten gemeinsamen gesamtdeutschen Bundestagswahlen zu. Horst Teltschik war ein Mann, der sich seinen Platz in den Geschichtsbüchern gesichert hat. Es wurde spekuliert, dass Helmut Kohl Sie zum Staatssekretär erheben wird. Ihre politische Karriere hätte eine glänzende Fortsetzung gefunden, und dann sind Sie Anfang 1991 aus der Politik raus. Warum sind Sie aus der Politik ausgestiegen?

Teltschik: Nun gut, zu diesem Zeitpunkt Ende 1990 war ich 19 Jahre mit Helmut Kohl zusammen. Ich habe immer gesagt: Ich habe keinen Nachholbedarf an Loyalität, erstens.

Detjen: Sie galten als einer derjenigen, die Helmut Kohl immer recht offen die Meinung sagen konnten und das auch getan haben.

Teltschik: Ja, weil ich gesagt habe: Wenn ich das nicht mehr tue, als einer seiner engsten Mitarbeiter, wer macht es denn noch? Er hat mich auch immer als Tegernseer Holzkopf bezeichnet, weil ich oft sehr stur war, nicht. Oder wie man in Bayern sagt, granteln muss man noch dürfen, also, man darf auch mal sauer sein, wenn man den Eindruck hat, es läuft einiges schief und es passiert nichts oder es sind falsche Entscheidungen, dann habe ich ihm das schon deutlich und sichtbar zu spüren gegeben, dass ich damit nicht einverstanden bin.

Ich bin auch mal vom Tisch aufgestanden: Als er eine Rede in einer Weise kritisierte, die ich nicht für akzeptabel hielt, habe ich gesagt, das muss ich mir nicht gefallen lassen und bin rausgegangen. Mitarbeiter sind unter den Tisch gekrochen vor Schreck, aber er hat sich das bei mir glücklicherweise auch bieten lassen, weil er wusste am Ende, dass ich immer das Beste für ihn wollte.

Aber ich wollte nach acht Jahren Bundeskanzleramt - und wir haben in dieser Zeit sehr oft bis zu 18 Stunden gearbeitet, meine Kinder haben mich ja oft nur zum Frühstück gesehen -, wollte ich einfach mal was anderes machen, und ich habe innerhalb der Bundesregierung keine Perspektive erhalten, weil Helmut Kohl mich auch nicht loswerden wollte.

Und dann habe ich gesagt: Okay, wenn er mir keine Perspektive aufzeigt, obwohl ich ihn da mehrfach angesprochen hatte, dann suche ich mir selbst die Perspektive, und bin gegangen und habe anschließend Gott sei Dank - ohne seine Hilfe übrigens - sehr viel Glück gehabt und habe Spitzenpositionen in der Wirtschaft übernehmen können, was auch spannend war, weil sie auch übrigens immer mit Politik verbunden waren, denn ich habe beispielsweise für BMW Verhandlungen in Moskau geführt, in China und dergleichen.

Ich bin einer der ganz Wenigen, die übrigens freiwillig ausgeschieden sind und in die Wirtschaft gegangen sind. Aber ich habe nie das Angebot bekommen zurückzukommen. Nun ist es altersmäßig zu spät, weil in Deutschland sind Sie in meinem Alter ein alter Herr und übrigens nicht in USA. Aber bei uns ... in Asien schon gar nicht, da sind sie ja mit 80 ... da sagt man auch: Der Mann hat Erfahrungen.

Detjen: Klingt da auch ein Bedauern mit raus? Würde Sie das reizen, noch mal in die Politik zurückzugehen?

Teltschik: Ich habe immer gesagt: Wäre von der Aufgabe abhängig gewesen. Man kann ja Menschen auch als persönliche Beauftragte einsetzen. Schauen Sie sich jetzt mal Obama an, wie er Leute wiedergeholt hat und als persönlich Beauftragte für besondere Aufgaben eingesetzt hat. So etwas könnte man ja auch machen.

Das macht man in Deutschland, wenn überhaupt, nur mit ehemaligen Botschaftern. Aber was deren besondere Qualifikation in dem Fall sein soll, ist eine andere Frage. Aber gut, ich habe da keine Illusion, das Thema ist hier in Deutschland kein Thema. In Deutschland holt die Politik keine Ehemaligen zurück. Das ist jetzt seit 60 Jahren so.

Hinweis: Das vorliegende Gespräch ist eine Wiederholung vom April 2010.

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