Dienstag, 21. Mai 2024

Kommentar
Bundesrepublik Schimpfland

Rechtspopulistisch meckern, das können nicht nur die Alten, wie eine neue Studie zeigt. Umso mehr sollte die Gesellschaft engagierte Jugendliche anerkennen, meint Georg Löwisch.

Ein Kommentar von Georg Löwisch | 27.04.2024
Jugendlicher steht mit gesenktem Kopf und Hoodie vor einer Wand
Ergebnis der Jugendstudie: Viele Jugendliche und junge Erwachsene sind unzufrieden - und schimpfen wie die Alten (picture alliance / Westend61 / Maria Diachenko)
Nun hat es also auch die Jugend erwischt: das Schimpfen über die Zustände. Kombiniert mit einem Schulterzucken, statt einem beherzten „Lasst es uns anpacken!“. Es ist der Gestus des Gemeckers. In der Gesellschaft galt er bisher als Markenzeichen des knarzig, nörgeligen Onkels. Auf Familienfesten oder im Internet stänkert er rum: Der Staat kümmere sich mehr um Flüchtlinge als um hilfsbedürftige Deutsche. Aber man dürfe ja nix sagen, sonst werde man gleich als Rassist beschimpft. Der Onkel: mit den demokratischen Parteien ist er eigentlich durch.

AfD unter der Gen Z am beliebtesten

Diesen Motz-Onkel gibt's auch in jung. Auf diese Formel kann man es bringen, wenn man die repräsentative Trendstudie „Jugend in Deutschland“ liest. Die Forscher haben Menschen zwischen 14 und 29 Jahren befragt – man nennt sie auch Generation Z. Am meisten fällt auf, wie stark die Zustimmung der Jungen zur AfD gewachsen ist. Im Vergleich zur vergangenen Erhebung vor einem Jahr hat die Partei ihren Stimmenanteil beinahe verdoppelt. 22 Prozent – damit steht die AfD aktuell an der Spitze der Gunst junger Wählerinnen und Wähler. 
Dass Deutsche zu kurz kommen, weil der Staat sich um Flüchtlinge kümmere – genau dieser Aussage stimmen 30 Prozent der 14- bis 29-Jährigen zu. Dicht gefolgt von der Meinung, dass man seine Meinung nicht sagen dürfe in Bezug auf Ausländer. Es ist eine große Gruppe, die so denkt wie jenes Klischee des Onkels. Und typisch rechtspopulistisch: Man grenzt sich ab. Man wettert gegen die da oben, man richtet sich aber auch gegen die da unten, gegen die Schwächeren.

Warum die AfD junge Menschen anzieht

Was sind die Motive dafür, dass sich so viele der AfD zuwenden? Vielleicht wollen viele dieser Jungen gar keine rechtspopulistischen oder rechtsextremen Politiker an der Macht sehen. Jedenfalls pushen sie eine Partei, die sich Protest auf die Fahne schreibt. Sie schimpfen.
Bitter ist: Die 14- bis 29-Jährigen haben das Leben vor sich. Wer könnte loslegen, sich aufmachen für eine bessere Welt, wenn nicht die Jungen? Eine Erklärung, so sagt es die Studie: Viele Jugendliche treffen auf ihren digitalen Kanälen auf die AfD. Sie hat in Tiktok und Instagram investiert – schon früher und stärker als die meisten anderen politischen Parteien.
Die Alten schimpfen, die Jungen schimpfen jetzt auch. Der Industriepräsident schimpft, der Gewerkschaftsvorsitzende schimpft, und im Januar schimpfte der Finanzminister vor dem Brandenburger Tor sogar mit den Bauern mit, die eigentlich gegen ihn schimpften. Willkommen in der Bunderepublik Schimpfland.
Das Bequeme am Schimpfen ist, dass man sichtbar wird. Man macht nichts – nur von sich reden. Schimpfen, das ist eine sehr risikoarme Position. Wer nicht handelt, kann auch nichts falsch machen.

Schimpfen in Dauerschleife

Schon vor einigen Jahren hat der US-Forscher Jeffrey Lohr herausgefunden, dass sich das Gehirn aufs Nörgeln einstellt. Milliarden Nervenzellen kommunizieren über Billionen Synapsen. Wenn die Gedanken eine Weile die gleiche Richtung nehmen, die des Meckerns, dann prägt sich genau diese Vernetzung des Gehirns aus. Ein Trampelpfad des Trotzes.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Die Demokratie lebt vom kritischen Wort. Und ja, die Weltlage ist bedrohlich, die Kriege, die Klimakrise oder die schlechte Konjunktur. Es gibt Probleme, die die jungen Menschen zurecht kritisieren: Mies ausgestattete Schulen. Wohnungsnot in vielen Städten. Oder, was viele Jugendliche in der Studie beklagen: Stress, Einsamkeit und Angstzustände. Schimpfland ist eben auch Sorgenland: ein Land mit berechtigten Sorgen.  
Und nur ein Teil reagiert darauf, indem er die AfD wählen möchte. 20 Prozent der Jungen sind für die CDU, 18 Prozent für die Grünen – früher bei den Jungen allerdings weit vorn. Der SPD bleiben zwölf Prozent. Ein Viertel der 14- bis 29-Jährigen weiß noch gar nicht, wen es wählen soll.

Gen Z will die Arbeitswelt verändern

Die Jugendstudie zeigt auch Gutes: Die große Mehrheit der jungen Menschen ist grundsätzlich bereit, sich für die Zukunft zu engagieren. Sie übernimmt Verantwortung. Sie stellt aber auch Ansprüche – zum Beispiel am Arbeitsplatz. Im Job will die Generation Z sich entwickeln dürfen, will flexibel arbeiten – und Grenzen setzen.
Ältere stöhnen darüber – schließlich galt lange: Volle Power im Job ist durchweg positiv. Die Generation Z sagt: Schluss mit Arbeiten bis zum Burn-out. Sie stellt Ansprüche, sie handelt. Das ist politisch. Denn so verändert sie die Arbeitswelt. Die Gesellschaft sollte das anerkennen.
Der schimpfende Onkel, zu dem sich nun auch der rechtslastige Neffe gesellt hat: Die beiden sind längst nicht die ganze Familie, zum Glück.