Kommentar
Theater Mariupol: Bühne für Russlands Märchen und Propaganda

Russlands Staatsmedien feiern die Wiedereröffnung des Theaters in Mariupol. Sie leugnen, dass es 2022 bei einem russischen Luftangriff zerstört wurde. Hinter der Fassade von Nationalismus bleibt die Erinnerung an ein mutmaßliches Kriegsverbrechen.

Ein Kommentar von Mariia Fedorova |
Blick in den festlich erleuchteten Zuschauersaal des Theaters von Mariupol mit grünen Sitzreihen und einem Kronleuchter
Das restaurierte Theater der russisch besetzten Stadt Mariupol: Hier hatten im März 2022 zahlreiche Zivilisten Schutz gesucht, als das Gebäude von russischen Bomben getroffen wurde (imago / SNA / Alexander Ivanov)
Drei Jahre lang haben Firmen aus St. Petersburg das zerstörte Schauspielhaus von Mariupol wiederaufgebaut. Kein anderes öffentliches Gebäude wurde von den russischen Besatzungsbehörden so schnell und mit so viel Pomp errichtet. Nun ist es eröffnet.
Die erste Inszenierung: "Alenkiy Swetotschek" – die russische Version von "Die Schöne und das Biest". Ein Märchen über das Gute, das sich hinter jeder Fassade verbergen kann. Ironischerweise kehrt sich diese Moral hier ins Gegenteil. Denn hinter der neuen Fassade, unter dem strahlenden Kronleuchter – gefeiert in russischen Staatsmedien – steht der Tod vieler Zivilisten. Amnesty International spricht von Dutzenden bestätigten Toten. Die tatsächliche Zahl dürfte jedoch deutlich höher liegen. Und dieser Wiederaufbau trägt dazu bei, dass sie im Dunkeln bleibt.
Russland behauptet bis heute, das Gebäude sei von innen gesprengt worden – und feiert nun den Wiederaufbau als Erblühen. Ein Prestigeprojekt. Die Ukraine weist diese Darstellung zurück. Unabhängige Ermittlungen kommen zu dem Schluss: Zwei russische Bomben zerstörten das Theater.

Russland betreibt Täter-Opfer-Umkehr

Bei der Eröffnung sprach Wladimir Maschkow, bekannter russischer Schauspieler und Befürworter des Krieges. Seine Worte klangen weniger wie ein Festakt, eher wie ein unfreiwilliges Geständnis über das Töten unschuldiger Menschen: „Man kann Menschen töten, aber nicht die Kultur einer ganzen Nation – vor allem nicht so einer großartigen wie der russischen.“ Eine gruselige Aussage – nationalistische Fantasien, eine Täter-Opfer-Umkehr.
Dass dieser Wiederaufbau propagandistisch genutzt wird, überrascht nicht: Wladimir Putin braucht Ereignisse, die er für die russische Bevölkerung als Erfolg verkaufen kann. Doch dem stehen Berichte von Amnesty International gegenüber, die den Angriff auf das Theater als Kriegsverbrechen einordnen, die Dokumentation über die Belagerung Mariupols des ukrainischen Oscar-Preisträgers Mstyslaw Tschernow sowie Aussagen von Augenzeugen. Diese Berichte sind lebendig. Sie lassen sich nicht übertünchen wie eine Fassade. Und nicht ausradieren wie in einem Märchen durch einen Zauber.
Die entscheidende Frage lautet nun, ob es bloß bei der Dokumentation dieses Kriegsverbrechens bleibt. Und ob die Wahrheit über Mariupol eines Tages Konsequenzen haben wird – für die Täter. Und für eine nationalistische Ideologie, die dieses Töten legitimiert hat.