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Komplexes Zeitmanagement zwischen Verein und Gymnasium

Seit der Einführung der verkürzten Gymnasialzeit von acht auf neun Jahre, wird es für Kinder immer schwerer, ihren Sport in den Alltag zu integrieren. Sportvereine stellt dies ebenfalls vor neue Herausforderungen.

Von Daniel Theweleit |
    15:55 Uhr am Schiller Gymnasium in Köln. Die Schule ist aus. Aber der Stress ist für viele Kinder noch lange nicht vorbei. Wer Sport treibt, muss sich jetzt beeilen. Ab 16 Uhr beginnt in vielen Vereinen die Kernzeit des Trainingsalltags. Wo der Sportplatz oder die Halle nicht direkt um die Ecke liegen, ist das gar nicht machbar. Das musste auch Susanne Reiser feststellen, deren 11-Jährige Tochter Lina seit vielen Jahren Hockey spielt und gerade ihr erstes halbes Jahr am Gymnasium hinter sich hat.

    "Lina ist schon mit viel Sport in die G8 gegangen, zwei mal Training pro Woche, eine Zeit lang sogar drei mal, was jetzt gar nicht mehr geht. Jetzt hat sie drei lange Schultage, da kommt sie um halb fünf nach Hause, an den anderen beiden Tagen, quasi die kurzen Tage, kommt sie einmal um zwei einmal um halb drei nach Hause, das sind zufällig ihre Trainingstage. Dann ist sie eine halbe Stunde hier und dann für dreieinhalb Stunden weg, dann kommt sie um halb sieben nach Hause und dann müsste sie eigentlich noch Hausaufgaben machen, das ist fast illusorisch.."

    Viele Eltern sind bestürzt, wenn sie mit den Realitäten der von neun auf acht Jahre verkürzten Schulzeit konfrontiert werden. Natürlich neigen Schüler schon immer dazu, über Hausarbeiten und Stress zu jammern. Dass Gymnasialkinder mitunter mehr arbeiten müssen, als ein normaler Angestellter in einer 40-Stundenwoche, war aber auch für Jens Pfänder ein Schock. Der Lehrwart des Deutschen Handball-Bundes arbeitet selber noch als Jugendtrainer, er hat drei Kinder auf dem Gymnasium und ein viertes auf der Gesamtschule, wo nach 13 Jahren Abitur gemacht wird. Pfänder kennt die Unterschiede.

    "Das Thema ist das Zeitbudget, und das kriegt man nicht hin. Ich bin früher schön auf Bäume geklettert nach der Schule, dann habe ich Mittag gegessen Hausaufgaben gemacht und mich dann ins Vereinsleben begeben. Heutzutage holen wir die Kinder um fünf vor vier ab, und um halb fünf ist Training."

    Phasen der verspielten Zerstreutheit werden schlagartig selten, wenn die Kinder nach der Grundschulzeit aufs Gymnasium wechseln. Und häufig stehen die Anforderungen der Schule im direkten Widerspruch zu den Dingen, die im Sportverein verlangt werden. Sollen die Kinder lieber aufs Training verzichten? Oder am nächsten Tag unvorbereitet in die Französischarbeit gehen?

    "Da sind wir dann total im Konflikt. Weil wir wollen noch mal für die Arbeit lernen, aber wir wissen auch, dass wir echt Probleme kriegen mit dem Trainer. Jedenfalls bei uns ist das so, dass die Trainer sehr streng sind und das schlecht akzeptieren können, wenn die Kinder nicht kommen, und dann gibt es gleich ein Kreuzchen bei nicht erscheinen, also bei uns, beim Hockey ist das jedenfalls streng."

    Kein Wunder, dass viele Kinder deshalb beschließen, nicht mehr Klavier oder Gitarre spielen. Oder mit dem Sport aufzuhören. Wobei diese Entwicklung bisher nur vermutet wird. Denn Zahlen, mit denen sich eine Abkehr vom Sport wegen der erhöhten schulischen Belastung belegen lässt, gibt es nicht. Zwar verzeichnen Vereine unter den sieben bis Achtzehnjährigen einen Rückgang der Mitgliederzahlen, aber bislang wurde noch nicht erhoben, ob es tatsächlich die Gymnasialschüler sind, die diese Entwicklung verursachen. Allerdings weiß Mathias Kohl vom Landessportbund Nordrhein-Westfalen,

    "dass einzelne Sportarten durchaus Problemanzeigen machen, bezogen insbesondere auf die Mannschaftsbildung. Das heißt, hier geht es um die großen Spielsportarten, die entsprechende Mannschaftsstärken vorzuweisen haben. Das wird von Vertretern der Sportarten häufig in Verbindung gebracht mit der Entwicklung von G8 an den Schulen.
    Da hier große gesellschaftliche Veränderungen stattgefunden haben, ist davon auszugehen, dass es einen Zusammenhang gibt."


    Da eine Rückkehr zu G9 zwar in einigen Bundesländern möglich ist, den Schulen aber die Motivation fehlt, sich erneut komplett umzustellen, wurden Konzepte entwickelt, den Sportalltag enger mit der Schule zu verknüpfen. Die Umstellung auf das Ganztagsprinzip an den Gymnasien sieht explizit Kooperationsmöglichkeiten mit den Vereinen vor. An den Ganztagsgrundschulen funktioniert das immer besser, an den Gymnasien eher nicht. In den Augen von Matthias Kohl liegt das auch an den Vereinen, die sich fragen sollten:

    "Was verfolge ich für eine Strategie im Kinder- und Jugendsport? Und da gibt es eigentlich nur zwei Ausgänge. Der eine ist, zu sagen, ich verhalte mich traditionell und konzentriere mich auf die Sportbedürfnisse meiner Mitglieder und dann mache ich zu. Und der andere ist: Ich gucke darauf, wie hat sich die Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen in meinem Ort um meinen Kirchturm herum, um die Schule und im Vereinsheim verändert. Und dann muss der Ausgang eigentlich sinnigerweise lauten: Ich stelle mich etwas breiter auf, mache die Dinge, die ich traditionell gemacht habe, und daneben kooperiere ich mit den örtlichen Bildungseinrichtungen. Dieser Schritt muss aktiv gegangen werden."

    Der Mitgliederschwund lässt sich so möglicherweise stoppen. Andere Schwierigkeiten bleiben jedoch. Gymnasialschüler haben oft keine Zeit mehr, ihr Wissen als Übungsleiter am jüngere Sportler weiter zu geben. Außerdem es gibt Engpässe bei der Nutzung der Sportstädten, weil die Trainingsgruppen in der geschrumpften Kernzeit zwischen 16 und 20 Uhr um die Hallen und Plätze konkurrieren. Die gesellschaftlich gravierendsten Folgen ergeben sich aber aus einer anderen Facette der große G8-Problematik, glaubt Pfänder.

    "Den Schülerinnen und Schülern wird Wissen innerhalb ganz kurzer Zeit zugeführt, was zwangsweise dazu führt, dass sie nur noch ganz wenig Freizeit haben. In meinen Augen ist das Thema Freizeit aber enorm wichtig, denn die soziale Entwicklung muss zu einem nicht unwesentlichen Teil außerhalb der Schule stattfinden, und das geht total verloren. Meines Erachtens nach ist das völlig an der wahren Bildung vorbei."