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Konstruktion der Bestsellerlisten

Am Anfang steht eine einfache Frage mit einer scheinbar glasklaren Antwort: Welches Kinder- oder Jugendbuch durchbrach zum ersten Mal die Schallmauer und schaffte es - unter lauter erwachsenen Mitkonkurrenten! - auf die "Spiegel"-Bestsellerliste? Natürlich, erklingt es jetzt unisono von allen Seiten, Härry, wer sonst? Das ist ... richtig. Beinahe. Härry ... also Harry um genau zu sein:

Von Florian Felix Weyh | 21.06.2008
    " Dies ist eine Geschichte, die ich im Jahr 1938 einer Gruppe von Neunjährigen erzählt habe. Die Geschichte ist also ein bisschen veraltet, aber manche besseren Geschichten sind das auch - die Schatzinsel zum Beispiel oder Robinson Crusoe. "

    Obwohl er eine starke Neigung zu allem Britischen hat - noch mehr freilich zum Irischen - nennt er sich Harry Rowohlt, nicht Härry, denn für einen vollbärtigen Erwachsenen ist die Namensverwandtschaft mit einem nickelbrilligen Jugendlichen nicht ganz so schmeichelhaft. Zudem ist Harry Rowohlt viel länger in der literarischen Welt unterwegs als Harry Potter, allerdings nicht so lange, dass er im Jahre 1938 einer Gruppe Neunjähriger schon etwas hätte erzählen können. Das konnte nur der zwei Generationen ältere Pädagoge Alexander Sutherland Neill, Begründer des legendären Internats Summerhill, und dessen lustvoll-anarchisches Kinderbuch "Die grüne Wolke" übertrug Harry Rowohlt als Gesellenstück seiner anschließenden Übersetzerkarriere ins Deutsche. Viel später, nämlich erst vor ein paar Jahren, las er es dann noch als grandioses Hörbuch ein. Am 27. September 1971 jedoch - Tusch! - schaffte es "Die grüne Wolke" von A.S. Neill auf Platz 9 der "Spiegel"-Bestsellerliste, wobei die Aufbruchstimmung der frühen 70er-Jahre kräftig zum Erfolg beigetragen haben mag, rebellische Töne lagen im Trend. Bis ein Kinderbuch erstmals Platz 1 der Verkaufscharts erringen konnte, mussten dann noch ein paar Jahre vergehen. Von Anfang bis Mitte der 80er-Jahre stand Michael Ende fast ununterbrochen auf einem der ersten zehn Ränge der Belletristik-Bestseller in Deutschland ... und blieb durchaus nicht der einzige Kinderbuchautor an diesem Ort. Pickt man sich willkürlich eine Tabelle heraus - etwa die vom 13. Dezember 1983 - so findet man auf Platz 3 (Vorwoche 2) "Die unendliche Geschichte", auf Platz 4 "Momo", ebenfalls von Ende, und auf Platz 7 "Ronja Räubertochter" von Astrid Lindgren. Das so genannte Harry-Potter-Phänomen der generationsübergreifenden Verkaufserfolge ist also gar kein Phänomen, sondern schiere Normalität: Den Leser interessiert die Altersangabe auf einem Buch herzlich wenig, wenn ihn das Buch interessiert.

    Der reinen Lehre nach sollte es diese Lesenormalität freilich so gar nicht geben, und da wären wir bei der Konstruktion der Bestsellerlisten. Gemessen wird der Verkauf an der Ladenkasse, natürlich anhand einer Auswahl repräsentativer Geschäfte, nicht auf Basis aller deutschen Buchhandlungen. Und gemessen wird ein bestimmter Zeitabschnitt, üblicherweise eine Woche. Was sich in diesen sieben Tagen am häufigsten verkauft, bezeichnet man als Bestseller, im Unterschied zum Steadyseller oder Longseller, der jahrzehntelang stabile Einnahmen garantiert, ohne groß am Markt aufzufallen. Steady- oder Longseller stehen seltener auf den Listen, denn sie neigen dazu, den von der Branche gewünschten Eindruck zu verfälschen, man habe es mit einem von Novitäten geprägten Markt zu tun. Ihre permanent hohen Verkaufszahlen entwürfen im Gegenteil das Bild einer stagnierenden, ja äußerst langweiligen Lesegesellschaft: die Bibel und der Duden, das Bürgerliche Gesetzbuch und Steuerfachliteratur besetzten ungerührt hohe Ränge, begleitet von trivialen Ratgebern und ein paar schulisch verordneten Klassikern. Also übergeht man solche Titel gewöhnlich, so wie die Unterteilung in Genres oder - kaufmännisch gesprochen - "Warengruppen" für eine Fokussierung auf nur bestimmte aktuelle Publikationen sorgt.

    Das Kinder- und Jugendbuch, obwohl eindeutig eine Warengruppe für sich, kommt bis heute in der "Spiegel"-Bestsellerliste nicht vor, jedenfalls nicht nach dem strengen Reglement der Listenmacher und -überwacher. Keine Regel indes ohne Ausnahme. Michael Ende wie Harry Potter wurden an der Genregrenze durchgewinkt, und seit Mai 2007 gibt es auch einen Beschluss, auffällige Jugendbuchbestseller als so genannte All-age-Titel mit aufzulisten, hier hat Harry Potter tatsächlich Pionierarbeit geleistet. Wobei ... "Momo" und die "Unendliche Geschichte" fanden ja auch schon ihren Weg vom Kinderzimmer auf den elterlichen Nachttisch, der neumodische Begriff hinkt der Entwicklung ziemlich hinterher. Von der Regelpräzisierung 2007 jedenfalls profitierte sofort die amerikanische Autorin Stephenie Meyer, deren Vampirromane "Biss zum Morgengrauen" und "Biss zur Mittagsstunde" - Zielgruppe: Mädchen um die 14 - plötzlich als alterslose Lektüre galten. Bei der Konkurrenz von "Focus" - dort ist man schon seit dem Jahr 2000 weniger strikt - hatte es der "Biss zur Mittagsstunde" bereits Monate zuvor auf Platz 1 der Bestsellerliste gebracht, noch vor Daniel Kehlmann. Aber Hand aufs Herz: Was soll dieses Gerangel um Platz und Sieg eigentlich? Nützt es irgendeinem Leser? Hören wir dazu den Papst:

    " Fragen nach Bestsellerlisten beantworte ich ungern und werde sie in Zukunft überhaupt nicht mehr beantworten. Denn es gibt in jeder Generation unbelehrbare Leser, die daran glauben, dass die gute Literatur stets triumphiere. Das aber ist nur sehr selten der Fall. "

    So unwirsch klang vor ein paar Monaten Marcel Reich-Ranitzky in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung, und damit ist eigentlich alles gesagt. Bestsellerlisten bilden Marktbewegungen ab, ohne ein Qualitätsurteil zu sprechen. Allerdings ziehen sie Aufmerksamkeit von anderen Büchern ab, deren ökonomische Talfahrt sich womöglich dadurch noch beschleunigt. Also ersann der Doyen der deutschen Verlagslandschaft, Daniel Keel von Diogenes, vor zwei Jahren die Worstsellerliste. Er gab - mutig, mutig! - am Ende des Jahres die größten Verkaufsflops seiner Taschenbuch-Backlist bekannt, also der lieferbaren Nicht-Neuerscheinungen. Näher besehen war das allerdings schon wieder weniger mutig, da es sich allesamt um tote Autoren handelte - lebende, gar hoffnungsvolle Nachwuchsschriftsteller wollte Keel mit der traurigen Wahrheit nicht beschädigen. Die Aktion trug ihm einen Marketing-Preis ein und steigerte den Umsatz des Worstseller-Spitzenreiters Frank O'Connor um mehr als tausend Prozent: von drei verkauften Exemplaren innerhalb eines Jahres auf 46 in nur einem Monat ... was im übrigen zeigt, dass Vergleichsrankings nichts über absolute Zahlen verraten. Sollte sich der Buchmarkt in den nächsten 30 Jahren weiter individualisieren und zersplittern, mag ein Bestseller-Spitzenreiter im Jahr 2040 theoretisch aus wenigen Tausend, gar nur aus ein paar Hundert Exemplaren bestehen. Solange er sich besser als die Konkurrenz verkauft, hat er die Nase vorn. Wer sich von derartiger Nullinformation blenden lässt, ist selber schuld, heute wie in Zukunft. Wache Leser kaufen Inhalte, keine Positionierungen.