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Startseite@mediasresJournalismus von morgen?19.02.2018

Konstruktiver JournalismusJournalismus von morgen?

Lösungsideen in den Mittelpunkt stellen - diesen Ansatz verfolgt konstruktiver Journalismus. Das erfordert von Reportern und Redakteuren einiges Umdenken, wie eine Konferenz in Hamburg zeigte.

Von Charlotte Horn

Claudia Spiewak steht am Rednerpult. (Charlotte Horn / Deutschlandradio)
Claudia Spiewak, Chefredakteurin des NDR-Hörfunks, zieht eine positive Zwischenbilanz (Charlotte Horn / Deutschlandradio)
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Beispielsbeitrag aus den NDR Info Perspektiven Bauernhöfe bieten Besuche für Demenzkranke an

Von London aus verändert eine Gruppe von Journalisten seit über einem Jahr die Berichterstattung des BBC World Service: die Redaktion "Worldhacks". Ähnlich wie Hacker in der Internetwelt suchen die Journalisten nach Lösungen für Probleme - statt nur über die Probleme zu berichten. Aber auch bei diesem konstruktiven Ansatz gelten die gleichen journalistischen Regeln - wie kritische Distanz, sagt Elizabeth Davies auf dem "Constructive Journalism Day" in Hamburg - eine Fachkonferenz organisiert von der Hamburg Media School und NDR Info:

"Jeder Beitrag zeigt immer auch die Kehrseite, die möglichen negativen Folgen einer Sache auf. Und das macht diese Art von Journalismus für mich auch so interessant. Man stößt eine Diskussion bei den Hörern an."

Positive Zwischenbilanz

Auch der Nachrichtensender NDR Info berichtet in der Rubrik "Perspektiven" seit über einem Jahr über Menschen, die Ideen für die Lösung gesellschaftlicher Probleme haben. Die Reporter haben bisher unter anderem über eine App für das Smartphone berichtet, mit deren Hilfe Blinde leichter den Weg zum Bus finden. Über Schüler, die sich als Klimabotschafter gegen Plastiktüten einsetzen - oder wie in diesem Beispiel: über ein Besuchsprogramm für demente Menschen auf dem Bauernhof – Momente, die Erinnerungen wach rufen, Angehörige entlasten und ein zusätzliches Standbein für Landwirte bedeuten.

Claudia Spiewak, Chefredakteurin des NDR-Hörfunks, zieht eine positive Zwischenbilanz. Dieser neue Ansatz habe die Redaktion zum Umdenken angeregt - auch in Bezug auf eine breitere Themenauswahl:

"Wir gehen, das ist aus meiner Sicht das Wichtigste, immer wieder den zweiten Schritt. Also wir berichten über die Probleme und die Krisen und die Herausforderungen. Und stellen uns häufiger als früher die Frage: gibt es dafür bereits Lösungsansätze? Die erfinden wir ja nicht selbst, sondern: wir denken einfach weiter."

Konstruktiver Journalismus ist für jüngere Zielgruppe wichtig

Die Rubrik habe sehr viel positive Resonanz von Hörern bekommen. Nach Forschungsergebnissen von Professor Stephan Weichert, Leiter des Studiengangs für Digitalen Journalismus von der Hamburg Media School, spielt konstruktiver Journalismus gerade für jüngere Zielgruppen eine wichtige Rolle:

"Weil wir feststellen, dass gerade junge Zielgruppen sich immer mehr von klassischen Medien abwenden – aus genau diesem Grund. Dass die Welt, die in den Medien gezeichnet wird insgesamt als zu krisenfixiert und negativ dargestellt wird. Und wenn man diese jungen Zielgruppen erreichen will, dann muss man sich darum bemühen mehr Nachrichten zu präsentieren, die mehr Lösungen zur Verbesserung unseres Zusammenlebens aufzeigen."

Die Redaktion von "Zeit-Online" verfolgt schon seit einiger Zeit diesen Ansatz. So haben die "Zeit-Online"-Journalisten Menschen aus unterschiedlichen politischen Richtungen zusammengebracht. Sie haben ein Festival organisiert, bei dem junge Menschen ihre besonderen Ideen vorgestellt haben. Alles Experimente, um näher an der Lebenswelt der Nutzer zu sein, sagt der Chefredakteur von "Zeit-Online", Jochen Wegner:

"Natürlich versuchen wir irgendwelche Reporter irgendwo hin zuschicken. Aber oft sind das Dinge, die einen Nachrichtenwert haben. Was schon seltener passiert, dass man irgendwelche Leute trifft, weil sie sich gemeldet haben oder weil sie aktiv werden wollen. Von denen wir wissen: ach das sind die, für die wir arbeiten. Ich glaube, das ist der größte Effekt."

Konstruktive Berichterstattung sollte langfristig gedacht werden

Die Kritik, dass konstruktiver Journalismus nur die positiven Geschichten ins Blickfeld nehme, weist Wegner zurück. Journalisten dürften eben nicht zu Aktivisten werden, so Wegner.

"Lösungsvorschläge machen, tolle Sachen, aber sobald man anfängt PR für eine gute Sache zu machen, wird es kompliziert, weil vielleicht ist die Sache gar nicht gut. Das liegt oft im Auge des Betrachters."Elizabeth Davies steht am Rednerpult (Charlotte Horn / Deutschlandradio)Auch bei konstruktivem Ansatz gelten die gleichen journalistischen Regeln, sagte Elizabeth Davies von der BBC (Charlotte Horn / Deutschlandradio)

Elizabeth Davies von der BBC glaubt an einen langfristigen Effekt von konstruktiver Berichterstattung. Journalisten sollten, wenn möglich, bei jeder Geschichte auch etwas andere Fragen stellen, damit die Hörer das Radio nicht ausschalten.

Auch der Vordenker von konstruktivem Journalismus, der frühere Chef der dänischen öffentlich-rechtlichen Fernsehnachrichten, Ulrik Haagerup, ist von der Notwendigkeit dieser neuen Art der Berichterstattung überzeugt:

"Dieser Ansatz muss langfristig mitgedacht werden. Er ist natürlich keine Alternative zu Investigativer Recherche oder Breaking News, die für einen Nachrichtensender wichtig sind. Aber wir sollten es nicht dabei belassen. Wir sollten uns die Frage stellen: was nun? Die beschäftigt sich mit morgen."

Und daher ist für Ulrik Haagerup dieser konstruktive Ansatz, die Frage nach Lösungsideen, auch der Journalismus von morgen.

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