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Kontakte statt Gene

Anthropologie. - Vor etwa 160 bis 200.000 Jahren fing Homo sapiens sapiens, die Erde zu erobern. Was dann geschah liegt noch weitgehend im Dunkel der frühen Menschheitsgeschichte. Warum die ersten komplexen Werkzeuge oder Kunstgegenstände erst etwa 100.000 Jahre später auftauchen, gibt den Forschern immer wieder ein Rätsel auf. Britische Forscher haben nun eine plausible Erklärung geliefert, die sie durch Computermodelle und andere Daten stützen können.

Von Kristin Raabe | 08.06.2009

    Vor etwa 200.000 Jahren begannen die modernen Menschen die Erde zu erobern. Die ersten 100.000 Jahre brachten sie allerdings kaum etwas zustande. Dabei waren auch sie Homo sapiens – also "weise Menschen". Und doch kamen sie anscheinend lange nicht auf die Idee Musikinstrumente oder komplexe Werkzeuge herzustellen. Auch Körperbemalung, Schmuckgegenständen oder Tatoos waren in den ersten 100.000 Jahren der Menschheitsgeschichte out. Ganz zu schweigen von abstrakten Kunstwerken. In Europa tauchen solche Merkmale der kulturellen Entwicklung erst vor etwa 45.000 Jahren auf. Manche Experten sprechen von einer kulturellen Explosion, durch die der moderne Mensch überhaupt erst auf den Plan trat. Sie könnte durch eine genetische Veränderung, die beispielsweise die Leistung des Gehirns erhöht, hervorgerufen worden sein. Dagegen sprechen aber Funde aus anderen Teilen der Welt. Stephen Shennan vom Institut für Archäologie des University College in London:

    "Im Besonderen finden wir diese Dinge in Afrika. Komplexe Werkzeuge, die ersten Beispiele für abstrakte Kunst tauchen in Afrika bereits vor 90 000 Jahren auf. Dann verschwinden sie aber wieder für Zehntausende von Jahren, bis sie vor etwa 40.000 Jahren wieder auftauchen. Die Frage ist: Was geht da eigentlich vor?"

    Wäre irgendeine biologische Veränderung, etwa eine erhöhte Leistung des Gehirns, die Ursache für diesen plötzlichen kulturellen Aufschwung des Menschen, dürften die komplexen Werkzeuge und Kunstwerke nicht einfach verschwinden, nur um dann Tausende von Jahren später wieder aufzutauchen. Stephen Shennen glaubt, dass das Ausmaß der menschlichen Interaktionen viel wichtiger ist als die Gene. Gemeinsam mit anderen Experten vom University College in London hat er diese These anhand von Computermodellen getestet.

    "Je höher die Bevölkerungsdichte ist und je mehr Abwanderung von einer Gruppe zur anderen stattfindet, desto mehr Interaktion findet zwischen den Menschen statt. Und damit steigt die Chance, dass kulturelle Errungenschaften weitergegeben werden und vielleicht sogar verbessert werden. Wenn die Bevölkerungsdichte niedrig ist, kommt es eher zu einer Rückentwicklung als zu einem Fortschritt."

    In einer Zeit, in der Menschen noch nicht über ein Schulsystem mit ausgeklügelten Lehrmethoden verfügten, lernten die Jungen, indem sie die Alten nachahmten.

    "Wenn man sich eine Gruppe vorstellt, in der es für eine spezielle Tätigkeit nur einen Experten gibt, dann ist völlig klar, dass nicht alle, die diesen Experten nachahmen, auch so gut werden wie er. Je größer aber eine Gruppe ist, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, das zumindest einige wenige Gruppenmitglieder das Niveau des Experten erreichen und ihn womöglich sogar übertreffen. Vielleicht findet einer sogar eine völlig neue Lösung für ein altes Problem. Auch wenn dann in der nächsten Generation nicht alle in dieser Gruppe so gut sein werden wie dieser neue Experten, so hat sich doch das Niveau im Durchschnitt gebessert. So funktioniert dieser Prozess."

    Wenn eine Gruppe sehr klein ist, sind die Chancen geringer, dass die Nachahmer genauso gut werden, wie der ältere Experte. So gehen dann nach und nach kulturelle Errungenschaften wieder verloren. Das geschah vermutlich auch in Afrika als Klimaveränderungen dazu führten, dass die Bevölkerungsdichte sank. Erst als Tausende von Jahren später wieder viele Menschen den Kontinent bevölkerten, konnten sie auch wieder viel voneinander lernen – die Herstellung von komplexen Werkzeugen oder von abstrakten Kunstwerken etwa.

    "Es ist gar nicht so verschieden von unserer heutigen Situation. Das Internet hat die Anzahl der Interaktionen und Kontakte zwischen unterschiedlichen Menschen höchstwahrscheinlich mehr als vertausendfach. Bei vielen dieser Internetkontakte tauschen sich Menschen aus und lernen etwas voneinander. Heute ist also ein ganz ähnliche Prozess in Gang."

    Abgesehen vom Internet und der modernen Telekommunikation garantiert auch die pure Bevölkerungsdichte der Erde, dass ausreichend menschliche Interaktionen stattfinden, um unsere kulturellen Errungenschaften an die folgenden Generationen weiterzugeben.