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StartseiteForschung aktuellAusreichend Abstand und gute Belüftung senken Infektionsrisiko 29.10.2020

Konzerte trotz CoronaAusreichend Abstand und gute Belüftung senken Infektionsrisiko

Im August sorgte ein aufwändiges Experiment in Leipzig für Aufsehen. Bei einem simulierten Tim-Bendzko-Konzert vor 1.400 Zuschauern wollten Forscher herausfinden, wie sich das Infektionsrisiko bei Großveranstaltungen senken lässt. Jetzt stellten sie erste Ergebnisse vor.

Von Maximilian Brose

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In der Leipziger Arena findet am 22. August 2020 Konzertexperiment des Uniklinikums Halle  zu Großveranstaltungen in Corona-Zeiten mit dem Popsänger Tim Bendzko statt (Copyright: Maximilian Brose / Deutschlandfunk)
Am 22. August 2020 fand in der Quarterback Immobilien Arena Leipzig ein Experiment zur Infektionsgefahr bei Großveranstaltungen statt. (Copyright: Maximilian Brose / Deutschlandfunk)
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Uli Blumenthal: Herr Brose, seit gestern heißt es: Theater, Opern und Konzerthäuser bleiben zumindest im November geschlossen. Machen die Ergebnisse der RESTART-19-Studie Hoffnung, dass solche Veranstaltungen bald wieder möglich sein könnten?

Maximilian Brose: Zumindest gibt sie einen kleinen Hoffnungsschimmer. Denn eine Schlussfolgerung der Studie lautet: Auch bei einer 7-Tage-Inzidenz von über 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohnern in einer Region können in bestuhlten Hallen immer noch Konzerte möglich sein, ohne das Infektionsgeschehen zu verschärfen. Allerdings nur sofern strenge Hygieneauflagen eingehalten werden. Das heißt: Alle Besucher und Besucherinnen tragen Mund-Nasen-Schutzmasken und sitzen mit mindestens 1,5 Metern Abstand auseinander. Außerdem darf die Konzerthalle nur zu maximal 25% ausgelastet sein, sie muss über eine gute Belüftung verfügen und über zahlreiche Eingänge, damit Staus beim Einlass verhindert werden.

Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)Übersicht zum Thema Coronavirus (imago / Rob Engelaar / Hollandse Hoogte)

Uli Blumenthal: Wie sah das Studiendesign aus?

Maximilian Brose: Bei dem Konzert-Experiment am 22. August 2020 haben die Forschenden von der Universitätsklinik Halle drei Szenarien durchgespielt. Beim ersten saßen die Besucher und Besucherinnen relativ dicht zusammen, beim zweiten und dritten Versuch hatten sie zunehmend mehr Sicherheitsabstand zu ihren Nachbarn - im dritten Anlauf mindestens 1,5 Meter in alle Richtungen. Außerdem hatten alle Besucher und Besucherinnen Kontakt-Tracer um den Hals, kleine elektronische Geräte, die während dem Einlass, dem Konzerts und auch in den Pausen gemessen haben, wie nah sich die Besucher und Besucherinnen gekommen sind.  Wenn das weniger als 1,5 Meter waren, haben die Tracer das als Kontakt registriert.

Längere Kontakte lassen sich um den Faktor 10 reduzieren

Die Forscher haben nun im Nachgang alle Kontakte, die länger als 15 Minuten dauerten, über das gesamte Konzert zusammenrechnet und dabei Interessantes rausgefunden:

  • Bei dem 'Dicht-an-dicht'-Szenario steigen die längeren Kontakte während des Konzertes immer weiter an, so dass beim Verlassen der Halle jeder Besucher im Schnitt auf zehn längere Kontakte kommt
  • Sitzen die Besucher dagegen 1,5 Meter auseinander und können durch acht statt zwei Eingänge in die Halle rein und wieder raus gehen, bleibt es während des gesamten Konzertbesuch im Durchschnitt bei etwa einem längeren Kontakt

Studienleiter Dr. Stefan Moritz von der Uniklinik Halle folgert deshalb: Ausreichend Abstand und genügend Einlässe sind wichtig, um längere Kontakte und damit mögliche Tröpfcheninfektionen zu vermeiden.

Uli Blumenthal: Nun wird das neuartige Coronavirus aber nicht nur durch Tröpfchen übertragen, sondern auch durch Aerosole, also  mikroskopisch kleine Luftpartikel die im Raum umhergewirbelt werden. Wurde das auch berücksichtigt?

Maximilian Brose: Ja. Dafür haben die Wissenschaftler die Halle, in der das Konzert stattfand und die Lüftungsanlage aufwändig im Computer nachgebildet. Dieses Computermodell hat dann 4.000 fiktive Besucher in der Halle simuliert, von denen 24 mit dem Corona-Virus infiziert waren. Diese 24 haben in der Computersimulation dann virushaltige Aerosole ausgeatmet und es wurde geschaut: Wer hätte sich da möglicherweise anstecken können?

Effiziente Lüftungstechnik senkt Infektionsrisiko deutlich

Bei guter Durchlüftung der Halle und einem Sicherheitsabstand von mindestens 1,5 Metern waren das etwa drei bis vier der fiktiven Besucher. Bei schlechter Belüftung, das heißt, wenn die Aeorsole nicht an die Hallendecke geblasen wurden, waren im Schnitt bis zu 100 fiktive Personen den virushaltigen Aerosolen eines einzelnen Infizierten ausgesetzt. Die Belüftung ist damit also ganz entscheidend für ein sicheres Konzert. Außerdem leisten Schutzmasken einen wichtigen Beitrag zum Infektionsschutz.  

Uli Blumenthal: Was heißt das jetzt für die Infektionsgefahr in der Bevölkerung, die von Konzerten ausgeht?

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Maximilian Brose: Dazu sagt Prof. Rafael Mikolajczyk vom Epidemiologischen Institut der Unimedizin Halle: Veranstaltungen wie Hallen-Konzerte hätten prinzipiell das Potential, die Pandemie zu befeuern. Allerdings sei das Risiko sehr gering, sofern ein gutes Hygienekonzept eingehalten wird.

Mikolajczyk hat mit seinem Team für die Stadt Leipzig die Kontakte modelliert, die jede Person im Alltag so hat, und dann geschaut: Wie viele Kontakte und Aerosolexpositionen kommen bei Veranstaltungen dazu? Gehen wir mal von einer hohen Zahl an Neuinfektionen aus, nämlich 100 pro 100.000 Einwohnern in einer Woche, was ja gerade an vielen Orten in Deutschland gegeben ist. Nehmen wir außerdem an, dass 100.000 Personen im Monat auf Veranstaltungen gehen, bei denen jeder Besucher 1,5 Meter Abstand von anderen hält, alle eine Maske tragen und durch genügend Eingänge in die Halle gehen, die gut belüftet ist. Dann würden von diesen 100 000 Veranstaltungsbesuchern dem Computermodell zufolge im Durchschnitt nur etwa fünf Neuinfektionen ausgehen.

Ohne gutes Hygienekonzept drohen 70mal mehr Neuinfektionen

Spielt man dasselbe Szenario mit schlecht belüfteten Hallen ohne Hygienekonzept durch, wo die Besucher dicht an dicht sitzen, würden pro Monat über 70 mal mehr Infektionen durch Veranstaltungen entstehen, also rund 350. Diese Zahlen basieren auf fundierten Pandemiemodellen, haben die Forschenden betont. Aber letztlich sind es natürlich nur Modellrechnungen, die die Realität sicher nicht perfekt abbilden.

Uli Blumenthal: Wie aussagekräftig ist die Studie dann überhaupt?

Maximilian Brose: Natürlich habe es Schwankungen in den Modellen gegeben, räumte Studienleiter Dr. Stefan Moritz ein. Aber er betonte auch: Die Größenordnungen und Haupteffekte stimmen. Und für die tatächlichen Kontakte während eines Konzerts liefert die Studie natürlich wertvolle empirische Daten. Das Interessante dabei: Man hat hier das erste Mal im Detail auf die einzelnen Aspekte eines Sitz-Konzerts geschaut. Andere Studien zum Thema hatten eher im Nachhinein geschaut, ob Infizierte, von denen Infektionsketten ausgingen, davor auf Veranstaltungen gewesen waren. 

Man muss aber auch sagen: Die Studie ist noch nicht in einem wissenschaftlichen Fachjournal veröffentlicht, sie durchläuft gerade erst das Peer-Review-Verfahren, wo sie extern begutachtet wird. Man sei trotzdem schon jetzt an die Öffentlichkeit gegangen, weil die Gesellschaft in der Pandemie Ergebnisse und auch Handlungsempfehlungen erwarte, betonte Dr. Stefan Moritz

Uli Blumenthal: Und wie sehen diese Konkreten Handlungsempfehlungen aus?

Maximilian Brose: Die wichtigesten Empfehlungen lauten:

  • Veranstaltungsorte sollten nicht voll ausgelastet sein, weil das die Kontakte erhöhen würde.
  • Die Zuschauer sollten sitzen.
  • Die Anzahl der Einlassschleusen muss erhöht werden, um Kontakte zu minimieren.
  • Es braucht eine adäquate Raumlufttechnik, für die die Forschenden ein Bewertungssystem fordern.
  • Bei einer 7-Tage-Inzidenz unter 50 empfehlen die Forschenden Sitzkonzerte, bei denen jede Person um sich herum jeweils einen Sitzplatz frei hat.
  • Bei 7-Tage-Inzidenzen über 50 sind mindestens 1,5 Meter Abstand zwischen den Besuchern nötig und viele Eingänge.
  • Alle Besucher sollten möglichst durchgängig eine Maske tragen.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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