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Kopf im Sand

Biologie. - Wenn man verstehen will, wie die Evolution sich an neue Bedingungen anpasst, muss man Organismen studieren, die unter schwierigen Bedingungen überleben. Ein solcher extremer Fall unter den Extremfällen ist der Goldene Maulwurf: Er ist blind und schafft es doch in Namibia in der Wüste überleben. Er macht dies mit Hilfe eines extrem sensiblen Ohres mit eingebautem Geophon.

Von Jan Lublinski |
    Der Biologe Peter Narins von der University of California in Los Angeles interessiert sich für ein kleines, ziemlich ungewöhnliches Tier: Der Goldene Maulwurf ist 20 Gramm schwer, hat auf einer Handfläche Platz und ist blind. Trotzdem geht er nachts in der Namib-Wüste auf die Jagd nach Termiten.

    "Wenn man ihm zu nahe kommt, rennt er einfach weg. Die einzige Chance, die wir haben, sein Verhalten zu untersuchen, ist morgens früh aufzustehen. Dann finden wir seine Spur im Wüstensand. Wir haben dann bis etwa 10 oder 11 Uhr Zeit, um diese Spur mit Bleistift und Papier zu kartieren – bevor dann Wind aufkommt. Wir müssen also morgens sehr schnell arbeiten."

    Die Spur des Goldenen Maulwurfs ist eigenartig: Winzige Fußstapfen wechseln sich mit großen runden Kreisen und breiten Bahnen im Sand ab. Der Maulwurf wandert nachts herum, manchmal rutscht er auch auf dem Bauch durch den Sand, dann hält er unvermittelt an und steckt seinen Kopf in den Sand. Anschließend läuft er in einer anderen Richtung weiter. Peter Narins und Kollegen haben mit akustischen Experimenten herausgefunden, dass der Goldene Maulwurf eine Art Geophon im Ohr hat, mit dem er sich im Sand orientieren kann. Er ortet kleine Sandhügel mit Gräsern, läuft dann zielstrebig auf diese zu und frisst Termiten, die dort leben. Die Insekten laufen schnell davon, aber es gelingt ihm immerhin, einige von ihnen schnappen. Möglich wird ein solches Nomaden-Leben in der Wüste, weil der Goldene Maulwurf ein sehr besonderes Ohr hat.

    "Das Mittelohr des Goldenen Maulwurfs ist ungewöhnlich, im Vergleich zu anderen Säugetieren. Eines der drei Gehörknöchelchen, der Hammer ist extrem groß. Er wiegt 45 Milligramm und ist damit schwerer als der Hammer beim Menschen – und das obwohl das Tier nur 20 Gramm wiegt. Für uns ist die Anatomie dieses Tieres darum sehr interessant."

    Peter Narins hat dieses gigantische Gehörknöchelchen und seine akustischen Eigenschaften genau untersucht. Mit physikalischen Modellrechnungen und Versuchen an gefangenen Tieren konnte er zeigen, dass der Goldene Maulwurf in der Lage ist, mit dem Kopf im Sand die Herkunft von Schallwellen zu orten. Die Termiten, die auf den Sand-Hügeln herum laufen, produzieren charakteristische Kratzgeräusche mit einer Frequenz von etwa 120 Hertz, die sich im Sand ausbreiten. Diese Schwingungen kann der Maulwurf aber nur über kurze Entfernungen hören. Zuvor macht er, auf eine Entfernung von etwa 20 Metern, eine zweite Frequenz aus von etwa 300 Hertz.
    "Wir haben nachweisen können, dass diese zweiten Vibrationen dadurch verursacht werden, dass der Wind durch die Gräser weht, die auf den kleinen Hügeln wachsen. Die sich wiegenden Gräser erzeugen eine Resonanzschwingung im Hügel und eine seismische Welle, die durch den Sand läuft. Der Maulwurf erkennt diese Frequenz und ortet dann, wo sich sein Fressen befindet."

    Unzählige solcher Sandhügel besucht er so in einer Nacht, um satt zu werden. Bis zu fünf Kilometer ist er dabei unterwegs. Erst am Morgen, wenn die Sonne über der Wüste aufgeht und es unerträglich heißt wird, vergräbt er sich tief im Sand und schläft. Der Biologe Peter Narins denkt derweil darüber nach, ob man das spezielle und extrem sensible Geophon nicht auch nachbauen könnte.

    "Wenn wir einen mechanischen Nachbau dieses Mittelohres herstellen könnten - und ich halte das für durchaus möglich - dann wäre so ein Gerät empfindlicher als die gängigen Geophone. Man könnte damit Bewegungen in der Erde registrieren und frühe Signale von Erdbeben messen. Das ist natürlich noch Zukunftsmusik – aber durchaus möglich."