Samstag, 24. September 2022

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Kopieren geht über Studieren

Wer in wissenschaftlichen Arbeiten Textstellen aus anderen Arbeiten übernimmt, ohne dies kenntlich zu machen, begeht ein Kapitalverbrechen. Entsprechend streng sind die Regeln für Studenten: Wer plagiiert, der täuscht. Wer täuscht, der fällt durch. Zumindest in der Theorie. So hart, wie es die Universitäten glauben machen wollen, wird bei Plagiaten jedoch nicht durchgegriffen.

Von Stephan Musholt | 24.02.2009

    Am Ende war das Urteil eindeutig: Der Kläger hat gegen das Verbot wissenschaftlicher Redlichkeit verstoßen und sich mit fremden Federn geschmückt, so das Verwaltungsgericht Münster. Das ist bitter für Nevzat A. Er hat vor Gericht das Gegenteil feststellen wollen: Er habe in seiner BWL-Diplomarbeit nicht plagiiert, wie es ihm die Uni Münster vorwirft, sondern lediglich falsch zitiert.

    Er klagte vergeblich. Es bleibt bei mangelhaft. A. ist durchgefallen. Zum zweiten Mal. Im Erstversuch hatte er zu viele Klausuren nicht bestanden. Die durfte er nachholen. Eine zweite Chance bei der Diplomarbeit bekommt er deshalb nicht. Sechs Jahre Studium umsonst. Alles, was A. bleibt, ist sein Abitur.

    "Ich habe mein Abiturzeugnis. Ich bin ja eigentlich Diplomkaufmann, ob sie mir jetzt mein Diplomzeugnis geben oder nicht, ich bin Diplomkaufmann. Da muss man jetzt mal sehen, wie es beruflich weitergeht."

    Es ist das erste Mal in NRW, dass eine Software eine Abschlussarbeit als Plagiat identifiziert und das vor Gericht kommt. In diesem Fall sind die persönlichen Umstände für den Studenten zwar sehr unglücklich. In der Sache ist die Wirtschaftswissenschaftliche Fakultät der Uni Münster jedoch zufrieden mit dem Urteil. Es gibt jetzt ein Stück mehr Rechtssicherheit in Bezug auf Plagiate, sagt Dr. Walter Schmitting, der Betreuer der Diplomarbeit:

    "Also wenn wir heute verloren hätten, dann hätte ich das auch als Signal gesehen, nämlich dass wir offensichtlich in der falschen Richtung unterwegs sind. Nur, dass hätte auch stark den Grundsätzen des wissenschaftlichen Arbeitens widersprochen. Dann hätte man noch allerhand mehr in Frage stellen müssen. Denn dann wäre das ganze System der eidesstattlichen Versicherung, das zieht sich durch alle Fachbereiche durch, wäre hinfällig gewesen."

    Prüfungsurteile juristisch überprüfen zu lassen ist immer aufwändig für eine Uni. Ein Gutachten und die Gerichtsverhandlung fressen Zeit und Ressourcen. Oft schrecken Unis deshalb davor zurück, gegen Plagiate vorzugehen. Die Uni Münster ist in diesem Fall jedoch hart geblieben.

    Das freut auch Professorin Debora Weber Wulff von der Fachhochschule für Technik und Wirtschaft in Berlin. Sie ist Expertin auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Plagiate und kennt sowohl das deutsche als auch das amerikanische Prüfungssystem. Das Einschreiten deutscher Unis empfindet sie als sehr zaghaft:

    "Viele Universitäten haben Angst. Sie haben Angst vor Gericht zu kommen, die haben Angst, dass sie irgendwie das falsch machen können. Das ist ein Unterschied zwischen Deutschland und zum Beispiel in den USA. Wenn man mit einem Plagiat erwischt wird: Raus. Man wird von der Hochschule ausgesperrt und die Studiengebühren werden nicht zurückgezahlt."

    In den USA sind Programme, die Plagiate aufstöbern, viel leistungsfähiger und die Lizenzen sind sogar günstiger als in Deutschland. In den deutschen Medien waren diese Plagiatfinderprogramme in den letzten Jahren immer wieder Thema. In der akademischen Wirklichkeit haben sie sich aber bislang nicht durchgesetzt. In Deutschland gibt es für sie noch keinen Markt.

    "Sie sind ja blöd, wenn sie das überprüfen. Erstens machen Sie sich Arbeit. Und zweitens, wenn dann ein entsprechender Fall hochkommt, dann haben sie eine Menge Ärger am Hals. Und drittens: Keiner zwingt mich das zu überprüfen, das ist nur so eine ethische Geschichte. Und deshalb kann man das auch sein lassen."

    So zitiert Schmitting einen Professoren einer anderen Hochschule. An Schmittings Fakultät hat man sich letztlich für eine Low-Cost-Lösung entschieden.

    "Also selbst diese Software zu kaufen, die jetzt nicht so viel gekostet hat, das hat schon Widerstand gegeben, den man erstmal brechen musste."

    Das Programm aus Münster ist vergleichsweise simpel. Es durchsucht lediglich Internettexte, um Plagiate zu finden. Lehrbücher, Aufsätze oder andere wissenschaftliche Arbeiten, die nicht im Netz frei zugänglich sind - sie werden nicht erfasst. Ob A. erwischt worden wäre, wenn er aus diesen Quellen kopiert hätte?

    Wie hoch die Dunkelziffer an Plagiaten in Abschlussarbeiten ist, ist nicht bekannt. Eine Umfrage des Instituts für Erziehungswissenschaften der Uni Münster aus dem Jahre 2007 stimmt wenig hoffnungsvoll. 60 Prozent der befragten Studenten gaben an, schon mal kopiert zu haben. 20 Prozent haben längere Passagen übernommen. Den Rückgriff auf das Prinzip Copy/Paste begründen Studenten häufig mit Stress. Und Stress ist in der Generation Bachelor-/Master ein Thema von wachsender Bedeutung. Umso ernster sollten die Universitäten ihre Aufgaben nehmen, den Studenten korrektes wissenschaftliches Schreiben beizubringen, so Weber-Wulff:

    "Es ist so erschreckend, wie viele Leute der Meinung sind, ach a wieso, es ist schon so schön geschrieben, ich übernehme das einfach, ich habe keine Zeit. Die ganzen Ausreden, die ich höre, auch bei den Hausarbeiten. Wo ich ganz traurig drüber bin, dass die Leute nicht verstanden haben, was für ein schöner Spaß es ist, zu recherchieren und zu formulieren also in eigenen Worten wiederzugeben, worum es geht."

    Für A. ist es zu spät, das wissenschaftliche Schreiben zu lernen.

    "Dieses Urteil ist nicht gerecht oder gerechtfertigt und wenn diese Arbeit Plagiat ist, dann ist jede zweite Arbeit an der Uni Münster Plagiat."

    Ob er Rechtsmittel gegen das Urteil einlegen wird, weiß er noch nicht.