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Korruption im Musterland

"Wir können alles außer Hochdeutsch", heißt es in einem Werbeslogan für Baden-Württemberg. Dass das Bundesland auch in Sachen Filz, Korruption und Kumpanei anderen Ländern in keiner Weise nachsteht, zeigen sechs Journalisten. Sie haben Skandale aus Politik, Justiz und Wirtschaft in einem Buch zusammengefasst.

Von Thomas Wagner |
    Sie nennen ihn immer noch "Big Mani". Gemeint ist der Geschäftsmann Manfred Schmider aus dem badischen Ettlingen. Er saß sieben Jahre lang in Haft, nachdem er nur auf dem Papier existierende Bohraggregate an Banken verkauft und zurückgeleast hatte. Geschätzter Schaden: 2,6 Milliarden Euro - der größte Fall von Wirtschaftskriminalität in der Bundesrepublik. Der Fall ist mittlerweile aufgeklärt - fast.

    "Nur eine Spezies und ein Tatbestand blieben für die Staatsanwaltschaft tabu, als gelte es, sich nicht mit der Pest anzustecken: Jene politische Landschaftspflege an führende baden-württembergische Landespolitiker. Was waren die Gründe dafür?"

    Meinrad Heck, Korrespondent der "Stuttgarter Zeitung", liest aus dem Kapitel "Das Manifest: Der Fall Flowtex und seine Rätsel", erschienen in dem Bändchen "Wir können alles – Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle". Heck ist einer von sechs baden-württembergischen Journalisten, die den Band auf den Weg gebracht haben - mit Geschichten, die zumindest in dieser Form nicht in den Zeitungen stehen.

    "Der Meinrad Heck hat über acht Jahre hinweg einzelne Artikel geschrieben. Aber jetzt, in der Zusammenfassung, wissen sie, wie der Hase rennt. Wenn Sie die Presse, ich rede jetzt mal von der Tagespresse, die Artikel anschauen, dann sehen Sie, dass die immer kleiner werden. Die Umfänge werden geringer, dafür kriegt man mehr Bilder, mehr Grafiken. Da ist in der Tat ein Problem, längere Texte zu platzieren. Und wir haben gesagt: In geballter Form hat das auch eine viel höhere Schlagkraft","

    sagt Herausgeber Josef-Otto Freudenreich, im Hauptberuf Chefreporter der Stuttgarter Zeitung. Und so liest man dann in dem Bändchen von Landräten, die sich schon gerne mal als König anreden lassen, von Regierungsmitgliedern, die Freundschaften zu zweifelhaften Geschäftsleuten pflegen, und von der Korruptionsaffäre, die 2005 den damaligen Daimler-Chrysler-Konzern heimsuchte.

    Der Fall ist zwar von den Gerichten aufgearbeitet - aber eher ein wenig widerwillig, befindet der Stuttgarter Buchautor und Stern-Mitarbeiter Rainer Nübel in seinem Beitrag:

    ""Da hat man zehn Jahre lang Hinweise auf solche Ereignisse im Konzern. Und es bedarf dann der amerikanischen Börsenaufsicht und des amerikanischen Justizministeriums, damit dann auch mal eine Staatsanwaltschaft in Stuttgart tätig wird. Dieses gibt zu denken."

    Der Vorwurf der Kumpanei zwischen Politik, Kirche, Parteien und Geschäftsleuten zieht sich viel deutlicher als in den Tageszeitungen wie ein roter Faden durch das Buch - eine Form der Kumpanei, die gerade auch für Journalisten schwer erkennbar ist. Rainer Nübel:

    "In Baden-Württemberg ist es so, dass es einfach sehr familiär und es, offen gesprochen, sehr sympathisch daherkommt, so dass man manchen Leuten, und die Erfahrung mache ich als jemand, der bundesweit arbeitet, in Baden-Württemberg nicht zutraut, dass sie solche Seilschaften haben. Das ist in anderen Bundesländern ein Stück weit anders."

    Darüber hinaus wollen die sechs Journalisten mit ihrem Buch einen Akzent setzen - gegen den Trend in vielen Tageszeitungen, Redaktionspersonal abzubauen und damit die Grundlage zu Recherchen mit möglicherweise skandalträchtigen Ergebnissen zu entziehen. Herausgeber Josef-Otto Freudenreich:

    "Früher hatten wir ja auch noch Verleger, die publizistisch gedacht haben. Die sterben langsam aber sicher aus. Und diese Verleger haben tatsächlich auch noch ein Anliegen gehabt mit ihrer Zeitung, das zu tun, was die Verfassungsväter eigentlich wollten, nämlich eine demokratische Presse, die an der Willensbildung, an der Information der Menschen einfach ein Interesse hat. Heute habe ich den Eindruck, könnte manche Zeitung auch eine Schraubenfabrik sein, so wie sie geleitet wird."

    Dass mehrere tausend Exemplare ihres Buches bereits vorbestellt seien, zeige hingegen, dass es auch für investigative Beiträge einen Markt gebe.

    "Das ist für mich wirklich ein ermutigendes Zeichen. Und wenn die Verlage endlich mal begreifen würden, dass man damit auch eine erfolgreiche Zeitung machen kann, dann fände ich, wäre uns schon mal was gelungen."

    Literaturhinweis:
    Josef-Otto Freudenreich: Wir können alles. Filz, Korruption und Kumpanei im Musterländle
    Klöpfer & Meyer, Tübingen
    240 Seiten, 19,90 Euro