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Kosmisches Staubtuch

Astronomie.- Wenn neue Sterne entstehen, umgibt sie nach gängiger Theorie eine Staubscheibe, die erst nach Tausenden bis Millionen Jahren verschwindet. Nun berichten Astronomen aber von einem Stern, der seine Staubscheibe viel schneller loswurde: in nur zwei Jahren.

Von Dirk Lorenzen |
    Vor 30 Jahren hat der Infrarotsatellit IRAS bei einem Objekt im Sternbild Zentaurus viel Wärmestrahlung entdeckt. Diesem Stern in einer Entfernung von etwa 450 Lichtjahren gilt seit einiger Zeit das besondere Interesse von Carl Melis. Der Astronom an der Universität von Kalifornien in San Diego beschäftigt sich vor allem mit jungen Sternen, die unserer Sonne ähneln:

    ""Wir haben diesen Stern regelmäßig beobachtet und festgestellt, dass ihn viel Staub umgibt, der mehr als 100 Grad Celsius heiß ist. Plötzlich aber sah es so aus, als verschwinde die Staubscheibe. Jetzt ist der ganze Staub, den wir zuvor beobachtet haben, nicht mehr da.”"

    Mindestens bis zum Jahr 2008 hat diesen Stern eine Scheibe umgeben, die Myriaden mikrometergroßer Staubteilchen enthielt. Die Gesamtmasse des Staubes betrug etwa ein Tausendstel der Erdmasse. Doch zwei Jahre später war vom Staub nichts mehr zu sehen. Es ist äußerst ungewöhnlich, dass sich kosmische Objekte in so kurzer Zeit so dramatisch verändern – üblicherweise arbeiten die Astronomen mit Zeiträumen von Tausenden, Millionen, wenn nicht gar Milliarden von Jahren. Carl Melis und sein Team haben zwei vage Ideen, was dort innerhalb von nur zwei Jahren geschehen sein könnte.

    ""Zum einen könnte es in der Staubscheibe beim Zusammenstoß größerer Brocken plötzlich viel mehr kleine Staubteilchen gegeben haben. Diese sind mit dem schon vorhandenen Staub kollidiert und die Trümmerstückchen waren dann so klein, dass sie allein von der Strahlung des Sterns weggefegt wurden. Zum anderen könnte in diesem System plötzlich viel Gas gewesen sein, das den Staub in der Scheibe gebremst und so zum Absturz auf den Stern gebracht hat. Diese Szenarien wären zeitlich vielleicht möglich, aber wir halten beide nicht für die zutreffende Erklärung dieses Phänomens.”"

    Die Astronomen stehen vor einem großen Rätsel: Die Beobachtungen erfolgten mit zwei verschiedenen Instrumenten, so dass ein simpler Messfehler nicht vorliegen kann. Der Stern selbst hat sich im Laufe der Zeit völlig normal verhalten, hat keine Strahlungsausbrüche oder ähnliches erlebt. Auch ist ausgeschlossen, dass irgend etwas einfach den Blick auf den Staub verdeckt. Es bleibt wohl nur der Schluss, dass bei jungen Sternen Prozesse ablaufen, von denen die Forscher bisher nichts geahnt haben – und die von großer Bedeutung für die Entstehung erdähnlicher Planeten sein könnten. Denn dieser mit einem Alter von zehn Millionen Jahren sehr junge Stern galt als perfekter Kandidat dafür, dass sich aus dem Staub und den Gesteinsbrocken in seiner Umgebung eines Tages Planeten bilden. Bis dahin aber vergehen nach allen bisherigen Theorien fast Millionen Jahre. Carl Melis und sein Team haben also eine harte Nuss zu knacken.

    ""Wir beantragen gerade Beobachtungszeit bei vielen anderen Teleskopen, um den Stern bei verschiedenen Wellenlängen zu beobachten und so ein wirklich komplettes Bild des Geschehens zu bekommen. Zudem suchen wir nach ähnlichen Objekten. Bis vor einem Jahr war dieser Stern der staubreichste, den wir kannten – doch jetzt haben wir einen Stern entdeckt, der von noch mehr Staub umgeben ist. Den behalten wir genau im Auge – vielleicht passiert dort etwas ähnlich Bizarres.”"

    Noch könnte die verschwundene Staubscheibe einen kurioser Sonderfall sein. Doch spätestens wenn sich dieses Phänomen noch einmal zeigen sollte, müssten neue Theorien her. Womöglich entstehen felsige Planeten wie unsere Erde viel rasanter als bisher gedacht.