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KosovoMassenexodus der Jugend

Seit sieben Jahren ist die frühere jugoslawische Provinz Kosovo eine unabhängige Republik. Der jüngste Staat Europas ist allerdings einer der ärmsten auf dem alten Kontinent. Jeder Dritte lebt in Armut. Jetzt verlassen die Menschen scharenweise ihre Heimat - in Richtung Nachbarländer, die die Kosovaren aber nicht aufnehmen wollen.

Von Stephan Oszváth | 13.02.2015

Eine Mädchen schaut Plementina bei Pristina im Kosovo aus dem Fenster einer Wohnung fotografiert am
Lost Generation: Jugendlichen im Kosovo bieten sich kaum Perspektiven. (picture-alliance / ZB / Jens Kalaene)
Subotica, im Norden Serbiens. Die Stadt ist rot markiert auf der Landkarte vieler Kosovaren. Hierhin sind sie gekommen in den vergangenen Wochen und Monaten. Mit Bussen und Taxis. Täglich sind es Hunderte. Von hier wollen sie weiter: Nach Deutschland, Österreich oder die Schweiz - dorthin, wo Freunde und Verwandte leben. "Im Kosovo gibt es keine Arbeit", sagt dieser Mann, "wir haben nichts zum Leben. Viele sind deshalb los. Das haben wir gesehen. Und so haben wir auch das Land verlassen."
Busunternehmer haben sich eine goldene Nase verdient, die Preise haben sich vervielfacht. Bis zu zehn Busse haben sie täglich aus Prishtina losgeschickt, fünf aus Bujanovac im Süden Serbiens, an der Grenze zum Kosovo. Anlässlich des Aderlasses hat Kosovo-Premier Isa Mustafa schon vor Wochen beklagt: "Wir sind verpflichtet, den Kosovo zu einem guten Ort zum Leben und Arbeiten zu machen. Deshalb arbeiten wir daran, Wirtschaftswachstum und Jobs zu schaffen, Verträge über Saison-Arbeit mit anderen Ländern zu schließen, die Qualität von Bildung und Gesundheit zu erhöhen. Und besonders Jobs für junge Leute zu schaffen."
Jeder Dritte lebt in Armut
Derzeit lebt jeder Dritte Kosovare in Armut, jeder zweite junge Kosovare ist arbeitslos. Die Perspektivlosigkeit treibt sie weg. Der Mittelstand flieht. Schleuser bringen die Kosovaren über die ungarische Grenze, oder noch weiter - offenbar auch mit Hilfe korrupter Polizisten. Viele Kosovaren bleiben in Ungarn hängen. Seit Jahresbeginn waren es 20.000, so die Polizeistatistik der Ungarn. Der serbische Premier Aleksandar Vucic verspricht: "Wir treffen alle Maßnahmen, gemäß Vereinbarungen mit Deutschen, Österreichern und Ungarn und das werden wir fortsetzen. Wir bringen sie langsam dorthin zurück, woher sie gekommen sind. Wir dürfen das Recht auf Bewegungsfreiheit nicht verletzen, erfüllen aber unsere Verpflichtungen. Wenn die EU sie nicht aufnehmen will, werden wir sie ins Kosovo zurückbringen. Ich spreche von den Menschen, die unter unserer Kontrolle stehen, also sich auf unserem Territorium befinden."

Vucic bezieht sich auf ein Grenzabkommen mit dem Kosovo. Danach können Kosovaren mit Personalausweis nach Serbien einreisen. Werden sie nach illegalem Grenzübertritt in Ungarn gefasst, muss Serbien sie nicht zurück nehmen. Die Last trägt Ungarn. "Die Migration ist ständig stärker geworden", sagt Gizella Vas vom ungarischen Grenzschutz. "Im Jahr 2012 haben wir 4.000 Illegale an der serbischen Grenze gefasst, und mehr als 3.000 wurden von den Serben zurückgenommen. Von den 40.000 im Jahr 2014 konnten wir nur knapp 2.800 wieder abschieben."
Verstärkte Kontrollen
Diplomaten und hochrangige Polizeivertreter haben angesichts des Ansturms in dieser Woche eine rege Reisetätigkeit entfaltet: man trifft sich in Wien, in Belgrad, in Budapest. Deutsche Grenzer sollen jetzt zusätzlich an der serbisch-ungarischen Grenze aufpassen. Die bayerische Europa-Ministerin Beate Merk, CSU, ist nach Prishtina geflogen. Im ARD-Interview sagt sie: "Asylrecht ist nicht für die Menschen aus dem Kosovo da. Es geht um Informationspolitik, man muss den Menschen sagen, was richtig ist. Man muss ihnen auch sagen, welche Gefahren für sie bestehen. Man muss ihnen sagen, dass, wenn sie alles verkaufen, wenn sie ihre Kinder aus der Schule nehmen, dass sie sich selbst dann schaden, dass sie selbst dann hinterher kein Geld mehr haben, vor allem wenn sie dieses Geld auch noch kriminellen Schleusern geben."

Nach ARD-Informationen kommen derzeit weniger Kosovaren in Subotica an. Die ungarische Polizei bestätigt: Die Zahl der illegalen Grenzgänger aus dem Kosovo hat sich seit Dienstag halbiert - von 1.200 auf 600 pro Tag. Seitdem sind auch im südserbischen Bujanovac keine Migranten-Busse mehr gesehen worden, berichtet der Belgrader Sender B92. Er führt das auf verstärkte Kontrollen der Kosovo-Grenzer zurück. Auch aus Prishtina fahren deutlich weniger Busse.