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StartseiteCampus & KarriereHumboldt-Uni öffnet die Tore für Flüchtlinge22.09.2015

Kostenlos studierenHumboldt-Uni öffnet die Tore für Flüchtlinge

"Studium nicht gestattet" - diesen Vermerk stempelt die Berliner Ausländerbehörde bisher jedem Asylsuchenden in die Papiere. Ab Oktober können Flüchtlinge nun alle Lehrveranstaltungen der Humboldt-Universität kostenlos besuchen und auch Klausuren mitschreiben. Doch es gibt einen Wermutstropfen.

Von Susanne Arlt

Das Denkmal Alexander von Humboldts auf der Straße Unter den Linden in Berlin vor der Humboldt-Universität, geschaffen um 1900 von R. Begas und M.P. Otto. (picture alliance / ZB / Hubert Link)
Das Denkmal Alexander von Humboldts auf der Straße Unter den Linden in Berlin vor der Humboldt-Universität, geschaffen um 1900 von R. Begas und M.P. Otto. (picture alliance / ZB / Hubert Link)
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"Studium nicht gestattet" - drei Wörter, die abschrecken. Bislang stempelte die Berliner Ausländerbehörde sie jedem Asylsuchenden in die Papiere. So auch bei Andrew Moussa. Der 22-jährige Ägypter ist vor gut einem Jahr nach Deutschland geflohen. Als politischer Aktivist und Christ fühlte er sich in seiner Heimat nicht mehr sicher. Sein Journalistik-Studium musste er abbrechen. Jetzt ist sein größter Wunsch: In der neuen Heimat so schnell wie möglich weiterstudieren. Dass man ihm dies per se erst einmal in Berlin verweigerte, war ein Schock für ihn.

"Da habe ich mir gedacht, dass Deutschland mich nicht positiv ausnutzen will. Weil, wenn ich jetzt anfange zu studieren, kann ich in der Zukunft etwas gut für Deutschland machen und das ist auch besser für mich. Anstatt, dass ich zuhause bleibe und nicht das tue. "

Andrew Moussa gibt damals aber nicht so schnell auf. Er paukt Deutsch, besucht Kurse bei einem Bildungszentrum, sitzt stundenlang in Bibliotheken, um lesen zu üben. Mit Erfolg. Nach nur einem Jahr spricht er so gut Deutsch, dass er problemlos einer Lehrveranstaltung an einer Hochschule folgen könnte. Wäre da nicht der Stempel in seinen Papieren, sagt Andrew Moussa.

Jetzt schöpft der junge Ägypter neue Hoffnung. Die Humboldt-Universität will ab dem Wintersemester Flüchtlingen ein kostenloses Gasthörerstudium anbieten. Dazu fand an diesem Vormittag eine Infoveranstaltung statt, zu der auch Andrew Moussa gekommen ist.

"Ich habe mir gesagt, Gasthörer ist besser als nichts. Solange ich nicht studieren darf, probiere ich das mal. Vielleicht kann ich dadurch wissen, was mir Spaß machen kann. "

Der Saal im ersten Stock ist bis auf den letzten Platz belegt. HU-Präsident Jan Hendrik Olbertz begrüßt die meist ausländischen Gäste auf Englisch.

Andrew Moussa und die anderen Flüchtlinge erfahren, dass sie ab Oktober alle Lehrveranstaltungen der HU kostenlos besuchen und auch Klausuren mitschreiben dürfen. Einziger Wermutstropfen: Die erbrachten Leistungen lassen sich anschließend nicht auf ein reguläres Studium übertragen.Das Beste dann kommt zum Schluss: Der Stempel der Ausländerbehörde "Studium nicht gestattet" ist ab sofort ungültig. So hat es der Innensenator angeordnet. Andrew Moussa schaut erleichtert.

Trotzdem – es bleiben Hürden bestehen. Für eine Hochschulzugangsberechtigung braucht man eine Anerkennung der bisher im Heimatland erbrachten Schul- oder Studienleistungen. Außerdem muss jeder Flüchtling nachweisen, dass er seinen Lebensunterhalt auch ohne Unterstützung aus dem Asylbewerberleistungsgesetz bestreiten kann. Bafög darf aber nicht jeder von Anfang an beantragen. Aktuell müssen geduldete Flüchtlinge vier Jahre warten, bis sie ein Recht darauf haben. Ab dem ersten Januar sind es durch die Bafög-Reform nur noch 15 Monate. Ein Fortschritt, sagt Steffen Krach, Wissenschafts-Staatssekretär.

"Ich bin der Meinung, wir müssen insgesamt alle Bundesländer und der Bund ins Gespräch kommen, wenn man nicht die Frist beim Bafög ändert, muss man aber auch für diese Phase eine Finanzierung hinbekommen. Ob das jetzt über das Asylbewerberleistungsgesetz ist, oder über eine weitere Verkürzung der Bafög-Wartezeit, das muss man diskutieren, aber man braucht definitiv für den Zeitraum eine Lösung."

So sieht es auch HU-Präsident Jan Hendrik Olbertz. Er begrüßt es, dass die Hochschulen vom Senat kurzfristig mehr Geld erhalten für den Ausbau der Sprach- und Vorbereitungskurse und vor allem für die Studienkollegs. An diesem Vormittag wird deutlich, vieles ist in Bewegung. In der Politik und in der Hochschulbürokratie. Andrew Moussa geht es trotzdem nicht schnell genug.

"Ja es gibt irgendwie Änderung, aber ich finde das so spät und es läuft irgendwie so langsam in Deutschland. Also ich kann immer noch nicht glauben, wie das Thema sehr aktuell jetzt ist, trotzdem macht man dagegen nicht viel. "

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